"Lachen Sie nicht - Es gibt Fünfzehnjährige,
wo man sie nicht vermutet!"
PISA: Wo stehen die deutschen Schulen
Unter diesem Titel fand am 11. Dezember 2001 in der Aula des IfL eine Veranstaltung mit Prof. Dr. Jürgen Baumert und (dem inzwischen ehemaligen) Staatsrat Dr. h. c. Hermann Lange statt. J. Baumert ist Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, H. Lange war PISA-Beauftragter der Kultusministerkonferenz und Staatsrat in der Hamburger Schulbehörde.
In seiner Eröffnungsrede brachte Karl-Friedrich Beck, stellvertretender Direktor des IfL, in Bezug auf die deutsche Bildungspolitik seine Hoffnung zum Ausdruck, nach einer genauen Analyse der Ergebnisse "in einem gemeinsamen Verfahren einen Prozess einzuleiten, der bei der nächsten PISA-Untersuchung zu besseren Ergebnissen führt".
Für Hermann Lange hatte die Offenlegung der Ergebnisse "etwas Erleichterndes", doch warnte er vor übereilten Schlüssen, denn "vieles ist noch nicht genau genug bekannt, wir kennen allerdings Problemzonen". Rasche konkrete Konsequenzen seien nicht zu erwarten. "Vielleicht werden sich in den nächsten Jahren erste kleine Veränderungen zeigen". Zwar wurden Fünfzehnjährige getestet, was das Augenmerk leicht auf die Sekundarstufe lenkt, jedoch lägen "die Ursachen für viele Probleme im Grundschulbereich". Allerdings führten die Befunde allein noch zu keiner Veränderung, vielmehr sei vermehrter Austausch zwischen den an schulischer Bildung Beteiligten nötig. Dies kann auch ein Hinweis darauf sein, dass ein Land wie Schweden so gut abgeschnitten hat; dort gibt es offensichtlich, anders als bei uns in Deutschland, eine weiter entwickelte Kultur der Zusammenarbeit zwischen den Lehrkräften.
|
PISA = Programme for International Student Assessment Es handelt sich um ein "Programm zur Erfassung basaler Kompetenzen der nachwachsenden Generation, das von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) durchgeführt und von allen Mitgliedsstaaten gemeinschaftlich getragen und verantwortet wird". Eine fünfzigseitige Kurzfassung der internationalen Ergebnisse findet man im Internet unter www.mpib-berlin.mpg.de/pisa. Die "Vollversion" als Buch: Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.): PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich, 548 S., Verlag Leske + Budrich 2001 |

Jürgen Baumert
Nach einer kurzen Einführung in die Grundlagen von PISA wies Jürge Baumert darauf hin, dass, wer nicht über Basiskompetenzen verfüge, und hier sei primär die Lesekompetenz zu nennen, da sie der Schlüssel zu jeder Form von Erschließung sei, ein "Risikokandidat" sei; er werde es schwerer als andere haben sowohl berufliche als auch private Probleme zu meistern.
Was soll durch PISA untersucht werden? PISA 2000 umfasst drei Bereiche: Lesekompetenz, mathematische Grundbildung und naturwissenschaftliche Grundbildung. Im Zuge von drei Untersuchungen, die im Abstand von jeweils drei Jahren stattfinden, werden immer alle drei Bereich getestet, allerdings jeweils mit einem deutlichen Schwerpunkt. Bei dem ersten Durchgang lag dieser Schwerpunkt auf der Lesekompetenz. "Im Mittelpunkt von PISA 2000 steht weniger die Frage, wie gut Jugendliche einen bestimmten schulischen Lehrstoff beherrschen, als vielmehr deren Fähigkeit, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten zur Bewältigung realitätsnaher Herausforderungen einzusetzen. Das Hauptaugenmerk gilt dem Verständnis von Zusammenhängen, der Steuerung von Prozessen, sowie der Fähigkeit, das Wissen auf verschiedene Alltagssituationen zu übertragen und anzuwenden." (zit. aus der Presseerklärung des PISA-Konsortiums vom 4.12.01) |
Staatsrat Lange stellte dann wesentliche Ergebnisse der Untersuchung heraus.
Dabei ging er vorweg auf die Beteiligung der Hamburger Schülerinnen und Schüler ein; sie war je nach Schulart unterschiedlich. Sie reichte von 76 % (GS) bis zu 93 % (Gym). Langes Interpretation, dass die niedrige Prozentzahl für GS vor allem dadurch zustande gekommen sei, dass schwächere Schülerinnen und Schüler sich eher nicht beteiligt hätten und dadurch die GS-Egebnisse geschönt würden, ist eine gewagte Vermutung. Könnte es nicht auch sein, dass die Schüler- und Elternschaft an Gesamtschulen zu derartigen Untersuchungen kritischer als andere steht?
Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass in Deutschland
So wurden im Zuge von PISA Fünfzehnjährige in allen Klassenstufen von 5 bis 11 gefunden (siehe Überschrift; laut Lange die "Folge einer sehr liberal gehandhabten Wiederholungsregelung"

|
"Die Chance eines Kindes von Eltern im oberen Einkommensbereich auf ein Gymnasium zu gehen statt auf die Realschule ist vier Mal so hoch wie die eines Kindes eines Facharbeiters." |
In der Pause konnten auf Kärtchen Stichpunkte und Fragen notiert werden, die dann von dem Bildungsjournalisten Reinhard Kahl geordnet und zur Diskussion gestellt wurden Der erste Schwerpunkt war der Frage gewidmet, wie sich bei PISA erfolgreiche Schulen von weniger erfolgreichen und damit von Deutschland unterschieden. Für Hermann Lange lag ein wesentlicher Grund darin, dass es in Deutschland keine gute vorschulische Förderung der Sprachkompetenz gebe. Kindergärten sollten nicht nur für sozialpädagogische Betreuung da sein. Jürgen Baumert nannte zwei aus seiner Sicht besonders wichtige Punkte. Zum einen wüssten Lehrerinnen und Lehrer oft nicht, was von Fünfzehnjährigen im zukünftigen Leben verlangt werde. Zum anderen werde beispielsweise in Schweden zwischen den Lehrkräften - auch nachmittags - mehr kommuniziert. Diese Feststellung unterstützt die inzwischen von verschiedenen Seiten verstärkt vorgetragene Forderung nach mehr Ganztagsschulen in Deutschland. Dabei muss man sich allerdings davor hüten, dass das, was jetzt vormittags geschieht, zu besseren Ergebnissen führt, wenn damit in den Schulen der ganze Tag zugebracht wird. Vielmehr ist auch eine Reform der Unterrichtskultur notwendig.
So forderte Baumert neue Aufgabentypen, die selbstdifferenzierend sind und allen Niveaus etwas bieten, um alle adäquat zu fördern. Leider wird in Deutschland Heterogenität häufig als Hindernis betrachtet.
|
"Die Herausforderung wird größer angesichts der kombinierten Wirkung des sozioökonomischen Hintergrunds der Schülerschaft einer Schule und angesichts der Tatsache, dass privilegiertere Schülerinnen und Schüler eher Schulen mit weiteren Vorteilen besuchen, was weitere Chancenungleichheit nach sich zieht." (zit. aus der Presseerklärung des PISA-Konsortiums vom 4.12.01) |

Baumert:"... soziale Disparitäten bei früh differenzierenden Systemen"
Bei der Beantwortung der Frage, ob aus dem bisher Gehörten nicht folge, dass die Integrierte Gesamtschule dem gegliederten Schulsystem überlegen sei, wollten die beiden Referenten keine eindeutige Stellungnahme abgeben. Immerhin wies Baumert darauf hin, dass es "bei früh diffenzierenden Systemen zu sozialen Disparitäten" komme.
|
"PISA zeigt, dass eine breite Beteiligung an Bildungsgängen, die zu höheren Abschlüssen führen, und die Sicherung eines hohen Leistungsniveaus gleichzeitig realisierbar sind. Das heißt, ein hohes Leistungsnieveau bedarf nicht notwendig einer frühen Auslese im Hinblick auf unterschiedliche Schulformen oder Bildungsgänge." (zit. aus der Presseerklärung des PISA-Konsortiums vom 4.12.01) |
Auch Lange konstatierte, dass "Länder, die weniger früh differenzieren, statistisch gesehen, bessere Leistungen vorzuweisen haben". Er warnte jedoch vor einer allgemeinen Gesamtschuldebatte; dabei ging es ihm nicht darum, ob die Integrierte Gesamtschule zu bevorzugen sei, sondern er hegte die Befürchtung, dass es dann nur zu einer allgemeinen Debatte kommen, aber zu keinen Änderungen führen würde.
|
"... gibt es in allen drei Leistungsbereichen, die von PISA untersucht werden, Überlappungen zwischen den Leistungsverteilungen der 15-Jährigen, die verschiedene Bildungsgänge besuchen. ... Dies folgt aus der Tatsache, dass es - schon aufgrund der Plastizität der menschlichen Entwicklung - keine wirklich zuverlässige Übergangsdiagnostik geben kann." (Kurzfassung der PISA-Ergebnisse, S. 43) |
Zum Schluss ging es um die Lehrer(aus)bildung. Lange formulierte dazu sybillinisch: "Man darf sich nicht der Illusion hingeben, das Lehrerdasein sei die Fortsetzung des Schülerdaseins mit anderen Mitteln." Er forderte aber auch eine ständige berufsbegleitende Fort- und Weiterbildung sowie eine Berufseingangsphase.
Der ehemalige Staatsrat Lange sagt über das deutsche Bildungssystem:
Nachtrag:
Inzwischen hat eine Reihe von Veranstaltungen zu PISA stattgefunden, so auch am 26. Februar 2002 im IfL, diesmal mit Prof. Dr. Klaus-Jürgen Tillmann. Er ist Professor an der Universität Bielefeld, wissenschaftlicher Leiter der Laborschule und Mitglied des deutschen PISA-Konsortiums. Der Schwerpunkt seiner Veranstaltung lag auf der Beziehung zwischen Schulleistungen und Lebensbedingungen. Seine Ausführungen brachten nichts grundsätzlich Neues zu Tage, interessant waren sie aber dennoch, da er einige wesentliche Befunde der Studie herausstellte. Dazu gehörte unter anderem, dass er die Gruppe der sogenannten Risikokandidaten im einzelnen darstellte, also die Gruppe derjenigen, die im Alter von 15 Jahren nicht über Mindeststandards etwa der Lesekompetenz verfügen. Erschreckend war dabei, dass zum Beispiel über 50 Prozent der Jungen der Aussage zustimmen "Ich lese nur, wenn ich muss".

Neben dem Zusammenhang zwischen Kompetenzerwerb und Geschlecht wurde auch der Zusammenhang zwischen Sozialschichtzugehörigkeit und Bildungserfolg durch Tillmanns Darstellung sehr deutlich, ebenso wie die Benachteiligung der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund.
Aus Gesamtschulsicht war bedeutsam, dass Tillmann darauf hinwies, dass in Deutschland offenbar eine heterogene Schülerschaft eher als Hindernis angesehen werde, während sie in anderen Ländern eher als Selbstverständlichkeit empfunden werde.
Auch warnte er vor einer Tabuisierung der Schulstrukturdebatte. Andererseits würden in der Öffentlichkeit häufig Forderungen an den Unterricht mit der PISA-Studie begründet, die aus dieser Untersuchung gar nicht abzuleiten seien: "Wir haben aus PISA wesentlich mehr Hinweise auf die Schulstruktur als auf die Unterrichtsqualität."
Andreas Baumgarten