Ein rohstoffarmes Land braucht Humankapital

Neugestaltung des Bildungssystems?

Einige Fragen in Bezug auf Gesamtschule treiben mich um.
Haben wir erst seit Veröffentlichung der PISA-Ergebnisse von 2000 gemerkt, dass es notwendig ist Gesamtschulen in und für die Zukunft zu entwickeln? Wir suchen Rat bei anderen und schauen über unseren Tellerrand. Was können Gesamtschulfreundinnen von anderen lernen?

Am 5.12. 2002 hatte Herr Munkwitz, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Stuttgart, auf dem Dezemberforum 2002 der Gesamtschulabteilung im Amt für Schule Gelegenheit den Vorschlag zur Neugestaltung des Bildungssystems (Schriftenreihe Baden-Württembergischer Handwerkstag‚ Konsequenzen aus PISA, Positionen des Handwerks) ausführlich darzustellen. In diesem Vorschlag wird ein Vier-Stufen-System vorgestellt, das sich aus Vorstufe, Grundstufe, Oberstufe und Hochschule/Berufswelt zusammensetzt (Grafik S. 27).

Anders oder vermeintlich neu daran ist, dass die Vorstufe aus mindestens einem Jahr allgemeiner Schulpflicht bestehen soll, am liebsten aber aus zwei Jahren. Die vorschulischen Einrichtungen sollen nicht mehr "Bewahranstalten" sein. " Kindergärten und Kindertagesstätten müssen Bildungseinrichtungen werden, mit eigenem Bildungs- und Erziehungsauftrag und einem Schwerpunkt in den Bereichen Sprachförderung sowie Diagnosefähigkeit von Sprach- und Entwicklungsdefiziten (Seite 18). .... Sprachprüfungen sollen die Schulfähigkeit .....feststellen ( S. 19).

Bei dieser Forderung kommen mir gleich mehrere Fragen in den Sinn. Sollen die Kinder in dieser Vorstufe verschult werden, indem sie in Kursen die Deutsche Sprache lernen? Oder sollen sie in Gemeinschaft mit anderen Kindern auch die deutsche Sprache spielend lernen? Müssen sie nicht in diesen Einrichtungen auch noch anderes außer eine Sprache zu büffeln tun können, nämlich musizieren, Bewegungsspiele, Spiele mit vielen anderen Kindern, kochen, backen, schwimmen gehen, Ausflüge machen und und und? Sprachförderung muss auf dem Niveau der Erstsprache ansetzen, so Alfons Welling. "Man darf Kinder nicht mit einem Deutschkurs von ihrer Spracherfahrung abschneiden." (siehe Artikel ‚Nicht wie Schule’ von Kaija Kutter in der taz vom 14.2.03.) Und die Sprachprüfung? Findet da nicht schon die erste Auslese statt, die in PISA so angeprangert wird? Das nicht schulfähige Kind muss noch mal in den Deutschkurs der Vorstufe? Oder?

Wäre es nicht hier in Hamburg das Einfachste, allen Kindern im Alter von 3 bis 5 Jahren stünden Kindergärten und Vorschuleinrichtung kostenfrei zur Verfügung? Allerdings nicht als allgemeine "Besuchspflicht"! Und natürlich müssen diese Einrichtungen besser mit Ressourcen – materiell und mit qualifiziertem Personal - ausgestattet werden. Es kostet nun mal viel Geld, Kinder individuell zu fördern, sie mit ihren vielfältigen Anlagen und Fähigkeiten zu "bilden". Es ist eine politische Entscheidung, ob ein Staat – hier das Bundesland Hamburg – dafür Steuergelder ausgeben will. Das wäre eine Entscheidung für zukünftige Generationen, die nicht nur "Feuer und Flamme" sein muss bis zum Jahr 2012.

Auf der Vorstufe baut die Grundstufe auf in diesem neuen Entwurf. Diese Stufe – auch Grundschule genannt – soll 9 Jahre dauern. Die Dauer ist neu. Ein Jahr weniger als in den jetzigen Gesamtschulen werden die Kinder bei diesem Modell die Sekundarstufe I besuchen. Über die Inhalte wird nur sehr wenig gesagt: "...eine breit angelegte Allgemeinbildung mit einem größeren Bildungsangebot soll erfolgen, um einer individuellen Förderung gerecht zu werden. Und was soll danach kommen? "Im Anschluss an diese Phase soll die Spezialisierung entweder im allgemeinbildenden Gymnasium oder in der beruflichen Ausbildung (duale Ausbildung, vollzeitschulische Maßnahmen, berufliche Gymnasien) jeweils über drei Jahre erfolgen. Der Zugang zur Oberstufe soll über Eingangsprüfungen geregelt werden (Hervorhebung durch die Autorin). Der Abschluss der dritten Bildungsphase soll zum Hochschulstudium berechtigen, so dass der Weg zum Studium jedem offen steht ( S. 28). Oder doch nur jedem, der vor drei Jahren die Eingangs- bzw. Aufnahmeprüfung bestanden hat? Oder verstehe ich das falsch?

Mit dieser Konzeption des Schulsystems ist kein Gesamtschulsystem im herkömmlichen Sinn beabsichtigt. Ziel ist es vielmehr, die Vorteile des gegliederten Schulsystems mit den Vorteilen des Gesamtschulsystems zu einem neuen System zu verbinden, das eine größere Differenzierung und damit eine bessere Förderung der einzelnen Schüler ermöglicht (S. 28).

Welche Vorteile sind hier gemeint? Integration in der Grundstufe bis zur Aufnahmeprüfung vor der Oberstufe? Anschließend eine Sortierung durch die Prüfung? Die Oberstufe soll nur noch eine besondere Schulpflicht und keine allgemeine sein. In dieser Stufe steht die duale Ausbildung neben dem beruflichen und dem allgemeinbildenden Gymnasium. Alle, die eine Aufnahmeprüfung nicht bestehen, werden in die duale Ausbildung gehen? Oder dürfen sie es noch mal versuchen? Wo und wie bereiten sie sich dann vor? In den integrierten Gesamtschulen heute – wie in Hamburg – schließen die Jugendlichen die Sekundarstufe I nach der 10 Klasse mit einem ihren Leistungen entsprechenden Abschluss ab. Auch heute endet nach dem Gesetz die Schulpflicht bereits nach 9 Schuljahren. Die Gesamtschulen sind aber in der Sek I bis zur 10. Klasse konzipiert, so dass die Schülerinnen und Schüler länger eine Chance haben ihre Leistungen in Richtung eines höheren Abschlusses zu steigern. Was ist also besser an diesem Vorschlag zur Neugestaltung des Bildungswesens?

Mir scheint, hier wird durch eine Umgestaltung der äußeren Organisation eine zukunftsweisende inhaltliche neue Bildung suggeriert.

Eigentlich ist es zu erwarten, dass eine Handwerkskammer aus einem bestimmten Blickwinkel ein Bildungssystem betrachtet, nämlich den der Wirtschaftlichkeit. Aus dieser Sicht werden auch die Vorschläge für ein neues Bildungssystem gemacht. " In einem hochentwickelten aber rohstoffarmen Land wie Baden-Württemberg stellt das Humankapital die wichtigste Ressource dar. ......Die eklatanten Mängel bei den in der Schule zu vermittelnden Grundlagen hemmen die Leistungsfähigkeit der Betriebe und damit die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes ( S. 8)

Was wir brauchen, ist eine gesamtschulspezifische Entwicklung hin zur besseren Gesamtschule. Daran müssen wir arbeiten!

Sollten wir, die Freundinnen und Freunde von Gesamtschulen, nicht eine Entwicklung dieser Schulform für die Kinder aus der Sicht von Schülerinnen und Schülern fordern und fördern? Das frage ich mich nicht erst seit Erscheinen der Positionen des Handwerks Baden-Württemberg.

Inge Noack

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