Lehrkräfte haben höchste Arbeitsbelastung
Über 50 Prozent vom "Burn-Out-Syndrom" bedroht / Frauen stärker betroffen als Männer
zwd Berlin (ja) – Lehrkräfte werden durch ihre Arbeit so stark belastet wie keine andere Berufsgruppe. Über 50 Prozent der PädagogInnen wiesen "bedenkliche Tendenzen" auf, betonte der Psychologe Uwe Schaarschmidt bei der Präsentation der "Potsdamer Studie zur Lehrerbelastung" am 9. April in Berlin. "Den ‚faulen Hunden’ in der Fantasie vieler Kritiker stehen viele ‚arme Schweine’ in der pädagogischen Realität gegenüber", kommentierte der Vorsitzende des Beamtenbundes, Erhard Geyer, die Forschungsergebnisse.
Die unter Schaarschmidts Leitung an der Universität Potsdam durchgeführte Untersuchung wurde im Auftrag des Deutschen Beamtenbundes (dbb) erstellt und beleuchtet psychische und körperliche Beschwerden, die sich aus der Belastung durch den Lehrerberuf ergeben. Im Zentrum der Studie stand die Erfassung von Merkmalen des Arbeitsengagements, der Widerstandsfähigkeit und der arbeitsbezogenen Emotionen, die in vier Verhaltensmustern gebündelt wurden:
1. G (Gesundheit: die Beschäftigten zeigen hohes, aber nicht überhöhtes Engagement. Ihnen wird Belastbarkeit und Zufriedenheit zugeschrieben)
2. S (Schonung: dieses Muster ist geprägt durch reduziertes Engagement, Ruhe, Gelassenheit und relative Zufriedenheit)
3. A (Selbstüberforderung: die Beschäftigten zeigen exzessive Verausgabung und verminderte Erholungsfähigkeit; die Belastbarkeit und Zufriedenheit ist eingeschränkt)
4. B (Resignation: reduziertes Engagement bei geringer Erholungs- und Widerstandsfähigkeit, Unzufriedenheit und Niedergeschlagenheit)
In der Verteilung der Muster auf die gesamte Berufsgruppe stellten die Potsdamer Forscher eine deutliche Häufung bei den Kategorien A und B fest: Lediglich 20 Prozent der LehrerInnen wiesen das günstigste Muster (G) auf, wohingegen jeweils rund 30 Prozent in der dritten und vierten Gruppe einzuordnen seien – die Tendenz deute bei den Betroffenen darauf hin, dass sie schon unter dem so genannten Burn-Out-Syndrom litten oder auf dem besten Wege dorthin seien, warnt Schaarschmidt. In keiner anderen untersuchten Berufgruppe (etwa aus den Bereichen Pflege, Polizei, Feuerwehr, Strafvollzug, öffentliche Verwaltung, ExistenzgründerInnen) sei bislang ein vergleichbar hoher Anteil insbesondere der Kategorie B festgestellt worden.
Frauen sind besonders belastet
Signifikante Unterschiede weist die Studie auch zwischen den Geschlechtern auf: In die ungünstige B-Gruppe sind demnach sogar 41 Prozent der Lehrerinnen einzuordnen, ihre männlichen Kollegen nur zu 25 Prozent. Das günstige G-Muster trifft dagegen nur zu sieben Prozent auf die Frauen zu. Unter den Männern kann zumindest jeder Fünfte noch hohes Engagement in den Beruf einbringen.
Differenziert nach Schulformen stellte die Forschergruppe um Schaarschmidt eine Häufung des Risikomusters A in Grundschulen und Gymnasien, in Hauptschulen sogar der Kategorie B fest. Die insgesamt schlechten Werte der Berufsgruppe führt Schaarschmidt auf vergleichsweise ungewöhnlich hohe Konzentrationsbelastung zurück: "Sechs bis sieben Stunden ununterbrochen hoch konzentriert Arbeit zu leisten", gebe es in anderen Bereichen kaum, erläutert der Wissenschaftler.
Auf die Frage nach den am meisten belastenden schulischen Arbeitsbedingungen nennt die Studie zwei Faktoren, die an der Spitze stehen: Zum einen das Verhalten schwieriger SchülerInnen, zum anderen zu große Klassen. Als Schlussfolgerungen aus den gewonnen Erkenntnissen empfehlen die Forscher, beispielsweise auf die Rahmenbedingungen des Lehrerberufs Einfluss zu nehmen und Erziehung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu begreifen. Zudem müsse vor Ort ein Klima der Offenheit und gegenseitiger Unterstützung geschaffen und angemessener Raum zur Entspannung gegeben werden. Schließlich müsse dem Nachwuchs eine bessere Berufsorientierung geboten, die individuellen Eignungsvoraussetzungen gründlich geprüft und Handlungskompetenzen in der Ausbildung verbessert werden.
Für die Studie befragt wurden mittels eines Fragebogens rund 7.000 LehrerInnen aus dem ganzen Bundesgebiet und, um Vergleichswerte zur Verfügung zu haben, weitere 5.000 Beschäftigte anderer Berufsgruppen. Bis zum Jahr 2007 wird die Untersuchung erweitert, um insbesondere den Arbeitstag der PädagogInnen näher zu beleuchten.
Im Internet
www.dbb.de (09.04.2003)
www.dbb.de/dbbInteraktiv/Artikel/DBB/100403_113246.htm |