Die Gesamtschulen waren (fast) alle vertreten durch
Schulleitung, Elternrat, z.T. sogar Schülervertretungen und natürlich die
Schulräte. Auch die Politik ließ sich blicken: die schulpolitischen Sprecherinnen
der Bürgerschaftsopposition, Deputierte, Kammervorsitzende, Landesschulbeirat,
Bezirksamtsleiter, eine ehemalige Schulsenatorin, die grüne Parteivorsitzende.
Und selbstverständlich waren die der Gesamtschule nahestehenden Vereinigungen zugegen,
vom Grundschul- über den Ganztagsschulverband, die GGG und die GEW, auch der
DL, der Elternverein, Eltern für Integration und der Verband Integration an
Hamburger Schulen.
Der Anlass: Elf Hamburger Gesamtschulen feierten ihr 25jähriges Bestehen.
1993, als die Gesamtschulen der ersten Generation ihr Silberjubiläum feierten, war dies noch ein Ereignis, das durch Anwesenheit und Rede der Senatorin gewürdigt wurde. Die Zeiten ändern sich. Nicht aber das Selbstbewusstsein der Gesamtschulen. Denn die Untersuchungen über Lernzuwächse an dieser Schulform im Vergleich zu den gegliederten Schulen können uns auch selbstbewusst machen. Und dass wir von erfolgreichen Industrieländern umgeben sind, die ihre Kinder nicht schon mit zehn Jahren nach prognostizierten Schulabschlüssen sortieren wollen, macht uns in diesem selbstsicheren Land höchstens ratlos. Wie kommt es, dass bei uns die „EINE SCHULE FÜR ALLE“ immer noch nicht Regelfall ist?
Dieser Frage gingen dann auch vier Prominente unter der Leitung des Moderators Herbert Schalthoff in Hamburg 1 nach:
Ihre wichtigsten Aussagen:
Christian Seeler, Intendant des Ohnsorgtheaters lobte seine persönliche Gesamtschulsozialisation, berichtete von der Schullaufbahn seiner Kinder auf dem Gymnasium (Familiendruck) und davon, dass er sie – im Nachhinein - besser auf einer Gesamtschule hätte beschulen lassen sollen.
Claus Munkwitz, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Stuttgart, betonte neben seiner CDU-Mitgliedschaft, dass sein Handwerkskammertag Baden Württemberg sich klar für eine 9jährige Grundschule für alle ausgesprochen habe, weil dies die beste Antwort Baden-Württembergs auf die desaströsen Ergebnisse der PISA-Untersuchung sei. Dies sei aber noch nicht mehrheitsfähig im Ländle.
Prof. Dr. Hans-Jörg Schmidt-Trenz, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer Hamburg auf die Schalthoff-Frage, ob er sein Kind etwa auf eine Gesamtschule geben würde, ganz schlicht: „Ja, warum denn nicht?“
Er habe da keine Probleme, denn es gebe schlechte und gute Gymnasien, Gesamtschulen etc. Und seiner Kammer käme es eben auf die Ergebnisse schulischen Lernens an.
Ingrid Wenzler, Schulrätin aus Düsseldorf und GGG Bundesvorsitzende, machte klar, dass die Nachfrage nach Gesamtschulplätzen bundesweit aus ideologischen Gründen nicht annähernd befriedigt wird. Solange die Konkurrenz zu den gegliederten Schulen im Land bestehe müsse die Gesamtschule sich als die strukturelle und pädagogische Alternative profilieren. Dazu gehöre auch, das Korsett der äußeren Fachleistungsdifferenzierung abzustreifen. Dafür stünden die Chancen derzeit gar nicht schlecht.
Diese anregende und hochkarätige Diskussion machte eine kleine politische Wende in Hamburg klar. Die bisherige kompromisslose Ablehnung der Gesamtschule, nachzulesen z.B. in zahlreichen früheren Ausgaben der „Hamburger Wirtschaft“, dem Zentralorgan der Handelskammer Hamburg, ist einer differenzierten flexiblen Akzeptanz gewichen. Sicherlich ist dies zum einen dem geschickten Fragen des Fernsehmoderators geschuldet, zum anderen dem Gegenüber Munkwitz von der konservativen Handwerkskammer Stuttgart. Aber wenn der Hauptgeschäftsführer der Kammer öffentlich sagt, er könne sich selbst sein Kind an einer Gesamtschule vorstellen, dann ist ein Damm gebrochen. Die GGG wird die neue Lage sorgfältig ausloten und die Kontakte zu den Kammervertretern ausbauen müssen.
Die Sendung wurde am gleichen Tag ausgestrahlt. Jochen Wortelker hat sich die Mühe gemacht, einen Mitschnitt zu digitalisieren. Zusammen mit zahlreichen Standfotos vom Abend ist alles auf eine DVD gebrannt und für 5 Euro käuflich zu erwerben.
Eingeleitet wurde der spannende Abend durch ein Grußwort des Oberschulrats Rauschning. Er ging auf die Bedeutung dieses Festes und des Jubiläums ein und machte eine Rückblende in die damalige und für viele heute gar nicht mehr präsente Zeit. Cornelia von Ilsemann blickte sodann noch mal aus der Sicht einer Weitgereisten von außen nach Hamburg, immer aus der Sicht von Ländern, deren Schulentwicklung der unseren voraus ist.
Dass der Abend im übrigen auch atmosphärisch gut gelungen und den Jubiläen angemessen war, lag nicht zuletzt an dem herrlichen Buffet der Rudolf-Roß-Gesamtschule, an dem zahlreiche Gäste noch lange aushielten.
Schließlich und endlich soll nicht unerwähnt bleiben, dass dies kostspielige Fest-Ereignis vom Aktionsbündnis Gesamtschule vorbereitet, durch Beiträge aller Gesamtschulen und der Grundschulen unseres Kapitels sowie zahlreicher einzelner Spenden uns wohlgesonnener Vereinigungen und Menschen finanziert wurde. Danke!
Eine finanzielle Hilfestellung der Behörde, wie bei ähnlichen Festen früher üblich (und heute sicherlich bei politisch genehmen Ereignissen immer noch praktiziert), gab es jedenfalls genauso wenig wie die Präsenz oder ein Grußwort der Senatorin. Wusste sie, was sie nicht tat, oder war sie nur von politisch wohlmeinenden Mitarbeitern sorgfältig abgeschirmt worden, als die Anfrage an sie gestellt wurde?
Gerhard Lein ¨