Endlich gemeinsam lernen

Die Mischung macht’s: Auch wenn die Kultusminister es nicht wahrhaben wollen, hat UNO-Beobachter Vernor Muñoz recht. Wir brauchen ein neues Schulsystem

Alles wie gehabt: Die Befürworter des mehrgliedrigen Schulsystems zeigen sich unbelehrbar. Es hat sie nicht beeindruckt, dass bei Pisa die Länder am besten abgeschnitten haben, die konsequent auf gemeinsames Lernen setzen. Ihr Vorurteil, in Deutschland sei erfolgreiches Lernen nur möglich, wenn Kinder »begabungsgerecht« in homogene Gruppen sortiert werden, konnte auch die Grundschulstudie Iglu nicht erschüttern.

Und wenn jetzt UNO-Menschenrechtsbeobachter Vernor Muñoz darauf aufmerksam macht, dass kaum ein Bildungssystem so selektiv, diskriminierend und sozial ungerecht ist wie das deutsche, dann reagieren Kultusminister und Bildungspolitiker beleidigt. Das Schulsystem, so die mantra-artig wiederholte Formel, ist nicht veränderbar. Bitte keine Strukturdebatte.

Wieso eigentlich nicht? Warum nicht endlich den deutschen Sonderweg beenden und eine gemeinsame Schule für alle Kinder einrichten – so wie es weltweit üblich ist? Weil damit die heilige Kuh der deutschen Bildungslandschaft angetastet würde: das Gymnasium.

Um dies zu verhindern, propagiert nun der Aktionsrat Bildung ein zweigliedriges Schulsystem. Doch wenn dessen Vorsitzender Dieter Lenzen argumentiert, das Gymnasium sei »schließlich die beliebteste Schulform«, zeugt das von wenig geistiger Anstrengung. Mit derselben Logik ließe sich behaupten, eine Suche nach Alternativen zu fossilen Brennstoffen wäre unnötig, weil die Gasheizung schließlich die beliebteste Heizmethode in Deutschland sei.

Das Gymnasium ist aus drei Gründen beliebt: Aus Sicht der Eltern ist es die Schulform, die ihren Kindern die besten Chancen bietet. Wer es dorthin geschafft hat, kann sicher sein, je nach Bundesland die Hälfte oder sogar zwei Drittel aller potenziellen Konkurrenten um Ausbildungs- und Arbeitsplätze abgehängt zu haben. Eltern müssten verrückt sein, würden sie diesen Wettbewerbsvorteil nicht nutzen.

Dazu kommen Vorteile, die nur hinter vorgehaltener Hand genannt werden: Man bleibt unter sich. Gymnasien haben einen geringen Ausländeranteil, sie nehmen wenig verhaltensauffällige und fast keine armen Kinder auf. Letztere hätten auch Schwierigkeiten, die Nachhilfestunden zu bezahlen, die mittlerweile jeder vierte Gymnasiast braucht.

Der dritte Grund, der auch nie offen ausgesprochen wird: Gymnasiallehrer unterrichten nicht nur die Kinder der Besserverdienenden, sie werden selbst auch besser bezahlt als andere Lehrer und haben vergleichsweise angenehme Arbeitsbedingungen. So wäre es mehr als erstaunlich, würde etwa der Philologenverband für die Einführung der Gemeinschaftsschule nach skandinavischem Muster eintreten.

Es gibt nur ein einziges pädagogisches Argument für ein mehrgliedriges Schulsystem: Die begabungsgerechte Förderung, die in der »Einheitsschule«, so der Kampfbegriff aller Gesamtschulgegner, nicht möglich sein soll. Die Vorstellung einer Schule für alle Kinder, in der Schnelle und Langsame, Hochbegabte und Kinder mit Lernschwierigkeiten, deutsche Arzttöchter und türkischstämmige Migrantensöhne gemeinsam lernen sollen, ist vielen Deutschen fremd, vielleicht sogar unheimlich.

In den meisten Industrieländern ist dies jedoch alltägliche Praxis. So kennen weder Norwegen noch Italien, weder Kanada noch Finnland Sonderschulen. In Deutschland sind sie dagegen zum Auffangbecken für all diejenigen geworden, die nicht ins Schema passen. Nirgends auf der Welt werden Kinder so früh und so rigoros getrennt wie hierzulande – ohne dass die Erfolge das rechtfertigen würden.

Im Dezember vergangenen Jahres hat die Robert-Bosch-Stiftung gemeinsam mit der Heidehof-Stiftung hervorragende – vielleicht sogar die besten – Schulen Deutschlands ausgezeichnet. Unter 481 Bewerbern wurden 18 nominiert; fünf erhielten schließlich den deutschen Schulpreis. Darunter war kein einziges Gymnasium.

Roman Rösch, Projektleiter bei der Robert-Bosch-Stiftung, will sich zur Gretchenfrage »Wie hältst du es mit dem Schulsystem« nicht äußern. Doch gute Schulen, und das ist seiner Auffassung nach unstrittig, seien Schulen, die individuell fördern – und die Vielfalt nicht als Problem, sondern als Chance begreifen. Alle Preisträger habten die »Heterogenität absichtlich erhöht«, etwa indem sie Kinder unterschiedlichen Alters mischen oder Schüler mit und ohne Behinderungen gemeinsam unterrichten.

Was scheinbar ein Nachteil ist, erweist sich in der Praxis als Vorteil. Sobald das Dogma der gleichen Begabung aufgegeben wird, müssen die Schulen neue Lernformen einführen. Der besonders im Gymnasium so beliebte »fragend-entwickelnde« Frontalunterricht, wo alle 45 Minuten ein anderer Lehrer die Klasse durch geschickte Fragen auf die vorher ausgelegte Fährte lockt, funktioniert dann nicht mehr – was sich als Segen erweist.

Von heterogenen Gruppen profitierten dabei nicht nur die schwächeren, sondern auch die leistungsstarken Schüler, sagt Anne Ratzki, Expertin für internationale Bildungssysteme. Sie hat eine einleuchtende Erklärung für dieses auf den ersten Blick verblüffende Phänomen: »Wenn ich etwas gelernt habe und es jemand anderem erklären muss, verstehe ich es noch besser.« So begründet sie, warum das gemeinsame Lernen etwa in Finnland oder Südtirol so erfolgreich ist.
Warum sind dann Gesamtschulen in Deutschland so unbeliebt? Tatsächlich, und in diesem Punkt sind sich alle Befürworter einer Gemeinschaftsschule einig, war das deutsche Modell bisher immer nur eine Notlösung.

Zum einen war es nie eine Schule für alle Kinder, sondern eine fünfte Schulform – neben Gymnasium, Realschule, Haupt- und Sonderschule. Zum andern gab und gibt es keine entsprechende Aus- und Fortbildung für die Lehrer. »Wie lerne ich, heterogenen Gruppen gerecht zu werden?«, fragt Jürgen Riekmann vom Landesvorstand der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule in Hamburg. Kinder zu mischen bringt wenig Nutzen, wenn die Lehrer mit der Vielfalt nicht umgehen können.

Zum Dritten haben die Kultusminister den Gesamtschulen das Kurssystem aufgezwungen. Spätestens ab Stufe acht dürfen nicht mehr alle Fächer gemeinsam unterrichtet werden. Damit ist der größte Nachteil des deutschen Schulsystems, die Selektivität, in diese Schule hineingeholt worden, betont Anne Ratzki: »Innerhalb der Gesamtschule müssen die Kinder immer wieder neu eingeteilt werden.«

Bildungsforscher kritisieren denn auch, dass die Abstiegsangst in Gesamtschulen teilweise höher sei als in anderen weiterführenden Schulen. Die Schulkultur jedoch – auch dies hat Pisa gezeigt – hat einen wesentlichen Einfluss auf die Schülerleistungen. Wolfgang Melzer von der Technischen Universität Dresden meint, die Schulkultur der Pisa-Gewinner sei durch »Unterstützung der Schüler« gekennzeichnet. Deutschland dagegen gehöre zu den Ländern, in denen »Leistungsdruck vorherrschendes Merkmal« ist.

Eine gute Schule ist eine Schule, in der Kinder sich wohlfühlen. Deshalb bekommt in Finnland jedes Kind – kostenlos – ein gutes Mittagessen. Und deshalb legen die Schweden Wert auf eine ästhetische und ansprechende Umgebung. Sie sprechen sogar vom Raum als dem »dritten Pädagogen« – neben dem Mitschüler und dem Lehrer.

In Deutschland dagegen, wo es passieren kann, dass es zum Schuldach hineinregnet oder dass an den Wänden des Klassenzimmers der Salpeter blüht, wurden gerade die Gesamtschulen der ersten Generation als teilweise schon architektonisch furchterregende Lernfabriken errichtet: klotzig, vollklimatisiert, und – so wird zumindest aus dem Frankfurter Umland berichtet – in Einzelfällen angeblich sogar ohne Fenster.

Die Gesamtschule war politisch nur halbherzig gewollt. Gemessen daran ist sie dennoch erfolgreich. Vorzeigeschulen wie etwa die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, die Staatliche Montessorischule Potsdam oder die Max-Brauer-Schule in Hamburg können sich kaum retten vor Anmeldungen. In Nordrhein-Westfalen mussten die Gesamtschulen im vergangenen Jahr 50000 Schüler ablehnen, sagt Petra Frie, Geschäftsführerin des Landeselternrates der Gesamtschulen. Dennoch werden in Nordrhein-Westfalen ebenso wie in Hessen Neugründungen von Gesamtschulen massiv behindert, in Niedersachsen sind sie gar per Schulgesetz verboten.

Allen Beteuerungen der Politiker zum Trotz spielt der Elternwille dabei keine Rolle. Bezeichnenderweise gibt es nicht einmal eine repräsentative Umfrage, wie viele Bundesbürger überhaupt am gegliederten Schulsystem festhalten wollen – oder ob ihnen vielleicht das skandinavische Modell sympathischer wäre.

Dabei gibt es die gemeinsame Schule längst auch in Deutschland: die ersten vier Jahre lang. Sowohl Eltern als auch Kinder sind mit der Grundschule signifikant zufriedener als mit der weiterführenden Schule. Was also spricht dagegen, die Grundschulzeit zu verlängern? Schritt für Schritt, alle zwei Jahre um eine Klassenstufe. In zehn Jahren wäre Deutschland dann dort, wo die Pisa-Sieger heute schon sind: Bei der gemeinsamen Schule für alle Kinder von Klasse eins bis neun.

Andrea Teupke

 

 

aus dem Publik-Forum (online).

 

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