Die Otto-Hahn-Schule ist eine Gesamtschule mit den Sekundarstufen I und II im Stadtteil Jenfeld. Es gibt in Jenfeld insgesamt 4 weiterführende Schulen: 3 Haupt- und Realschulen, eine Gesamtschule und kein Gymnasium. Mit dem geplanten Abbau der Sekundarstufe II (Sek. II)an der Otto-Hahn-Schule (OHS) wird es für die Jenfelder Schülerinnen und Schüler keine Möglichkeit mehr geben, das Abitur in „ihrem“ Stadtteil abzulegen.
Der Schulentwicklungsplan stellt fest: „Mehr als 90 % der Gesamtschulnachfrage in der Region entfällt auf die Otto-Hahn-Schule. Darüber hinaus erhält die Gesamtschule weitere Anmeldungen aus den Nachbarregionen, welche ca. 40% ihrer Anmeldungen ausmachen. Die Otto-Hahn-Schule konnte in den zurückliegenden Jahren einen deutlichen Anstieg der Schülerzahlen verzeichnen, so dass die anzustrebende Sechszügigkeit im Bereich der Sekundarstufe I voraussichtlich erreicht werden kann.“
Eigentlich
eine sehr positive Einschätzung, so möge man meinen! Dennoch soll die Sek. II
an der OHS abgebaut werden – wegen angeblich zu geringer Schülerzahlen. Relativ
geringe Zahlen gab es in den vergangenen Jahren in der Sek. II, das wird nicht
bestritten. Aber die Entwicklung der Schülerzahlen in der Sek. II ist positiv:
Es geht wieder stetig „bergan“!
1. Die künftigen Zahlen für die SEK II sind falsch prognostiziert. Bereits für das nächste Jahr werden voraussichtlich ca. 40 SchülerInnen in die Sek. II übergehen können, das sind mehr als manches Gymnasium und viele Gesamtschulen in Hamburg in die Sek. II schicken können. Durch besondere Fördermaßnahmen in den Jahrgängen 9 bis 11 und viele außergewöhnliche Projekte an der OHS werden die Leistungen auch von Schülern, die vorher nicht die gymnasiale Empfehlung besaßen, so verbessert, dass sie verstärkt den Sprung auch in die Oberstufe schaffen (inzwischen deutlich über 30 % aller Schülerinnen und Schüler). Das ist auch ein Erfolg des Arbeitskreises Sek. II, der seit knapp 3 Jahren an der Reform der Oberstufe an der OHS arbeitet.
2. Ohne Berücksichtigung blieben diverse Neubaugebiete: Lettow-Vorbeck-Kaserne mit 800 Wohneinheiten sowie Boltwiesen, Rahlstedter Höhe, Dringsheide, Ahrensburger Straße.
3. Vorschläge der OHS zur kurzfristigen Stützung der Sek.II (durch Schüler und Schülerinnen aus überlasteten Regionen) wurden nicht genehmigt. Ein Antrag zur Durchführung eines Schulversuches zur Aufnahme leistungsstarker Realschüler in Anlehnung an das Schulsystem in Baden-Württemberg (integrierter Bildungsgang) wurde abgelehnt.
4. Veränderung der Schülerströme durch mögliche Schulschließungen im Umfeld der OHS werden nicht berücksichtigt.
5. Die bestehenden (erfolgreichen) Kooperationen mit den Gymnasien Tonndorf und Rahlstedt wurden nicht berücksichtigt, das Gymnasium Rahlstedt ist nur sehr begrenzt aufnahmefähig und müsste mit anderen Schulen kooperieren (das kritisierte Pendeln der Sek. II – Schüler wird nur verlagert).
6. Es wird keine einzige Zusammenlegung von Oberstufen an Gymnasien geplant, obwohl manche Schulen weniger Schüler und Schülerinnen in die Sek. II schicken als die OHS. Kooperationen anderer Gesamtschulen mit Gymnasien werden auch künftig erhalten. Im Osten Hamburgs ist ein dichtes Netz von Gymnasien vorhanden, aber nicht von Gesamtschulen.
7. Potentielle Sek. II-Schülerinnen und -Schüler gehen wegen der unterschiedlichen Stoffpläne in der Regel nicht auf die Oberstufen der Gymnasien, für Schüler ohne 2. Fremdsprache ist das gar nicht möglich. Wenn das 8-jährige Gymnasium durchgewachsen ist, können Gesamtschülerinnen und -schüler gar nicht mehr in die Oberstufe der Gymnasien wechseln.
8. Es gibt keinerlei Einsparmöglichkeiten an der OHS
durch Gelände- oder Gebäudeverkäufe, Betriebskosteneinsparungen,
Personaleinsparungen (Ausnahme: Gehaltsdifferenz zwischen A14 und A15 der
Stelle des Sek.II-Abteilungsleiters, der zur Zeit noch in der Probezeit ist).
9. Die pädagogische Qualität / Schulentwicklung wird bei der Standortplanung nicht einbezogen: Innovationen der letzten Jahre: Entwicklung zur Ganztagsschule (inzwischen zum 1.8.05 genehmigt), Teilnahme an mehreren Länder übergreifenden Projekten EBISS, SINUS und Comenius (Spanien und Polen), Entwicklung zur Stadtteilschule, regelmäßige Wettbewerbsteilnahme, z.B. Jugend forscht, Begabtenförderung (BiFo), Kooperation mit der Technischen Universität Hamburg, Umweltprojekte u.v.m.
10. Die Sozialdaten im Einzugsgebiet finden keine Berücksichtigung (einzige Schule in Jenfeld, die zum Abitur führt), Chancengleichheit besonders für Migranten, speziell der Mädchen, erleidet einen Rückschlag.
„Der Schock war zunächst bei allen Mitgliedern der Schulgemeinschaft groß. Aber dann erwachte der Kampfgeist: Demonstrationen, Straßensperrungen und Unterschriftensammlungen wurden geplant und durchgeführt, die Jenfelder Öffentlichkeit wurde mobilisiert. Verständnis und Unterstützung allerorten!
Mit den Abgeordneten aller
Parteien wurden intensive Gespräche geführt. Unterstützung kam von der SPD und der
GAL. Besonders enttäuscht sind wir von der CDU, die stets vorgibt, im Interesse
der Bürger zu handeln. Mit mehreren Abgeordneten wurden Gespräche geführt,
stets mit dem Ergebnis, die Otto-Hahn-Schule beim Erhalt der Oberstufe unterstützen
zu wollen und alle Argumente an die Expertenkommission weiterzugeben. Aus dem
Wochenblatt mussten wir später entnehmen, dass für die CDU-Fraktion der Erhalt
des Gymnasiums Tonndorf oberste Priorität hatte.
Bei aller Wertschätzung dieser Schule: Wie erklärt es sich, dass für den Stadtteil Tonndorf (1779 Kinder / Jugendliche unter 18 im Gegensatz zu 5207 Kindern / Jugendlichen in Jenfeld) nun der Standort des Gymnasiums Tonndorf erhalten werden soll (mit dem Etikett „kooperative Gesamtschule“ ab Schuljahr 2006), in Jenfeld aber trotz dreimal so hoher Schülerzahl und diverser geplanter Bauvorhaben keine Abiturmöglichkeit verbleiben soll? Sind die Jenfelder Kinder so viel „dümmer“? Es existiert ein dichtes Netz an Gymnasien im Raum Wandsbek, aber nur ein sehr weitmaschiges für Gesamtschulen. Will man aus ideologischen Gründen der integrierten Gesamtschule „das Wasser abgraben“? Will man bewusst der Otto-Hahn-Schule, die sich in den vergangenen Jahren deutlich steigender Beliebtheit erfreute, die Schülerschaft auch in Jahrgang 5 wegnehmen? Soll das dreigliedrige Schulsystem durch die „Hintertür“ gestärkt werden, indem man sich des „Etiketts“ der kooperativen Gesamtschule bedient, die die Kinder ab Jahrgang 7 genauso selektiert wie das dreigliedrige Schulsystem?
Wir werden für die Einrichtung der 11. Klassen an unserem Standort vor das Verwaltungsgericht ziehen, denn es ist wichtig, dass unsere Kinder hier im Stadtteil in ihrer gewohnten Umgebung weiter in die Schule gehen können.“
So ein Stimmungsbild aus der Elternschaft.
Unter der Überschrift „Jenfeld
vor dem Fall?“ sieht der Stadtteilrat der Stadtteilkonferenz Jenfeld der
Zukunft des Stadtteils mit Bedenken und Sorge entgegen. Er macht darauf aufmerksam, dass gut ein Viertel der 28 000 Menschen in Jenfeld auf staatliche
Transferleistungen angewiesen ist,
es ist ein Stadtteil mit relativer Armut. Gerade ein solcher Stadtteil braucht
umso mehr eine ausgezeichnete Infrastruktur, um die sozialen Einbrüche abzumildern.
Dazu zählt vor allem ein gutes Bildungsangebot. Die beabsichtigte Schließung
der Sek. II an der OHS grenzt die vielen Jenfelder Kinder und Jugendlichen von
einem höheren Bildungsabschluss aus. Daher fordert der Stadtteilrat alle
Verantwortlichen auf, Stadtteile wie Jenfeld von jeglichen Kürzungsmaßnahmen
auszunehmen, um diese Standorte nachhaltig im Sinne der „Wachsenden Stadt“ zu
stabilisieren. Diese Position unterstützen auch alle anderen Institutionen,
Kirchen, Verbände und zahlreiche Bürger und Bürgerinnen Jenfelds.
Ihr Traum von einem reibungslosen Übergang in die Sek. II „ihrer Schule“ ist vorerst zerplatzt. Die ersten haben sich an anderen Schulen – Gymnasien oder Gesamtschulen – in Hamburg und auch im nahe gelegenen Bundesland Schleswig-Holstein umgesehen. Und sie stellten erstaunt fest: An vielen Schulen ist die Anzahl der Schülerinnen und Schüler, die in die Sek. II gehen, nicht höher als an der Otto-Hahn-Schule, man kann auch an anderen Schulen nicht alle Wunschkurse belegen und / oder man muss zwischen mehreren Standorten pendeln – übliche Praxis an fast allen Gesamtschulen und Gymnasien in Hamburg, in Schleswig-Holstein auch. Warum soll es denn gerade uns an der OHS treffen? Es drängt sich der Verdacht auf: Waren die Gesamtschulen – nicht gerade das „Lieblingskind“ der regierenden Konservativen – durch die geplanten Schulschließungen in Hamburg etwa nicht ausreichend getroffen? Hat man sich die „Bauernopfer“ gesucht in Stadtteilen, in denen man wenig Widerstand vermutete? Keine Lobby also für die sozial Schwächeren?
Für viele der ausländischen Mädchen ist es eine besondere Katastrophe, sie sind deprimiert: Sie wollten an der OHS ihr Abitur machen und ihre Familien hatten nach jahrelanger Zusammenarbeit endlich Vertrauen zu der Schule gefasst. Mal eben in einem anderen Stadtteil zur Schule zu gehen und dort die Oberstufe zu besuchen, das werden viele Familien für ihre Töchter nicht akzeptieren und so bleibt nun für einige der Schülerinnen das Abitur ein Traum.
Damit dieser Traum doch noch
Realität wird, haben die Schülerinnen und Schüler beschlossen, dass sich alle,
die die Oberstufenqualifikation erwerben, an „ihrer“ Schule für die Sek. II
anmelden. Notfalls wollen sie die Schule besetzen, um ihrer Forderung Gehör zu
verschaffen.
Vor über 30 Jahren wurde die Otto-Hahn-Schule aus einem Gymnasium hervorgehend gegründet. Die Schule entwickelte sich zu einer anerkannten Gesamtschule in Hamburg. Durch den Bau der Großsiedlungen im Umfeld der Schule kamen auf die überwiegend gymnasial ausgebildete und orientierte Lehrerschaft große pädagogische Herausforderungen zu, denen sich die meisten mit großem Engagement stellten.
Dennoch haben die Kolleginnen und Kollegen „ihrer Schule“ und dem besonderen Schülerklientel „die Treue gehalten“. Viele positive “Karrieren“ von ehemaligen Schülerinnen und Schülern gaben Bestätigung und Befriedigung für die oft schwierige Arbeit im sozial belasteten Stadtteil Jenfeld.
Besonders stolz war man stets darauf, dass die Schüler der Otto-Hahn-Schule sich in der gemeinsamen Kooperation mit zwei Gymnasien mit ihren Leistungen behaupten konnten. Abbrecher in der Sek. II gab es kaum. Die gerade erschienenen LAU11-Ergebnisse geben den KollegInnen Recht: Zum Beispiel im Fach Mathematik haben die Otto-Hahn-Schüler/Schülerinnen in allen Bereichen signifikant höhere Leistungen als der Durchschnitt aller Schüler/Schülerinnen an den Gesamtschulen erreicht. Der Lernfortschritt von Jahrgang 9 bis 11 ist überdurchschnittlich. Das Gleiche gilt für den Bereich „Lesekompetenz“, die Schlüsselqualifikation heute schlechthin. Dass das in einem sozial belasteten Stadtteil mit hohem Migrantenanteil nun wissenschaftlich belegt ist, bestätigt die gute pädagogische Arbeit der Schule.
Knapp 70 % der KollegInnen der OHS sind GymnasiallehrerInnen. Die Arbeit in der Oberstufe macht den meisten Spaß und wird als „Ausgleich“ zu der oft schwierigen Arbeit in der Sek. I empfunden, ehemals im Studium Gelerntes kann angewendet werden. Ein „Stück Arbeitszufriedenheit“ hängt damit zusammen.
Ihre Befürchtungen bringen die KollegInnen auf verschiedene Weise zum Ausdruck: Weitere soziale Entmischung mit allen ihren negativen Folgen wird befürchtet. Aufgaben, die die OberstufenschülerInnen bisher übernommen haben (bei Kursleitungen am Nachmittag, Projekten, im Schülerrat u.a.) und Vorbildfunktionen der älteren werden fehlen. Manche KollegInnen sind verbittert und wütend, dass ihre Arbeit nicht entsprechend gewürdigt und unterstützt wird. Andere ziehen aber auch die Konsequenzen: 6 Umsetzungsanträge wurden zum 1.8. gestellt: ans Gymnasium!
Zur Zeit wird mit umliegenden Gesamtschulen über die Möglichkeit eines „Verbundes“ für die Sek. II, also eine gemeinsame Sek. II für mehrere Gesamtschulen, verhandelt. Allerdings: Die Begeisterung über ein solches Modell hält sich bei allen Beteiligten „in Grenzen“, denn alle in Frage kommenden Gesamtschulen sind bisher in den bestehenden Verbünden oder Kooperationen ganz gut zurecht gekommen, unsere Schüler und Schülerinnen müssen die Schule und Vertrautes verlassen und wesentlich weitere Wege zurücklegen, an der Otto-Hahn-Schule werden sie fehlen. Ob alle Projekte mit anderen Partnern weitergeführt werden können, ist mehr als fraglich. Die Situation und Perspektiven für das Kollegium sind wenig erfreulich.
Ein wenig Hoffnung gibt die Aussage in der letzen Fassung des Schulentwicklungsplanes (Januar 2005). Unter „Perspektive“ wird ausgesagt, dass die Oberstufe bei entsprechenden Schülerzahlen auch eigenständig wieder existieren kann. Der Schulentwicklungsplan bestätigt, dass die Grundlage, die erforderliche Schülerzahl in der Sek. I, in den letzten 3 Jahren erreicht wurde und auch künftig erreicht werden kann.
Allerdings stellt sich die Frage: Welchen Sinn macht es eigentlich, die vorhandene „Infrastruktur“, zu der neben Räumen und Material auch das Personal und die Abteilungsleitung gehören, für eine kurze Zeit abzubauen, um hinterher alles wieder aufzubauen? Einem „Einsparpotential“ von max. 6000 € / Jahr (Gehaltsdifferenz Abteilungsleitung) stehen die Schicksale vieler betroffener Menschen gegenüber.
Ohne Zweifel müssen Kosten gespart werden – in wie weit das nun im Schulsystem sinnvoll ist, soll hier nicht erörtert werden. Aber: Es darf die Frage erlaubt sein: „Lohnt“ sich der „Einspareffekt“ an der OHS wirklich (als relativ großes System mit 865 Schülern arbeitet die Schule ohnehin „kostengünstig“: siehe Schulentwicklungsplan) oder gibt es andere Gründe für die getroffene Entscheidung?
Zusammenfassung
der Stellungnahmen der Schulkonferenz, des Eltern- und Schülerrates, des
Lehrerkollegiums und der Stadtteilkommentare:
Renate Wiegandt, Schulleiterin Otto-Hahn-Schule
