" ..eine chemische Keule,
die können wir schwingen, das ist bequem, vor allem für die Lehrer!"
So die Aussage von Dr. Jürgen Reichen. Es ging um RITALIN.
Viele kamen und wollten sich Rat holen oder mitdiskutieren, Eltern, Lehrerinnen, Psychologinnen Sozialpädagoginnen und und und. Die Aula der IDA EHRE GESAMTSCHULE in Hamburg war mit ca 200 Menschen gut gefüllt. Eingeladen hatten am 20. Nov 2001 der ELTERNVEREIN und die GGG zu der Veranstaltung: "Störungen im Unterricht – Ritalin: ein pädagogisches Mittel?" Auf dem Podium saßen: Dr. Friedrich Kaiser (Kinderarzt, Allergologe und Umweltmediziner), Volkmar Malitzky (Referent für außerunterrichtliche Lernhilfen im Amt für Schule) und Dr. Jürgen Reichen (Dozent am Institut für Lehrerfortbildung und Grundschullehrer seit 31 Jahren).

Abb. von links nach rechts:
Volkmar Malitzky, Karen Medrow, Friedrich Kaiser, Jürgen Reichen
Karen Medrow vom Elternverein beschreibt die Entwicklung. Der Verbrauch von Ritalin hat sich in den letzten sechs Jahren in Deutschland verzehnfacht. Wieso? Schnell stellt sich heraus, dass es vor allem die Kinder mit starker Konzentrationsschwäche sind, die Hyperaktiven, die dauernden Störer– und es sind häufig Jungs – Kinder, bei denen ein ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) diagnostiziert wird, die nicht still sitzen können, die sich dauernd mit anderen Dingen beschäftigen müssen und deswegen im Unterricht nicht "mitarbeiten". Wie kann diesen Kindern geholfen werden? Viele Eltern glauben den Druck der Schule für ihre Kinder nur durch Ritalin erträglicher machen zu können. Und Ärzte helfen ihnen dabei. Aber auch Lehrerinnen raten Eltern, sich bei Ärztinnen entsprechende Hilfe zu holen. Vom Publikum wird einerseits der Vorwurf " vom schnellen Rezeptblock" in den Raum gestellt, andererseits gäbe es zu wenig Ärzte, die sich verantwortungsvoll mit dem ADS beschäftigen. Dr. Kaiser sagt dazu, er habe anfangs gedacht, die Eltern kämen nicht mit ihren Kindern zurecht. Damit habe er ihnen Unrecht getan. ADS ist eine Erkrankung, auch wenn sie unglücklicherweise Syndrom heißt. Es gibt festgelegte Kriterien, nach denen ADS diagnostiziert wird.
Wie hilft die Schule den Kindern, die unter ADS-Verdacht fallen? Werden sie nicht zu schnell ausgegrenzt? Volkmar Malitzky beschreibt den Weg. Lehrerinnen und Lehrer oder auch die Eltern können sich an die für ihre Schule zuständige regionale Beratungsstelle (REBUS) wenden. Zusammen mit der Schule wird dann für das Kind ein Weg gesucht, sein Problem zu lösen. Bevor ein Kind zum Arzt geschickt wird ( um Ritalin verordnet zu bekommen), werden in der Schule hilfreiche Maßnahmen für den Unterricht , den Tagesablauf o.ä. getroffen. Denn Ritalin wirke sich zwar auf die Konzentrationsfähigkeit aus, die Kinder können aber nicht mit diesem Medikament automatisch besser lesen oder rechnen. Eine Psychologin bemängelt als Mitarbeiterin einer Beratungsstelle, dass es lange Wartezeiten bei den Kindertherapeuten gebe, bis zu einem Jahr. Verschiedene hilfreiche Therapien sind wiederum zu teuer, weil sie nicht von den Kassen übernommen werden. Aus dem Publikum wird außerdem die Forderung nach einer qualifizierenden Fortbildung für Lehrkräfte aufgestellt, die diese für die ADS-Erscheinungen sensibilisiere.

Dr. Reichen sieht eine Abhängigkeit zwischen Motorik und Lernen. "Kinder sind Individuen. Sie springen herum. Wo 5 Kinder zusammen sind, ist es laut. Ruhe (in der Klasse) macht krank! In meinem Unterricht laufen die Kinder herum, müssen nicht immer still sitzen." Auf die Frage nach einem Rezept sagt er: "Ich habe einen Verdacht. Ich denke, dass ein Teil der Lehrkräfte mit Kindern nicht nett umgeht."
Das wäre eine sehr einfache Lösung für die Kinder, behandelt aber wohl nur einen Teilaspekt dieser Probleme. Elternverein und GGG schreiben in ihrer gemeinsamen Presseerklärung zu dieser Veranstaltung u. a.: Jedes Kind hat ein Recht auf Chancengleichheit. Kinder und Jugendliche brauchen eine Schule, die sich am Prinzip der Integration orientiert. Dies sind in Hamburg die Grundschulen und integrierten Gesamtschulen und insbesondere die dort eingerichteten Integrationsklassen. Hilfe und Zuwendung brauchen Zeit und ausreichende Ressourcen. Wir fordern den Senat auf, hierfür ausreichende Mittel zur Verfügung zu stellen, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen und sich somit auch der Probleme der ADS-Kinder anzunehmen.
Inge Noack