Mit allen Sinnen – MODE-DESIGN
Ein neues Wahlpflichtfach an Gesamtschulen
Im Mittelpunkt steht die Gestaltung eigener Kleidung. Phantasie, Kreativität und Mut etwas Neues auszuprobieren gehören dazu. Von Anfang an sind die Jugendlichen dadurch motiviert, weil sie etwas Eigenes für ihren Körper gestalten. Von der Ideenfindung über den Entwurf und der Schnittgestaltung bis zur Fertigung ihres Kleidungsstückes identifizieren sie sich mit ihrer Arbeit.
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Sybill Bohn |
Die Lehrkraft tritt in den Hintergrund. Die Schülerinnen und Schüler machen nicht nach, was wir vormachen. Wir stellen "nur" unsere Hilfe, unser Wissen, unsere Erfahrung zur Verfügung.
Das erklärt Sybill Bohn von der Gesamtschule Lohbrügge, als ich sie nach dem noch auf Sonderantrag genehmigten Wahlpflichtfach MODE – DESIGN befrage. Sybill Bohn ist prädestiniert für dieses Fach. Bevor sie Lehrerin wurde, hat sie 8 Semester Mode-Design mit Abschluss studiert. Im Fach Arbeitslehre / Bereich Textil konnte sie einige ihrer Vorstellungen (vorwiegend in Projektwochen) für kurze Zeit verwirklichen.
Ich frage weiter: Und wenn nun ein Mädchen oder Junge nicht die Idealmaße hat, sondern sehr füllig ist, versucht eine Lehrkraft dann nicht, den Jugendlichen das Kaschieren dieser Fülle beizubringen?
Nein, die Schülerinnen – und es sind in diesem Schuljahr vorwiegend Mädchen in den Kursen –finden durch die Auseinandersetzung mit ihrem Körper in Verbindung mit der Aufgabenstellung ihre individuelle Lösung. Auffällig ist dabei der Zugewinn an Selbstsicherheit, auch wenn der- oder diejenige nicht dem körperlichen Ideal entspricht. Ein sehr wichtiges Ziel dieses Unterrichtes ist ja gerade die Stärkung der Persönlichkeit. Deshalb ist ein weiterer wichtiger Aspekt des Wahlpflichtfachs MODE-DESIGN die Präsentation der angefertigten Kleidungsstücke.
Das Unterrichtskonzept sieht vor, dass einmal im Jahr alle Mode-Design Kurse ihre Ergebnisse der Öffentlichkeit präsentieren. Dabei lernen die Jugendlichen sich nach Musik zu bewegen und in einer Performance ihre selbst gefertigte Kleidung vorzuführen. Ich arbeite seit einigen Jahren mit einer Choreografin bzw. mit einer Tanzpädagogin zusammen, die mit den Jugendlichen die Choreografie professionell einübt. Das ist harte Körperarbeit.
Außer an der GS Lohbrügge findet das Wahlpflichtfach MODE-DESIGN noch an der GS Fischbek (Susanne Bohle-Vorberg), an der GS Öjendorf (Helgard Schwarz) und an der Erich-Kästner-Gesamtschule (David Müller) statt. Im April 2002 hatten diese vier Schulen an zwei Abenden eine Veranstaltung auf Kampnagel. Diese Art der Präsentation der eigenen umgesetzten Entwürfe ist schon etwas Besonderes für die beteiligten Schülerinnen und Schüler.

Deutlich wurde der Produktstolz aller und ich denke, dass wir bei ihnen einen Zuwachs an Persönlichkeitsbildung erreicht haben und das macht auch uns stolz.
Wie habt ihr so eine teure Kampnagel-Veranstaltung finanziert?
Wir bekamen von den mitwirkenden Schulen u.a. Zuschüsse und jeder Abend kostete Eintritt entsprechend einem Kinobesuch. Bisher haben wir die Veranstaltungen eigenständig finanziert, gemildert durch Spenden.
Wodurch hast du den Anstoß bekommen MODE-DESIGN zu unterrichten?
Die Idee bekam ich 1996 auf einer Fachtagung am IFL.. Dort berichtete der Kollege David Müller begeistert von der Arbeit in seinen Mode-Design Kursen. Nachdem der Kontakt hergestellt war, wurden alle allgemeinbildenden Schulen in Hamburg angeschrieben und eine Anzahl von Kolleginnen und Kollegen gefunden, die Interesse und die fachliche Qualifikation besitzen, um MODE-DESIGN zu unterrichten.
Daraus entwickelte sich ein Arbeitskreis am IFL, der seit 5 Jahren einmal im Monat tagt. Wir tauschen Unterrichtserfahrungen aus, entwickeln Themen für unsere Kreativprojekte und planten die beiden Veranstaltungen auf Kampnagel (1999 u. 2002). Auch die jährlich stattfindenden Präsentationen bereiten wir dort gemeinsam vor.
Und wie ging dann die Entwicklung weiter?
Vor drei Jahren erhielten David Müller und ich vom Amt für Schule den Auftrag, die entwickelte konzeptionelle Grundlage für die Einführung und Genehmigung als Wahlpflichtfach zu formulieren. In Herrn Widmann von der BBS, Referatsleitung Deutsch und Künste, haben wir einen Befürworter unseres Vorhabens gefunden.
Warum habt ihr euch eigentlich für die Einführung dieses neuen WP-Faches so stark gemacht? Ich stelle mir vor, dass MODE-DESIGN eher ein Thema in Projektwochen oder –tagen sein könnte, unterstützt von Fachleuten aus der Arbeitslehre, Bereich Textil?
Im MODE-DESIGN- Unterricht arbeiten die Jugendlichen mit allen Sinnen! Sie zeichnen Entwürfe und fertigen Kleidungsstücke für ihren eigenen Körper an, sie müssen sich also kreativ mit sich selbst auseinandersetzen.
Sie lernen einerseits ganz individuell, anderseits in der Performance als Gruppe, um ihr angefertigtes Produkt zu präsentieren.
Das alles ist in einer Projektwoche nicht zu schaffen. Außerdem liegt der Schwerpunkt im Fach Arbeitslehre/Textil in der Fertigungstechnik und verfolgt damit ein anderes Ziel.
Ich bin der Meinung, MODE-DESIGN hat auf jeden Fall neben Musik, Darstellendem Spiel und Bildender Kunst seinen Stellenwert und sollte als Bereicherung und Erweiterung des musisch-ästhetischen Wahlpflichtangebotes verstanden werden.
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Sevim Kalir, Bastian Hinrichs |
Dazu muss, nach Auskunft von Herrn Widmann, wie bei jedem neuen Fach im WP-Bereich ein Antrag bei der Behörde gestellt werden. Die Genehmigung für die Durchführung wird durch den Hinweis auf das vorliegende Konzept des Arbeitskreises gewöhnlich erleichtert. Von Seiten der Behörde liegen noch Änderungswünsche zu diesem Konzept vor. Außerdem ist die Aus- und Fortbildung der in diesem WP-Fach zukünftig unterrichtenden Lehrkräfte noch nicht geklärt. Der Arbeitskreis hat in seinem Konzept eine ähnlich qualifizierende Fortbildung gefordert wie sie für das Fach DSP stattfindet. Es ist also noch einiges in der Schwebe. Der Arbeitskreis wünscht sich, dass möglichst bald von Seiten der Behörde Entscheidungen in seinem Sinne gefällt werden.

One – two – three- four – nach Musik und im Rhythmus bewegen sich die Schülerinnen und ein Schüler des Kurses aus Jahrgang 9 barfuß auf der Bühne. Sie proben noch in Alltagskleidung für ihre "Sommer-Swing-Performance", die sie auf einer Tagung für ästhetische Bildung zeigen werden. Die Tanzpädagogin Johanna Bock korrigiert Körperhaltung und Bewegung. Mittendrin läuft Sevim Kalir, die für die Fotos ihr selbst entworfenes Kleid angezogen hat. Sevim ist eine der Schülerinnen, die mit Sicherheit von diesem neuen WP-Fach profitiert. Mit ihrer B2 in MODE-DESIGN kann sie ihre Note im Fach Politik, in dem sie nicht so leistungsstark ist, wunderbar ausgleichen. Vielleicht klappt es dann auch mit dem Realschulabschluss. Alles Gute, Sevim! Sybill Bohn danke ich für das Gespräch und wünsche ihr, dass der Weg durch die Behörden für das WP-Fach MODE-DESIGN nicht mehr allzu lange dauert.
Inge Noack
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