Rezension

"Die Schule hat also als wichtigste Aufgabe, Lust auf die Begegnung mit der Welt zu machen."

Dieser Gedanke zieht sich als Leitfaden durch ein Buch, das mehrere Vorträge vereint, die sich mit der Bildung vom Kleinkindalter bis zur Hochschulzeit und danach befassen. Wer hätte solche Worte im Zusammenhang mit einem Unternehmen erwartet, das sich seinerseits mit Unternehmensberatung befasst? Daher mag auch der eine oder andere überrascht gewesen sein, als zu Beginn des Jahres in der Presse zu lesen war, dass "McKinsey" der Meinung sei, in Deutschland würden die Kinder zu früh auf verschiedene Schularten aufgeteilt und der Umgang mit Heterogenität lasse zu wünschen übrig. In den letzten beiden Jahren hat eine Reihe von Werkstattgesprächen stattgefunden, die die Unternehmensberatung McKinsey & Company orgnisiert hatte. Einige der Beiträge sind in dem vorliegenden Band zusammengefasst. So werden neurobiologische Grundlagen des Lernens ebenso angesprochen (Wolf Singer) wie der Frage nachgegangen wird, welche "basalen Kulturwerkzeuge" wir benötigen, um uns an der gesellschaftlichen Kommunikation zu beteiligen (Jürgen Baumert). Auch der zeitweise etwas in Vergessenheit geratene Anspruch auf emanzipatorische Bildung, hier formuliert als "Zusammenhang zwischen Bildung und Selbstbestimmung" (Jürgen Mittelstraß) wird wieder in das Blickfeld gerückt. Immer wieder wird die grundlegende Bedeutung der Sprache für alle Bereiche deutlich gemacht; allerdings wird auch nachdrücklich auf die Funktion der - häufig vernachlässigten - nonverbalen Kommunikation hingewiesen.

Deutlich wird auf Mängel im deutschen Bildungs- und Schulwesen hingewiesen. So kritisiert Jürgen Baumert sowohl die Vernachlässigung der Naturwissenschaften als auch die Aufgabenkultur an unseren Schulen, die dazu führt, dass eine selbstständige Anwendung des Wissens in neuen Kontexten meist kaum gelingt. In diesem Zusammenhang ist auch zu sehen, dass Schülerinnen und Schüler in Deutschland noch viel zu wenig lernen, selbstreguliert zu lernen.

Der fragend-entwickelnde Unterricht hat zwar seinen Platz im Unterricht und "kann, wenn er gelingt, in hohem Maße kognitiv aktivierend sein" (S. 143), spielt bei uns aber immer noch eine dominierende Rolle und "im unzureichenden Umgang mit Differenz liegt wahrscheinlich die eigentliche Schwäche dieser Unterrichtsform" (S. 145). Außerdem wird er so zu einer besonders "stressinduzierenden Choreographie" (S. 143). Dies ist ein Zeichen für den in den meisten deutschen Schulen unterentwickelten Umgang mit der Verschiedenartigkeit der Schülerinnen und Schüler. So wird häufig über die Leistungsunterschiede in den Klassen geklagt, obwohl gerade im gegliederten Schulsystem die Lerngruppen homogener sind als im internationalen Vergleich. Dies wird auch dadurch erreicht, dass Deutschland die europaweit höchste Sitzenbleiberquote hat.

Den Schlussteil des Buches bildet ein von mehreren Autoren gemeinsam verfasstes Manifest mit dem Titel "Bildung lehrt den vernünftigen Umgang mit der Welt. Deshalb muss Bildung die zentrale Aufgabe unserer Gesellschaft werden." Daraus wird die Forderung abgeleitet, dass schon der Betreuungsschlüssel in Kindergärten verbessert werden muss und dass hier gut qualifizierte Erzieherinnen und Erzieher arbeiten, die auch entsprechend bezahlt werden müssen. Entsprechendes gilt für alle Bildungsbereiche: "Wissensproduktion kostet Geld" (S. 209). Ausgaben für Bildung sind also nicht als Kosten, sondern als Investitionen anzusehen.

McKinseybildet ist auch im Internet zu finden: www.mckinsey-bildet.de

Killius, Nelson u. a. (Hrsg): Die Zukunft der Bildung, Suhrkamp Verlag 2002, 10

Andreas Baumgarten

                         

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