25 Jahre Gesamtschule Öjendorf

Auch die Gesamtschule Öjendorf ist im letzten Jahr fünfundzwanzig geworden; aber gefeiert haben wir nicht. Da hat das AZM (Arbeitszeitmodell) uns den Spaß verdorben.

Dabei hätten wir Anlass genug gehabt uns zu feiern. Denn unter schwierigen Voraussetzungen – dies ist eine Schule in einem sog. sozialen Brennpunkt – haben wir unter dem Schlagwort „Schulentwicklung“ in den letzten fünf Jahren unsere Schule stetig modernisiert und unsere Arbeit professionalisiert – ohne aber schon dort angelangt zu sein, wo wir hin wollen.

Wir sind eine Gesamtschule mit ca. 1000 Schülerinnen und Schülern, die auf drei Standorte verteilt sind: die dreizügige Grundschule mit Vorschule und Hort, die Abteilung 5-7 mit einem großen parkähnlichen Gelände und die Abt. 8-10, die sich ein großes Betongebäude mit dem Charme einer Vollzugsanstalt mit dem Gymnasium Billstedt teilt. In der Oberstufe kooperieren wir mit der Gesamtschule Horn.

 

Als uns vor drei Jahren über das Projekt Budgetierung von Fortbildungsmitteln 65.000 DM für schulinterne Qualifizierungsmaßnahmen zur Verfügung standen, haben wir unsere Schule und den Schulentwicklungsprozess durch eine Marktforschungsfirma professionell evaluieren lassen.

Diese Rückmeldung auf unsere Arbeit – im Folgenden einige Passagen daraus – hat uns in der Hoffnung bestärkt, dass unser Tun wirkungsvoller ist, als wir selbst es oft glauben wollen:

 

Die GSÖ –
ein Schule in schwierigem Umfeld ....

Die Gesamtschule Öjendorf ist für die Kinder eines sozialen Brennpunktes zuständig. Gerade die Lehrer, die schon länger an der GSÖ unterrichten, registrieren immer höhere Anteile an vernachlässigten Kindern, an Kindern aus Familien, die von Sozialhilfe leben, sowie an ausländischen Kindern, die oft erst Deutsch lernen müssen und unterschiedliche Prägungen hinsichtlich Kultur und Geschlechterrollen in die Schule mitbringen. Zusätzlich wird beklagt, dass Eltern heutzutage entweder gar keinen oder einen nur wenig von gesellschaftlichen Normen geprägten Kurs bei der Kindererziehung steuern.

 

...die sich ihren Aufgaben mit neuem Schwung stellt.

Die Gesamtschule Öjendorf stellt sich der beschriebenen schwierigen Aufgabe nach Dafürhalten aller Befragungsgruppen in offensiver Weise. In den letzten Jahren ist spürbar Bewegung in die Gesamtschule gekommen. Unterstützt durch eine überaus aktive Schulleitung wurde und wird an allerlei Schrauben gedreht, um ein angenehmes Lern- und Sozialklima an der GSÖ zu schaffen.

Dabei fallen den befragten Lehrern und Schülern vor allem die Dinge positiv auf, die direkt sichtbar und damit greifbar sind, wie etwa die Renovierung von Gebäuden (z. B. Cafeteria) und der Computerraum. Auf der Unterrichtsebene werden die breitgesteuerten und praxisnahen Wahlpflichtangebote wie Medienkunde, Arbeitslehre und Mode-Design genannt. Last but not least spielen auch Veranstaltungen wie multikulturelle Feste oder Aulaabende eine gewichtige Rolle, um die GSÖ für alle Beteiligten nicht nur als eine Pflicht-, sondern auch als eine Kürveranstaltung zu profilieren. Ermutigenderweise zeigen sich gerade die Schüler besonders stolz auf die GSÖ – „eine schöne Schule“ oder „bunt und multikulturell“ sind Assoziationen, die von ihnen geäußert werden.

Für die Lehrer stellt sich das atmosphärische Klima im Kollegium als größtes Plus ihrer Schule dar. Die Kollegen werden durchgehend als freundlich und locker empfunden, als engagiert und motiviert. Auch wenn man nicht in jedem Fall denselben didaktischen Ansatz verfolgt, hilft man gegenseitig aus, unterstützt sich, so gut man kann. Aus diesen Äußerungen spricht das solidarische Gefühl, gemeinsam in einem Boot zu sitzen und bestimmte wichtige Ziele in ähnlicher Weise anzupeilen.

Über die Binnenwirkungen des neuen GSÖ-Kurses hinaus ist es noch wichtig festzuhalten, dass von den Befragten die Außerwirkung der Schule positiv hervorgehoben wird. Nach dem Motto: „Tu Gutes und rede darüber“ erzielt die GSÖ mit ihren zahlreichen Aktivitäten offenbar eine sehr gute Außenwirkung, was schließlich auch der Einwerbung von Mitteln zugute kommt – einer Aufgabe, der sich Schulen in Zukunft vermutlich in immer größerem Maße stellen müssen.

Hier zeigt sich zum einen deutlich, dass die Schule zumindest von aufgeschlossenen Schülern als feste Instanz und Ankerpunkt in einer ansonsten tendenziell als chaotisch erscheinenden Welt empfunden wird. Zum anderen lassen sich die Reaktionen der Schülerschaft durchaus als Kompliment für die GSÖ interpretieren. Die Jugendlichen sehen die GSÖ zwar auch als Raum, in den sie sich nolens volens einfügen und einpassen müssen. Vor allem aber erscheint ihnen ihre Schule als Gestaltungsareal, in dem sie sich selbst als handelnde Subjekte empfinden können. Ihre Partizipation an der Organisation von Veranstaltungen und Festen, von Disco- und Sportveranstaltungen vermittelt ihnen offenbar soviel Freude und Erfolgserlebnisse, dass sie am liebsten noch mehr Zeit mit Nachmittagsprojekten oder abendlichen Ereignissen an der Schule verbringen würden. Die Schüler erscheinen mit dieser Einstellung durchaus als Motor der Schulentwicklung, der sogar noch mehr auf Touren gebracht, d. h. genutzt werden könnte.

Fundamentale Kritik an ihrer Gesamtschule wird von den Schülern nicht laut... So wird auch ein flexibler, lockerer, schülerzugewandter Unterrichtsstil von ihnen eher goutiert als ein streng formalistisch an der Schulordnung orientierter.

Das Fazit des Evaluationsteams zu diesem Punkt lautet:

Die Gesamtschule Öjendorf leistet aus Sicht des Evaluationsteams in einer schwierigen gesellschaftlichen und lokalen Situation hervorragende Arbeit. Durch ein überaus hohes Engagement aller Beteiligten ist es in den letzten Jahren gelungen, viel Bewegung in die Entwicklung der Schule zu bringen. Die Schüler der GSÖ empfinden mehrheitlich ihre Schule als verlässlichen Ankerpunkt in ihrem Leben, zudem als Aktionsfeld, das ihnen die Möglichkeit gibt, sich als handelnde und erfolgreiche junge Menschen zu erleben. Sie agieren damit innerhalb der Schule insgesamt weniger als pädagogischer Problemfall. Die Schüler können vielmehr als ein Motor der schulischen Entwicklung betrachtet werden.

 

Die Einführung des AZM hat in unserem Kollegium allerdings zu einem Gefühl der Entwertung ihres bisher so engagierten Arbeitens geführt und uns veranlasst, die Feiern zum 25Jährigen Jubiläum der Schule abzusagen.

Stärker aber als die destruktiven Wirkungen des AZM war die unserem Schulentwicklungsprozess innewohnende Energie.

Und so ist auch das laufende Schuljahr für die GSÖ erneut besonders ereignisreich:

·         Der Antrag unserer Schule auf Umwandlung in eine Ganztagsschule war erfolgreich – trotz der (ungewollten) Konkurrenz zu vielen anderen Schulen.

Wenn die vorbereitenden Arbeiten gut verlaufen und sicher ist, dass für unser Ganztagsangebot die notwendigen finanziellen und personellen Ressourcen bereit stehen, beginnen wir im August 2006 in den Jahrgängen 5-7 mit dem Ganztagsbetrieb.

·         Für unsere Schüler und Schülerinnen der oberen Klassen mit einer Hauptschulprognose entwickelt die GSÖ das Konzept eines Praxislerntags: vier Tage in der Schule, ein Tag im Betrieb.

Damit sollen der Schulabschluss abgesichert und die Chance auf einen Ausbildungsplatz erhöht werden. Möglicherweise erfordert dieses Projekt die Organisationsstruktur von Profilklassen.

·         Seit einem Jahr befinden sich die LehrerInnen der Sek I im Didaktischen Training. Die GSÖ ist eine von 50 Hamburger Schulen, deren Kollegium Methoden des kooperativen Lernens unter Anleitung von professionellen Trainern systematisch einübt und im Unterricht ausprobiert. Alle Schülerinnen und Schüler der Klassen 5-10 haben mindestens schon das Platzdeckchen kennen gelernt.

·         Im Jahrgang 7 ist erfolgreich und mit Zustimmung der SchülerInnen eine Schulkleidung eingeführt worden. Wir werden sehen, ob dieses Pilotprojekt auf andere Jahrgänge übergreift.

·         Mit großem Engagement sind von LehrerInnen in der Grundschule und in der Abteilung 5-7 zwei Leseräume geschaffen worden. Wir haben dafür sehr viel Geld investiert; das ist es uns aber wert!

Die Leseräume sollen durch ihre besonders gemütliche Atmosphäre unsere Schüler dazu „verführen“, viele Bücher mit Spaß und Ausdauer zu lesen, um dadurch auch ihre Sprachkompetenz zu erhöhen.

·         Hamburger Studenten haben im Rahmen eines Seminarprojekts einen Film über SchülerInnen der GSÖ gedreht, der von so guter Qualität ist, dass er unter dem Titel Schule ist aus und du bist raus regelmäßig als Kinofilm im ABATON gezeigt wird.

·         Eine mit hohem finanziellen Aufwand installierte Videoüberwachung am Standort Öjendorfer Höhe ist im Betrieb und hat schon die Aufklärung eines Fahrraddiebstahls ermöglicht. Der eigentliche positive Effekt aber ist der auffällige Rückgang von Vandalismus und Einbrüchen durch Schulfremde außerhalb der Schulzeit.

·         Viele Veranstaltungen und Aktionen haben das Bild der GSÖ als sehr lebendige Schule geprägt: im Spätsommer das Multikulturelle Schulfest, im Herbst der große Laternenumzug, im Winter der Präsentationstag und das Musical in der Grundschule, drei Sportturniere für die Jahrgänge 5, 6 und 7, der Wettbewerb Wer hat die schönste Klasse, die Vorlesewettbewerbe in den Jahrgängen 4 und 6, die Spendenaktionen für die Flutopfer, die Teilnahme an Schüler machen Zeitung und Schüler im Parlament, die Abschlussklassenreise im Jg. 10 nach Krakau und Auschwitz ...

Dies alles und noch viel mehr ereignet sich unter den Arbeitsbedingungen des Arbeitszeitmodells. Einiges davon wird die GSÖ grundlegend verändern.

Mit diesem Schlaglicht auf das, was wir in der GSÖ tun – vorrangig zu Gunsten der Unterrichtsqualität –, dokumentiert, wie schwer es ist, ein so vielfältiges Schulleben kaputt zu machen. Es ist aber nicht unmöglich. Daran sollten die politisch Verantwortlichen denken, die den Hamburger Lehrerinnen und Lehrern immer neue zusätzliche Arbeitsbelastungen zumuten.

 

Dr. Gottfried Pareigis, Schulleiter der GSÖ  ¨

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