Montessori-Pädagogik in der Sekundarstufe

Ein Projekt an der Gesamtschule Hamburg-Bergstedt

Kein anderes reformpädagogisches Konzept dürfte international so weit verbreitet sein wie die Montessori-Pädagogik. Allein in Deutschland arbeiten etwa 400 Kindergärten und 180 Grundschulen nach ihren Grundsätzen und Methoden. Weniger bekannt ist hingegen die Tatsache, dass diese Pädagogik auch in der weiterführenden Schule zunehmende Verbreitung findet. Insgesamt praktizieren über 60 Sekundarschulen aller Schulformen vollständig oder teilweise (als Montessori-Zweig) diese Pädagogik. Die meisten von ihnen befinden sich wohl in NRW und Bayern. Bundesweit werden Fortbildungskurse angeboten, die für die Arbeit in der Montessori-Sekundarstufe qualifizieren.

Auch in Hamburg gibt es eine Klasse, die ihre Unterrichtsarbeit an den Grundsätzen der Montessori-Pädagogik ausrichtet und versucht, diese Prinzipien im Sekundarbereich umzusetzen. Entstanden ist diese nach Montessori-Methoden unterrichtete Integrationsklasse (kurz: "Montessori-Klasse") im Schuljahr 1999/2000 an der Gesamtschule Bergstedt in Fortführung einer Montessori-Klasse der Grundschule Hinsbleek in Poppenbüttel. Es war damals ausdrücklicher Wunsch vieler Eltern und SchülerInnen, auch in der Sekundarstufe "nach Montessori" lernen zu können. Inzwischen sind wir in Jahrgang 7 angelangt, aber unsere Aufbauarbeit ist immer noch in vollem Gange.

Was zeichnet die Arbeitsweise einer Montessori-Klasse aus und inwiefern können wir "von der Grundschule lernen"? Einige Elemente unserer Arbeit sind auch aus anderen Kontexten bekannt und sicher gibt es manchen Berührungspunkt mit der Arbeit nach Wochenplan, dem Projektlernen oder den unterschiedlichen Spielarten des "Offenen Unterrichts". Insofern erheben wir keinerlei Anspruch auf Originalität. Gleichwohl ergibt sich durch die Orientierung an den Grundsätzen eines reformpädagogischen Konzepts, mit dem wir uns im Rahmen einer Zusatzausbildung intensiv beschäftigt haben, ein ganz besonderes Profil. Für die Montessori-Pädagogik charakteristische Merkmale sind u.a.:

      1. die pädagogische Gestaltung des Klassenraums

      2. die Unterrichtsform Freiarbeit

      3. die Materialien für selbstständiges Lernen und

      4. das veränderte Lehrerverhalten.

1. Der Klassenraum als vorbereitete Umgebung

In der Montessori-Klasse ist die pädagogische Vorbereitung und wohnliche Gestaltung der Lernumgebung von zentraler Bedeutung, da man hier nicht nur selbstständig arbeiten soll, sondern auch viele Stunden täglich zusammen lebt. Wie in der Grundschule haben wir das Klassenzimmer und den angrenzenden Gruppenraum (für I-Klassen) in Funktions- und Lernbereiche unterteilt: Kuschelecke (Matratzen) als Rückzugsmöglichkeit, kleine kalte Küche, Gruppenarbeitstische, Lesecouch, Computerecke sowie offene Regale für Freiarbeitsmaterial. Die klare Struktur soll der Orientierung dienen und selbsttätiges Lernen unterstützen. Die Regale sind dafür übersichtlich nach Fächern und Lernbereichen geordnet und beschriftet.

Wohnlichkeit ist wichtig für das Wohlbefinden. Wir erleben täglich, dass die Gestaltung des Raumes mit Bildern, Pflanzen, Kerzen und Postern die SchülerInnen anspricht und zu pfleglichem Umgang animiert. Dabei muss die Einrichtung nicht aufwendig und kostspielig sein, auch gebrauchte Möbel tragen zur angenehmen Atmosphäre bei. Wenn die Umgebung von allen gemeinsam in Ordnung gehalten wird, wirkt ein Klassenzimmer gleich persönlicher und strahlt mehr aus als mancher Raum, für den sich keiner so recht zuständig fühlt.

2. Die Unterrichtsform - Freiarbeit

Herzstück der Unterrichtsorganisation im Sinne Montessoris ist die Freiarbeit. Sie trägt der Erkenntnis Rechnung, dass Lernen ein sehr individueller Prozess ist, der von außen nicht erzwungen werden kann, sich jedoch pädagogisch fördern lässt. Der Mensch lernt - darin stimmen Montessori damals und die Konstruktivisten heute überein - in erster Linie durch Eigenaktivität. Dazu scheinen Unterrichtsformen geeignet, die durch Innere Differenzierung individuell unterschiedlichen Lernmöglichkeiten und Arbeitsweisen stärker Rechnung tragen. Dies gilt angesichts ihrer großen Heterogenität für Integrationsklassen wohl in besonderem Maße.

Als Hochform differenzierenden Unterrichts gilt weithin die Montessori-Freiarbeit. Hier können die Schülerinnen und Schüler aus einem möglichst reichhaltigen, differenzierten Lernangebot die Aufgabe (Fach, Lernmaterial, Schwierigkeitsgrad), die Sozialform (Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit), den Arbeitsort (freie Platzwahl) und die Zeit (Tempo, Arbeitsdauer) im Rahmen allgemeiner Vorgaben selbst bestimmen.

In unserem Stundenplan sind die Freiarbeitszeiten explizit ausgewiesen. Sie kommen dadurch zustande, dass die beteiligten Fächer (in diesem Schuljahr: Politik, Englisch, Musik) je 1-2 Wochenstunden aus ihrem Deputat an einen "Pool" abgeben. In den Klassen 5/6 waren es 6 Freiarbeitsstunden, momentan sind es leider nur 4. In der Freiarbeit wählen die Schüler und Schülerinnen Aufgaben aus allen beteiligten Fächern, und zwar im Umfang der jeweils abgegebenen Zeit. So sollen sie etwa 45 Minuten pro Woche auf die Bearbeitung von Englischaufgaben verwenden. In welcher Freiarbeitsphase sie das tun, entscheiden sie selbst.

MON

DIE

MIT

DON

FR

1

Klassenstunde

MATHE

ENG

DEU

POL

2

POL

MATHE

ENG

DEU

POL

3

DEU

BIO

MU

ENG

MATHE

4

DEU

BIO

MU

ENG

MATHE

5

SPORT

REL

MATHE

KU

AL

6

SPORT

SPORT

KU

AL

Dunkel hinterlegte Stunden = Unsere Freiarbeitszeiten in Klasse 5

Die Freiarbeit liegt möglichst am frühen Morgen. Es ist für die Kinder eine recht anspruchsvolle Aufgabe, sich selbst eine Arbeit zu wählen, diese eigenständig durchzuführen und verantwortlich zu beenden. Zudem sollen sie mit dem Bewusstsein zur Schule kommen, dass sie als erstes ihr Lernen mitgestalten und darüber entscheiden können, womit sie beginnen. Dies ist für die Einstellung zur Schule von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Weiter sollten diese Zeiten möglichst verlässlich sein und nicht beliebig zweckentfremdet werden (z.B. für eine Klassenarbeit). Will man wirklich zu selbstständiger Arbeitshaltung erziehen, sind Kontinuität und Geduld erforderlich. Freies Arbeiten erlernt man nicht von heute auf morgen, und mancher benötigt mehr Zeit als andere. Daher sollte man bei Rückschlägen zwischendurch nicht vorschnell aufgeben.

Zur Orientierung erhalten die Kinder Lernpässe, die fachbezogene Lernmöglichkeiten, geordnet nach Pflicht- und Wahlaufgaben, nennen. Erledigte Aufgaben werden hier abgezeichnet. Diese Pässe dienen der Transparenz und Orientierung (Was kann/soll ich tun? Was sind die fachlichen Anforderungen?), dem Ansporn (Was habe ich schon geschafft? Was muss ich noch leisten?) und der Rückmeldung (Wie habe ich gearbeitet?). Die Zeiträume umfassen in der Regel mehrere Wochen. Eine Dokumentation der individuellen Lernentwicklung erfolgt mit Hilfe des Freiarbeitshefts, das in jedem Fach für schriftliche Aufgaben geführt wird. Es wird regelmäßig durchgesehen und bewertet.

3. Materialien für selbstständiges Arbeiten

Für einige Lernbereiche gibt es käufliche Montessori-Materialien, die sich gut für das freie Arbeiten in der Sekundarstufe eignen. Mit Hilfe von Flohmarkteinnahmen, Spenden und Elternbeiträgen gelang es uns, einige dieser Arbeitsmittel zu erwerben. Andere Freiarbeitsmaterialien stellten und stellen wir nach folgenden Kriterien her: Stabilität, Aufforderungscharakter, Vielfalt der möglichen Lernaktivitäten und vor allem Fehlerselbstkontrolle. Ein Laminiergerät für die Haltbarmachung von Karteikarten etc. ist dabei ein absolutes Muss! Allerdings bemühen wir uns besonders um die Entwicklung von Lernmaterialien, mit denen man durch Handeln, durch Be-Greifen lernen kann. Diese motivieren (jüngere) Kinder in der Regel mehr als Karteikarten und Arbeitsblätter.

4. Das veränderte Lehrerverhalten

In der Freiarbeit muss der Lehrer nach einem Wort Montessoris stärker passiv werden, damit das Kind aktiv werden kann. Er soll den Schülerinnen und Schülern helfen, "es selbst zu tun", so das Motto ihrer Pädagogik. Er muss sich als Belehrender zurück nehmen und den Lernstoff so zubereiten, dass Lernende ihn sich durch eigene Aktivität selbst erarbeiten können. Damit ist wohl der größte Unterschied zum herkömmlichen pädagogischen Selbstverständnis gekennzeichnet: Statt Stoff zu vermitteln geht es jetzt um das Arrangement von Lernsituationen, in denen sich Kinder einen Inhalt selbsttätig aneignen. Mit diesem Anspruch verbinden sich u.a. folgende Aufgaben:

Die zeitliche Belastung ändert sich insofern, als mehrwöchige Freiarbeitsphasen einen entsprechenden Planungs- und Nachbereitungsaufwand erfordern. Da aber nicht mehr jede einzelne Stunde vorbereitet werden muss, nimmt das Arbeitsvolumen insgesamt nicht übermäßig zu: Die tagtägliche Planung reduziert sich zugunsten der eher langfristigen Vor- und Nachbereitung der Freiarbeit.

Besonders groß ist der Aufwand für die Materialentwicklung, da die Umsetzung didaktischer Ideen Kreativität, Erfahrung, Zeit und technisches Know-How erfordert. Allerdings ist es auch ein schönes Gefühl, wenn ein neues Lernmaterial bei den Kindern gut "ankommt". Außerdem lässt sich ein solides Arbeitsmittel immer wieder verwenden, so dass hier Zeit gespart wird. Teamwork und Elternmitarbeit können hier eine Erleichterung darstellen!

Die Beanspruchung in der Freiarbeit ist vielseitig und erscheint oft größer als im gebundenen Klassenunterricht, da die Kinder mit Fragen kommen und wir immer zwischen verschiedenen Fachinhalten umdenken müssen. Die in Integrationsklassen übliche Doppelbesetzung (FachlehrerIn + Sonder- oder SozialpädagogIn) ist daher sehr hilfreich. Natürlich gibt es auch viele Montessori-Klassen, die nur von einer Lehrperson betreut werden, oder Klassen, in denen engagierte Eltern mitarbeiten.

Eine sehr gute Vorbereitung auf unsere Arbeit war sicher die Teilnahme an einer zweijährigen Montessori-Fortbildung.

Fazit

"Von der Grundschule lernen" ist für uns der Versuch, ein dort bewährtes und verbreitetes Unterrichtskonzept an einer Gesamtschule zu praktizieren. Die Richtlinien mehrerer Bundesländer fordern ja eine Fortführung grundschulspezifischer Arbeitsformen und zählen dazu explizit auch die Freiarbeit! Ihre Realisierung gestaltet sich in der Sekundarstufe allerdings schwieriger. Sie erfordert Kompromissbereitschaft und einen langen Atem. Aber trotz allem scheint der "Aufwand" gerechtfertigt und lohnend. Auch in unserer Integrationsklasse hat sich in der Montessori-Freiarbeit schnell eine entspannte Lernatmosphäre eingestellt, bei den Kindern ist sie sehr beliebt. Unserem Eindruck nach berücksichtigt diese Unterrichtsform in hohem Maße kindliche Grundbedürfnisse und Interessen:

    • Bewegungsdrang: Die Kinder dürfen sich leise im Raum bewegen (z.B. um Material zu holen) und an verschiedenen Orten arbeiten (auch auf dem Boden).
    • Kommunikationsbedürfnis: Leises Reden ist erlaubt und erfolgt überwiegend aufgabenbezogen.
    • Lernbedürfnis: Arbeit nach eigenem Lerntempo verhindert ständige Überforderung/Frustration und Unterforderung/Langeweile und ermöglicht Erfolgserlebnisse. Dies stärkt die Lernmotivation.
    • Freiheitsdrang: Freie Arbeitswahl und der weitgehende Wegfall von Wettbewerb und Konkurrenzdruck nehmen vielen Kindern Ängste. Da sie nicht ständig durch Lehreranweisungen gelenkt werden, entspannt sich die Lernsituation merklich. Oft arbeiten Kinder in den Pausen durch und sind enttäuscht, wenn die Freiarbeit endet.

Viele von ihnen lernten sehr rasch ihre Arbeit selbstständig zu organisieren, unabhängig vom Grad der Freiarbeits-Vorerfahrung aus der Grundschule! Mit etwas Hilfe finden stets auch leistungsschwache Schüler oder Schülerinnen zu konzentrierter Arbeit. Hilfsbereitschaft zeigt sich meist spontan und unaufgefordert. Durch die tischübergreifenden Arbeitspartnerschaften erhöht sich für alle die Zahl der Sozialkontakte. Erfreulich ist der pflegliche Umgang mit dem Lernmaterial. Störverhalten gibt es zwar auch in der Freiarbeit, aber in der Regel fehlt die ungeteilte Aufmerksamkeit des ganzen Publikums. Überdies können Kinder hier nicht so gut abtauchen, Vermeidungsstrategien werden schnell offenkundig! Wir halten diese Arbeitsweise im übrigen für kompatibel mit einem Verständnis von Gesamtschulpädagogik, wie es unlängst im GGG-Info ausgedrückt wurde: "Individualisierung - nicht Gleichmacherei - ist eine der fundamentalen Begründungen für die Gesamtschulpädagogik. Also bemühen wir uns (...) um Förderung aller (...) statt die Lerngruppe (...) einzuengen bei dem Versuch, alle Schülerinnen und Schüler (...) auf den gleichen Stand zu bringen" (H.3/2001, S. 12).

Michael Klein-Landeck Gesamtschule Bergstedt,
Volksdorfer Damm 218, 22395Hamburg

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