Lernfortschritte an Gesamtschulen
Kolleginnen wollen es nicht glauben

Die GELBe (siehe S. 16 ff) lud am 18. Januar 2004 zu einem Bildungsfrühschoppen ein. Etwa 40 Zuhörer hatten sich zu einem Vortrag von Ulrich Vieluf eingefunden, der die Pisa und Lau – Befunde aus Sicht der Gesamtschule las und interpretierte. Mit zehn Schaubildern, die zentrale Lau-Befunde visualisierten, machte Vieluf den zuhörenden Eltern Mut, die Gesamtschule als das überlegene Schulangebot zu begreifen.

Weg mit der Schüchternheit gegenüber dem Gymnasium, könnte man seine Thesen zusammenfassen. Gesamtschule ist dem gegliederten Schulsystem in Punkto Lernförderung klar überlegen.

Um sechs zentrale Aussagen kreiste sein Vortrag:

  1. 11 Prozent der Kinder hatten zu Beginn der Klasse 5 eine Gymnasialempfehlung. Nach vier Jahren gemeinsamen Lernens erreichte mehr als ein Viertel der in LAU getesteten Neuntklässler Leistungen in den Kernfächern auf Gymnasialniveau. Das zeigt: Das Offenhalten des Abschlusses lohnt sich!
  2. Entwicklung des Anteils an Schülerinnen und Schülern der Gesamtschulen mit Leistungen im typisch gymnasialen Bereich, Jg. 5 – 9

  3. Die Gesamtschüler und –schülerinnen haben in den Klassen 7 und 8 zum Teil deutlich größere Lernfortschritte als die Gymnasiasten erreicht - in allen vier untersuchten Bereichen fielen die Lernfortschritte überdurchschnittlich aus.
  4. Lernfortschritte Lesen 7/8

    Lernfortschritte Sprache 7/8

    Lernfortschritte Mathematik 7/8

    Lernfortschritte Englisch 7/8

  5. Diese pädagogischen Erfolge erzielt die Gesamtschule ohne "Wiederholer". In den Gymnasien ist dagegen jeder neunte Schüler mindestens einmal sitzen geblieben, in den Hauptschulen knapp jeder fünfte und in den Realschulen mehr als jeder vierte Schüler.
  6. Nur wenige Gesamtschüler wechseln die Schulform. Dagegen kam jeder vierte Neuntklässler in den Hauptschulen aus einer anderen Schulform (meist aus den Realschulen), in den Realschulen war es knapp jeder fünfte Neuntklässler (die meisten Neuzugänge kamen aus den Gymnasien).
  7. In den Gesamtschulen ist "Durchlässigkeit" keine Einbahnstraße: Es wechseln etwa genau so viele Schüler in ein höheres Kursniveau, wie Schülerinnen und Schüler vom höheren ins untere Kursniveau wechseln. Im gegliederten Schulwesen gibt es trotz Sitzenbleiben überwiegend nur "Absteiger".
  8. Schülerinnen und Schüler aus dem untersten Leistungsviertel erzielen deutlich größere Lernfortschritte als Hauptschüler - das gemeinsame Lernen mit leistungsstärkeren Schülern ist also kein Nachteil, sondern ganz im Gegenteil ein Anreiz.

Die diesen Aussagen zugrundeliegenden Statistiken und erläuternden Charts können auf der web-Seite des Gesamtschulbündnisses eingesehen und heruntergeladen werden.
www.gesamtschule-gutfueralle.de

Pikant an diesen Aussagen ist, dass die Gesamtschullehrerinnen und -lehrer sie nicht recht glauben.
In einer von der Behörde selbst in Auftrag gegebenen Studie "Innen- und Außensichten der Gesamtschule" (Deutsches Institut für internationale pädagogische Forschung [DIPF] in Frankfurt) wurde ermittelt, dass die erhärteten Befunde der Lau – Reihe mit ihren für die Gesamtschulen positiven Ergebnissen nicht dem Bild entsprechen, das der durchschnittliche Gesamtschullehrer von den Möglichkeiten seiner Schulform hat.

Hier wird noch Nachhilfe in den Kollegien nötig sein. Eine Gruppe von Kollegen um die vier Gesamtschulsprecher bereitet z.Zt. eine Broschüre vor ("Gesamtschule unter der Lupe"), die geeignet ist, diesem etwas ernüchternden Befund abzuhelfen. Sie soll in diesem Frühjahr erscheinen.

Vielleicht wird die Bergedorfer Erfahrung auch andere Elternräte ermuntern, Herrn Vieluf zu einem Vortrag einzuladen. Es lohnt sich.

Gerhard Lein ¨

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