Integration ja, aber....
Gespräch mit Britta Ernst (SPD)

Die Hamburger SPD geht in ihren Veröffentlichungen mit dem dreigliedrigen Schulsystem hart ins Gericht. "...es führt zu einer starken Auslese, nach der vor allem die soziale Herkunft den Bildungserfolg bestimmt. Eine individuelle Förderung der Kinder nach ihren Fähigkeiten bleibt eine Wunschvorstellung. Diese Bildungsmisere gefährdet sowohl die Zukunft unserer Kinder als auch den Wirtschaftsstandort Deutschland."


Von links: Annegret Volkmann, Jürgen Riekmann, Britta Ernst

Die Leistungen der integrierten Gesamtschulen dagegen werden hervorgehoben: "Die Lernzuwächse in den integrierten Gesamtschulen (aber auch in der IHR) fallen deutlich besser aus als im gegliederten Schulwesen", sie haben eine "extrem geringe Wiederholerquote" und "einen großen Anteil daran, dass relativ viele Jugendliche in Hamburg an höhere Bildungsabschlüsse herangeführt werden". Betont wird auch, "dass die Konzeption der integrierten Gesamtschule, in der die Kinder nicht frühzeitig auf einen Abschluss festgelegt werden, die individuellen Bildungsbiografien junger Menschen positiv beeinflussen kann und so heute schon einen wichtigen Beitrag für mehr Chancengleichheit leistet."

Keine Schulstrukturdebatte

Viel besser könnten wir es auch nicht sagen. Und doch zieht die Hamburger SPD daraus nicht den naheliegenden Schluss, alles zur Unterstützung der integrierten Gesamtschulen zu tun, zumal sie selbst die Abiturientenquote in Hamburg auf 50 % steigern will, was mit einem selektierenden Schulsystem mit Sicherheit nicht zu leisten sein wird. Wie sehr die SPD fürchtet, mit einer eindeutigen Förderung der Gesamtschule in eine Schulstrukturdebatte zu geraten, die sie auf jeden Fall vermeiden will, zeigte sich auch in einem Gespräch,

das Ulrike Kaidas-Andresen, Annegret Volkmann und Jürgen Riekmann am 12.01.2004 mit Britta Ernst, der schulpolitischen Sprecherin der SPD, geführt haben.

Britta Ernst verwies immer wieder darauf, dass die Hamburger SPD sich bildungspolitischen Fragen nicht von den Schulformen aus, sondern von den anstehenden Problemen her nähere. Dabei haben in den letzten Jahren das Problem der Schulabbrecher im Vordergrund gestanden; eng verbunden damit ist das Problem der Hauptschule als Restschule. Eingehend setzte sich Britta Ernst mit unserer Frage auseinander, warum eine Lösung des Problems in der Einführung eines 10. Hauptschuljahr und der längerfristigen Umwandlung aller Haupt- und Realschulen in IHR-Schulen gesehen werde. Die SPD gehe davon aus, dass die im Bereich der Beruflichen Schulen angebotenen Maßnahmen zum nachträglichen Erwerb des Hauptschulabschluss trotz guter materieller Ausstattung nur eine geringe Erfolgsquoten verzeichnen. Daher solle eine Umschichtung der Fördermaßnahmen für die Hauptschüler aus dem berufschulischen Bereich in den Bereich der allgemein bildenden Schulen erfolgen. Mit der flächendeckenden Einführung der IHR-Schulen solle das Problem der Hauptschule als Restschule gelöst werden.

Die Vertreterinnen der GGG verweisen darauf, dass bei allen diesen Maßnahmen nicht genügend beachtet werde, dass in den Gesamtschulen mehr Schüler zu einem Hauptschulabschluss geführt würden als in den Hauptschulen und dass die Gesamtschulen bei ihren Bemühungen, die auch bei ihnen vorhandene Abbrecherquote zu reduzieren, ebenso unterstützt werden müssten. Auf eine Zusage in dieser Frage wollte sich Britta Ernst nicht einlassen. Man konnte den Eindruck haben, dass ihr das Ausmaß der Kosten für die Einführung des 10. Hauptschuljahres und der IHR als Regelform noch nicht in vollem Umfang präsent ist.

Kürzungen zurück nehmen

In einem Positionspapier der SPD vom November 2003 heißt es, dass "die Kürzungen an der Ausstattung der IHR, die der gegenwärtige Senat vorgenommen hat, zurückzunehmen sind". Auf die Frage, warum das nicht auch für die Gesamtschulen erfolgen solle, antwortete Britta Ernst, dass es sich um ein Positionspapier handele, das einer ausführlichen innerparteilichen Diskussion dienen sollte, die nun auf Grund des Wahlkampfes nicht fortgeführt werden könne. Die Vertreter der GGG machten deutlich, dass eine solche einseitige Entscheidung von den Gesamtschulen nicht akzeptiert werden könne. Die IHR wären dann besser ausgestattet als die Gesamtschulen, deren pädagogische Auftrag aber unstrittig umfassender sei als der jeder Schulform im gegliederten Schulwesen. An dieser Stelle hat man den Eindruck gewinnen können, dass die bildungspolitische Sprecherin der SPD ihre Position noch einmal überdenken wird

KMK-Beschlüsse revidieren

Volle Unterstützung findet die Kampagne der GGG, die KMK-Beschlüsse zu den Differenzierungsauflagen an den Gesamtschulen zu revidieren. Britta Ernst argumentiert in dieser Frage eindeutig: Zu einer Vorgabe von Bildungsstandards und einer größeren Selbstständigkeit von Schulen passen nicht mehr detaillierte Regelungen für die Form des differenzierten Unterrichts. Britta Ernst blieb allerdings skeptisch hinsichtlich der Erfolgsaussichten in der KMK. Offen blieben auch Fragen zu dem Vorhaben der SPD, das Sitzen bleiben in allen Schulformen einzuschränken und durch gezielte Förderung in den schwachen Bereichen die Aussonderung von Kindern abzubauen. Die Finanzierung dieser Maßnahme scheint so gedacht zu sein, das beispielsweise ein Gymnasium, das einen Schüler nicht sitzen lässt, die Lehrerstunden zu dessen Förderung erhält, die sein Sitzen bleiben erfordert hätte. Auf jeden Fall soll den auslesenden Schulformen eine Rechenschaftslegung über ihre Maßnahmen abverlangt werden. Welche längerfristigen Auswirkungen auf die Struktur dieser Schulen mit diesem Vorhaben verbunden sein werden oder beabsichtigt sind, blieb unerörtert.

In diesem Zusammenhang wurde von den Vertretern der GGG darauf verwiesen, dass doch einmal exakt berechnet werden möge, welche Kosten die Gesamtschulen schon jetzt dadurch einsparten, dass das Sitzen bleiben bei ihnen weitgehend vermieden werde und wie diese Einsparungen ihnen zugewiesen werden könnten.

Ganztagsschulen
nicht nur für Gymnasien

Als Skandal bezeichnete Britta Ernst das Programm des derzeitigen Senats zum Ausbau der Ganztagsschulen in Hamburg. Die einseitige Bevorzugung der Gymnasien wird von der SPD scharf abgelehnt. In einem Informationsblatt heißt es dazu: Die rückwärts gewandte Bildungspolitik des Senats "setzt allein auf die Stärkung eines Schulsystems, das zu ungleichen Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen und zum mittelmäßigen Abschneiden Deutschlands bei den internationalen Vergleichsstudien geführt hat." Gleichzeitig steht für sie außer Zweifel, dass die Zusagen an die Gymnasien eingehalten und die Gesamtschulen im Rahmen der vorgesehenen weiteren Ganztagsschulen berücksichtigt werden müssten.

Alle diese Ganztagsschulen sind in der "voll gebundenen" Form vorgesehen, d.h., dass alle Schüler und Schülerinnen an mindestens drei Wochentagen für jeweils sieben Zeitstunden an den ganztägigen Angeboten der Schule teilnehmen. Konkretere Angaben zu der angestrebten Verteilung waren nicht zu erhalten.

Keine Frage war für Britta Ernst, dass die SPD dafür eintritt, dass die Schulen künftig wählen können sollen, ob sie Noten- oder Berichtszeugnisse erteilen wollen. Wie es schon im Alternativentwurf zum Schulgesetz vorgesehen war, sollen darüber die Schulkonferenzen entscheiden. Die SPD scheint zur besseren Förderung der Schüler und Schülerinnen in der Grundschule ernst damit machen zu wollen, Mittel aus der Sekundarstufe II in die Grundschule verlagern zu wollen. Angesprochen, aber nicht vertieft werden konnten mögliche Auswirkungen auf die Frequenzen der Lerngruppen, auf das Unterrichtsangebot und den Erhalt kleinerer Oberstufen. Hier kommt mittelfristig eine Diskussion auch auf die Gesamtschulen zu, die sich in den vergangenen Jahren immer mal wieder angedeutet hat, aber bisher nicht konsequent geführt zu werden brauchte.

Fortbildung für Lehrkräfte reformieren

Die Notwendigkeit, zu einer Reform der Lehrerbildung zu kommen, wird von allen Beteiligten gesehen. Die Vorstellung dazu sind allerdings noch recht unbestimmt. Aus der Sicht der Gesamtschule muss neben der fachlichen Aus- und Fortbildung die Unterrichtsarbeit in heterogenen Gruppen im Vordergrund stehen. In diesem Bereich muss erheblich mehr angeboten und genutzt werden. Und das nicht nur für die Gesamtschulen, sondern für alle Schulformen, wenn es denn "Die Aufgabe sozialdemokratischer Schulpolitik ist, die positiven Ansätze integrativer Schulformen in Hamburg auszubauen und zudem den integrativen Unterricht auf der Basis eines differenzierten Unterrichts in allen Schulformen zu fördern."

Bei aller Aufgeschlossenheit für das Prinzip der Integration im Schulwesen teilt Britta Ernst am Schluss des Gesprächs auf eine entsprechende Nachfrage allen wie auch immer gefärbten Visionen von einer neun- oder längerjährigen Schule für alle eine deutliche Absage. Darauf ist sie nicht festzulegen. Der GGG bleibt noch viel zu tun. Jürgen Riekmann ¨

 

Mitgliederversammlung
und öffentliche Veranstaltung der GGG-Bund 2004
am 20.03.2004, 11.00 – 16.30 Uhr
in der
Peter-Weiss-Gesamtschule in Unna,
Herderstr. 16, 59423 Unna,Tel.: 02303 - 254510
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