
Die Schule zu verlassen und sich in die umliegenden Felder aufzumachen, war stets ein Vergnügen; und das Weiß, die Unberührtheit und Reinheit des Schnees waren eine wunderbare, wenn auch kurze Erholung von der Eingeschlossenheit, dem Elend und dem Gestank der Schule. Einmal gelang es mir irgendwie, mich von den anderen Jungen und unserem Lehrer zu entfernen, sodass ich einen kurzen, ekstatischen Augenblick lang das Gefühl genießen konnte, mich zwischen den Schneeverwehungen „verirrt“ zu haben – ein Gefühl, das sich rasch in Schrecken verwandelte, als sich herausstellte, dass ich mich tatsächlich verirrt hatte und das Ganze kein Spiel mehr war. Ich war sehr glücklich, als man mich schließlich fand, in den Arm nahm und mir nach der Rückkehr in die Schule eine Tasse heißer Schokolade vorsetzte.
Meiner Erinnerung nach entdeckte ich im gleichen Winter die Eisblumen an den Fensterscheiben der Pfarrhaustüren. Ich war von ihren Nadelspitzen und Kristallformen fasziniert und stellte staunend fest, dass ich einige mit meinem Atem zum Schmelzen bringen konnte, sodass kleine Gucklöcher entstanden. Eine meiner Lehrerinnen – sie hieß Barbara Lines – bemerkte mein starkes Interesse und zeigte mir die Schneekristalle unter einer Lupe. Niemals seien auch nur zwei vollkommen gleich, erklärte sie mir, und die Erkenntnis, wie viele Variationsmöglichkeiten in einer sechseckigen Grundform steckten, wurde eine Offenbarung für mich.
Aus:
Oliver Sacks, Onkel Wolfram, Erinnerungen, 2002 Reinbek bei Hamburg