Es war ein "logischer Fehler"
Gespräch mit Christa Goetsch (GAL)

Gleich wie die Wahl am 29.2.2004 in Hamburg ausgegangen ist – ob die GAL im zukünftigen Senat oder in der Oposition sitzt – , die grüne Devise heißt "9 macht klug". Das verstaubte Schulsystem in Hamburg müsse umgekrempelt werden. Es werden Schulen gebraucht, die Kinder individuell fördern statt sie mit großem Aufwand in verschiedene Schultypen zu sortieren. Die NEUE HAMBURGER SCHULE biete neun Jahre gemeinsamen Lernens und individuelle Förderung den ganzen Tag.

Am 19.1.2004 trafen sich Jürgen Riekmann und Inge Noack von der GGG Hamburg mit Christa Goetsch zu einem Gespräch über dieses Konzept und den Stellenwert der bereits bestehenden Integrierten Gesamtschule darin.

Im Zusammenhang mit ihrem Konzept "9 macht klug" hatte die GAL-Fraktion einen Haushaltsantrag für 2004 (Haushalt 2004 Einzelplan 3.1 Kap. 3100 – 3140) eingebracht, der aus Anlass der Neuwahlen in Hamburg zwar noch nicht in der Bürgerschaft diskutiert wurde, der aber u. a. Grundlage unseres Gespräches war.

Integration von Beginn an

Die Förderschulen und Sprachheilschulen sollen stufenweise abgeschafft werden. Es soll in Zukunft also nicht mehr die Möglichkeit geben, aus der Grundschule oder aus Jahrgang 5/6 ein Kind in eine Förderschule auszusortieren. Auf Nachfrage wurde von Christa Goetsch ausgeführt: Der Förderbedarf soll natürlich diagnostiziert werden. Die notwendigen Mittel für Förderung und für die Qualifizierung von Lehrkräften müssen dann den Grundschulen und entsprechend den Jahrgängen 5/6 in den weiterführenden Schulen zugewiesen werden.

Für die Verfasserin dieses Beitrags bleibt aus Sicht einer vollständigen Integration bei diesem Konzept die Frage unbeantwortet: Warum werden dann nicht alle Sonderschulen abgeschafft?

Rücknahme von Kürzungen

In ihrem Haushaltsantrag beschränkte sich die GAL auf: "2. sofort die Kürzungen bei der Zuweisung von Lehrerarbeitszeit für die Integrierten Haupt- und Realschulen (IHR) zurückzunehmen ..........."

Auf unsere Frage, warum die Forderung der GAL nicht die Rücknahme der überproportionalen Kürzungen im Gesamtschulbereich enthalte, antwortete Christa Goetsch inhaltsgemäß:

Die Rücknahme der Kürzungen soll bei den Gesamtschulen wie bei den IHR erfolgen. Es war ein "logischer Fehler", dass Gesamtschulen im Haushaltsantrag unberücksichtigt geblieben sind. Sie erklärt es damit, dass im Vordergrund die Rettung der IHR gestanden habe, deren Existenz gefährdet war. Aber eine bessere Ausstattung der IHR als der Gesamtschulen soll es nicht geben.

Kein Sitzenbleiben mehr

Im Haushaltsantrag unter 4. formuliert die GAL: ...... "die konzeptionelle Gestaltung der Bildungsgänge ....... so konsequent umzugestalten, dass es ab dem Schuljahr 2004/5 keine WiederholerInnen mehr gibt. Die gewonnenen finanziellen Mittel (zusammen ca. 380 Stellen) werden dafür eingesetzt,

- die konzeptionelle Gestaltung und Umsetzung der Bildungsgänge ohne Wiederholerinnen zu unterstützen;

- den Schulen ohne Sitzenbleiberinnen die dadurch freiwerdenden personellen Resourcen für die individuelle Förderung zur Verfügung zu stellen."

Die GAL ist sich klar darüber, dass für die Abschaffung des Sitzenbleibens Ausbildungs-, Zeugnis- und Versetzungsordnungen geändert werden müssen. Das Hauptproblem sieht Christa Goetsch allerdings in der Haltung der Gymnasiallehrer gegenüber dem Unterricht in heterogenen Gruppen. Hier soll gezielte Lehrerfortbildung erfolgen. Wie überhaupt das Landesinstitut den Schwerpunkt künftig auf den Unterricht in heterogenen Gruppen legen muss.

Auf den Hinweis, dass es in Integrierten Gesamtschulen bereits jetzt schon kein Sitzenbleiben gibt und diese Schulen ja deswegen sparsam mit ihren Resourcen umgehen, bemerkt Christa Goetsch sinngemäß: Die Gesamtschulen refinanzieren sich selbst. Das sei keine Frage. In Zukunft müsse aber verhindert werden, dass in den anderen Schulformen so viele Gelder für das unwirksame Wiederholen vergeudet werden.

Ganztagsschule

Die GAL strebt 15 neue Ganztagsschulen pro Jahr an, da mehr nicht zu finanzieren sei. Jede Schule müsse ein Konzept vorlegen, dass eine Verbindlichkeit hinsichtlich des Ganztagsbetriebes beinhalte.

NEUE HAMBURGER SCHULE

Auf die Frage, warum die bereits in Hamburg existierende Integrierte Gesamtschule nicht in diesem GAL-Konzept enthalten sei, antwortete Christa Goetsch sinngemäß: Die GAL vermeidet die Bezeichnung Gesamtschule, da ihr das von der sie beratenden Agentur empfohlen worden sei. Es solle unbedingt der Neuanfang dargestellt werden. Sie habe die Gesamtschule verinnerlicht und wolle keinen Gegensatz zwischen den Befürwortern integrierter Systeme hervorrufen. Gegenüber den bestehenden Gesamtschulen enthalte ihr Konzept zwei grundsätzliche Unterschiede:

Keine Selektion nach Klasse 4!

Christa Goetsch sieht das Grundübel für die Gesamtschulen darin, dass sie sich nach der Klasse 4 neben den Schulen des gegliederten Schulwesens behaupten müssen.

Keine äußere Fachleistungsdifferenzierung! Die GAL unterstützt daher die Forderung der GGG, entsprechende KMK-Beschlüsse aufzuheben. Sie unterstützt weiter die Bemühungen, in der Grundschule und in der Sek.I wieder Berichtszeugnisse erteilen zu können.

Neu ist die verbindliche Vorschulklasse für alle 5-jährigen. So kommt es zu der Struktur: 1 + 9 + 3. In der Begrenzung auf neun Jahre wird auch kein Problem gesehen, da man von der verbindlichen Vorschule ausgeht.

Nach 9 Jahren mit Abschluss wird ein Teil der Jugendlichen eine gymnasiale Oberstufe besuchen, drei Jahre bis zum Abitur.

Angedacht sind Oberstufenzentren mit mindestens 5 Zügen. Nach Berechnungen der GAL würden dann 20 Oberstufen wegfallen, die zu klein sind. Das spart!

Offen ist noch, ob der Übergang in die Sekundarstufe II durch Abschluss- oder Aufnahmeprüfungen erfolgen soll.

Das Elternrecht auf Wahl der Schulform kann erst nach Jahrgang 9 wirksam werden., da erst dann ein Schulwechsel erfolgen wird.

Christa Goetsch hält es in einer Legislaturperiode für machbar, die Förderschulen abzuschaffen und die Rückstufungen vom Gymnasium zu unterbinden.

Sie kann sich in einem ersten Schritt die Einführung der NEUEN HAMBURGER SCHULE auch bezirksweise vorstellen (wie auch die VHGS eingeführt worden ist.) Innerhalb des Bezirkes ordnen sich die Grundschulen auf einer verbindlichen pädagogischen Grundlage weiterführenden Schulen zu oder gehen eine verbindliche pädagogische Kooperation ein, auch mit Gymnasien.

Auf diese Weise würde ein Kind, das mit 5 Jahren in die Vorschule eingeschult worden ist, die nachfolgende Grundschule durchlaufen, weiter diese Schule besuchen bis es mit einer Abschlussprüfung nach Jahrgang 9 seine Schullaufbahn beendet.

Was allerdings mit "verbindlicher pädagogischer Kooperation" gemeint ist, bleibt unklar. Auch wie diese Kooperation in der schulischen Realität organisiert werden könnte, ist nicht ersichtlich.

Christa Goetsch sieht einen radikalen Wechsel in der Bildungspolitik der GAL. Die GAL war lange Zeit auf der Position "Gute Schule" festgelegt, nach der es nicht um die Frage der Schulform ging, sondern nur die jeweilige Einzelschule in den Blick genommen wurde. Jetzt sieht sie, dass es ohne eine grundlegend neue Schulstruktur nicht geht. Sie sieht für ihre NEUE HAMBURGER SCHULE auch in der Bevölkerung durchaus Chancen.

Da stellt sich bei der Verfasserin dieses Beitrages die große Frage: Reichen die vorgesehenen Schritte aus, das gegliederte Schulsystem in ein integriertes umzuwandeln?

Inge Noack ¨

– Bestellung möglich! – Bestellung möglich! – Bestellung möglich! –

Das nebenstehende Buch haben Grundschulverband (GSV) und GGG gemeinsam herausgebracht.

Es enthält eine umfangreiche Sammlung von Positionen, Forschungsergebnissen und Beispielen zu dem Thema "Länger gemeinsam lernen".

Wer diesen Band 55 aus Die blaue Reihe erwerben möchte, kann das Buch bei Annegret Volkmann bestellen. Ihre Adresse und Telefon-Nr. sind auf Seite 2 in diesem Heft zu finden.

Wir bieten dieses Buch noch einmal preisgünstig für 5 Euro an, dazu kommt noch das Versandporto.

zurück ...