Positionen

Tagesspiegel vom 24.12.2001

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Aus der PISA-Studie nimmt sich ein jeder, was er zur Bestätigung seiner Überzeugungen braucht

Hartmut von Hentig

Soll ich tatsächlich die noble kleine Schar derjenigen Pädagogen und Politiker verlassen, die sich nicht zu PISA geäußert haben? Nun, ich werde es nicht tun: Ich werde mich nur zu den Äußerungen zu PISA äußern. Wie berechtigt meine Weigerung ist, wird durch die Dürftigkeit, Heftigkeit und - natürlich! - Widersprüchlichkeit der Reaktionen der anderen bestätigt. Sic tacuissent!

Die meisten konnten - wie ich - den mehr als 500 Seiten langen Bericht der Bildungsforscher gar nicht gelesen haben, allenfalls die Zusammenfassungen, die die Zeitungen schon unter dem Gesichtspunkt vorgenommen haben: Was wird das deutsche Publikum am meisten aufregen? Da kam dann gleichermaßen heraus, was man hören wollte und nicht hören wollte, so dass man gleich seine altgedienten Antworten geben konnte.

Ich selber hätte gern nach den Gründen für dies, den Vorbehalten gegen das, nach Verschiebungen und Verzichten gefragt, die mit einer solchen Studie einhergehen. Jedenfalls, bevor ich sage, was zu tun sei.

Ich muss, um zu urteilen, doch wissen, warum - nach der Studie unter dem Kürzel TIMSS - erneut Mathematik und Physik abgefragt wurden; warum man nun als drittes Fragestück das Lesevermögen gewählt hat - und nicht die vielberedete Kreativität oder die viel beschworene Wertorientierung oder die für die öffentliche Schule maßgebende Politikfähigkeit und Verantwortungsbereitschaft; und wenn schon Lesevermögen, warum ohne die Rede-, Gesprächs-, Schreibfähigkeit und ganz andere Anlässe für die Übersetzung von Wahrnehmung in Sinn, wie Plakate, Filme, Talkshows? - Antworten darauf wird die Studie enthalten; einige sind ja auch bekannt, zum Beispiel: In der TIMSS ging es um Lehrpläne, bei PISA um Alltagsanforderungen. Aber genau daran sieht man, ein wie weites Feld des Beobachtens, Prüfens, Nachdenkens, Ausprobierens sich mit der Studie auftut, so dass die Antworten, die kaskadenweise auf uns niedergehen, gar nicht richtig sein können: weder in ihrer unkoordinierten und unerfüllbaren Gesamtheit, noch gar als Einzelmaßnahmen.

Hier eine kleine Auswahl, damit man sieht, wovon ich rede: Die Schulen wählbar machen / Die Entscheidungsbefugnisse der Direktoren vermehren / Nachrüsten mit "interaktivem equipment" / Früheinschulung / Sprachförderung im Kindergarten / Keine Aufnahme von Ausländerkindern, die die deutsche Sprache "nicht beherrschen" (ich selber konnte kein Englisch, als ich in San Francisco eingeschult wurde) / Ganztagsschule "flächendeckend" / "Mut" zu strenger Benotung / Ausweitung der Stundenzahl in der Grundschule / "Weniger Staat, mehr Familie" / "Das Berufsbild des Lehrers korrigieren" / Deutliche Maßstäbe für die erwartete Leistung ("Benchmarking") / "Mehr Wettbewerb unter den Bundesländern" ...

Die letzten vier Forderungen waren in dieser Zeitung zu lesen. Hans-Olaf Henkel, der sie aufgestellt hat, sieht die Schule in einem einfachen und einprägsamen Bild: als Wettrennen um Lebenschancen - für die Einzelnen und für Deutschland. So werden die "besten Leistungen erzielt", sagt der Wirtschaftsmann.

Die Frage, ob so auch "die besten Schulen", "die besten Menschen", "die beste Polis", "das beste Leben" erzielt werden, sollten wir vielleicht wirklich verschieben, bis wir, erstens, die deutschen Schüler vom beschämenden 20. Platz - "deutlich unter dem OECD-Durchschnitt" - weggeholt und, zweitens, die beunruhigenden - sozial bedingten - Unterschiede innerhalb der deutschen Schülerschaft aufgeklärt und gemildert haben.

Dass dies keine Frage der Schulstruktur ist, scheint übereinstimmende Meinung derer zu sein, die heute darüber urteilen.

Ich bin mir da nicht so sicher, gerade weil ich überzeugt bin, dass die Hauptlast der Mängelbeseitigung bei der Didaktik anfällt, einer Lehrkunst, die ihrerseits eine Mathetik ermöglichen muss, eine Kunst, die die Lernlust der Kinder bewahrt, ordnet, an den eigenen Lernleistungen steigert. Das kann bei ganz kleinen Kindern nicht im großen Klassenverband gelingen; das verlangt (um der "Nachhaltigkeit" willen) sinnliche Wahrnehmung, trial and error, Gespräch, vergewisserndes Handeln; und alles zusammen braucht Zeit, nicht Hast. So bedingen sich Struktur und "Inhalt" gegenseitig.

Die Übernahme von finnischen oder japanischen Vorkehrungen wird dabei kaum helfen. Eine Kennerin der finnischen wie der deutschen Schule gibt mir fünf einfache Gründe dafür an, warum die deutsche von der finnischen so abgeschlagen wurde: 1. Kinder, deren Muttersprache nicht Finnisch ist, sitzen (außerhalb der Region Helsinki) in keiner normalen Klasse (während bei uns z. B. Aussiedlerkinder als Deutsche zählen und statistisch voll zu Buche schlagen); 2. Finnisch "wirt föllig foneetisch geschriiben"; 3. der finnische Satzbau fordert nicht, dass man den Satz bis zum letzten Wort gelesen hat, bevor man ihn versteht; 4. alle ausländischen Fernsehbeiträge laufen unsynchronisiert mit Untertiteln: Ein tägliches Training im schnellen "sinnerfassenden Lesen"; 5. jede Schule (es gibt nur öffentliche Gesamtschulen) hat für je drei Jahrgänge in den "schweren" Fächern eine Speziallehrerin für die schwachen Lerner: Das Förderkind wird während der regulären Fachstunde unterrichtet, die Fachlehrerin darf unterdessen nicht Neues durchnehmen. (In unserem dreigliedrigem Schulsystem kann die höhere Schulart die schlechteren Schüler an die niedrigere abgeben; eine besondere didaktische Anstrengung muss sie für diese nicht machen.)

Dies heißt nicht, dass wir nichts von den Finnen lernen können. Aber einzelne Maßnahmen können das nicht sein: In Finnland sind sie als Konfiguration wirksam.

Die deutschen Kultusminister haben nach der Veröffentlichung von PISA verlautet: Es gelte, die Studie "ernst zu nehmen". Sie haben dies selber nicht getan, denn zum Ernstnehmen gehört, das man sich der Leerformeln enthält. (Alle Sätze, die hier mit "fördern" und "verbessern" enden und mit "intensiver Nutzung", "verstärkter Anstrengung", "gezielten Programmen" prunken und nicht sagen, wie das geschehen solle, sind leer!) Auch die Absicht, "die Erkenntnisse von PISA zügig umsetzen" zu wollen, ist verräterisch. Welche Erkenntnisse denn?

Das von PISA angesprochene Thema Lesefähigkeit ist viel zu komplex und steht zudem im Zentrum des gesamten Bildungsvorgangs. Wir beherrschen die Welt durch Sprache durch das, wodurch wir uns die Welt verständlich machen. Es geht nicht nur um Sprachunterricht, es geht um Spracherziehung, Spracherfahrung in der genau und verständig sprechenden Schulgemeinschaft. Alles, was ein ruhiges assessment (das A von PISA!) verhindert, sollten wir sein lassen.

Ich selber habe die in den Zeitungen veröffentlichten Beispielsaufgaben aus PISA entweder falsch gelöst oder falsch verstanden - weil ich es "auf Anhieb" versucht habe!

Der Autor ist der renommierteste Reformpädagoge der Bundesrepublik und hat mit der Bielefelder Laborschule die Bildungspolitik der 70er Jahre geprägt.

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