Schüler-Austausch zwischen der Ida Ehre Gesamtschule und Kragujevac/Serbien-Montenegro
Im Frühjahr 1999, als die NATO-Angriffe auf Jugoslawien einsetzten, hatten sich etwa zwanzig Oberstufenschüler der ehemaligen GS Jahnschule (heute Ida Ehre GS) spontan als "Friedenskomitee" der Schule konstituiert und selbständig den ersten Austausch mit Kragujevac organisiert. Der politische Akzent des Austauschprojektes war mit dem Anlass von vornherein gegeben und hat sich bis heute erhalten. Die Schüler haben das Vorhaben aus freien Stücken vorangetrieben - es gab keine unterrichtliche Einbindung oder Lehrermithilfe - zumindest nicht in der wichtigen Startphase.
Komplexe Aufgaben haben die Schüler bewältigt: Die Jugoslawen konnten praktisch keinen Pfennig bezahlen (Monatsgehalt eines Lehrers vor zwei Jahren: 80 DM) - Besuch und Gegenbesuch mussten komplett von der Gruppe finanziert werden. Die Sammlung von Spendengeldern allein führte zu öffentlichen Werbe-Auftritten bei Parteien und Verbänden - schließlich ist es gelungen, die nötigen Finanzen aus eigenen Beiträgen und Spenden zusammenzubekommen. Die GEW hat bei beiden Austauschen großzügig mitgeholfen.
Kontakte zur jugoslawischen Seite mussten hergestellt, Dolmetscher gewonnen, Visa besorgt, Verhandlungen wegen vieler Fragen geführt werden usw. Es gab für das Vorhaben keine bei Schulfahrten sonst übliche entlastende Struktur. Die Schülerinnen und Schüler haben wesentliche Planungs- und Durchführungsarbeiten in ihrer Freizeit bewältigt, für den Besuch in Jugoslawien im Jahr 2000 ihre Maiferien gegeben, und die anstrengende schulische Arbeit "nebenbei" bewältigen müssen. Immerhin hat ein erheblicher Teil in der Zeit auch die Abiturvorbereitungen leisten müssen.
Die Schüler haben sich ein eigenes Bild von einer Stadt und ihren Menschen im bestgehassten Serbien gemacht. Sie sind Augenzeugen geworden. Sie haben denen gegenüber einiges voraus, die nur auf Texte und Bilder der Massenmedien angewiesen sind und sich deren mitunter pauschal serbenfeindliche Konstruktionen zu eigen machen. Sie haben gelernt, dass die politische/militärische Führung eines Landes nicht dasselbe ist wie die Bevölkerung des gleichen Landes.
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Meine Gastfamilie wohnt in einer Wohnung auf einem Hügel oberhalb der Innenstadt. Die Wohnung ist klein und Teil einer größeren Baracke, die die Deutschen gebaut haben. Die Wände zur Nachbarwohnung sind aus Pappmache und man kann fast alles hören, was die Nachbarn sagen. Auch innerhalb der Wohnung sind die Wände so dünn, dass ich öfter aufwache, wenn mein Gastvater im Nebenzimmer hustet. Die Wohnung hat drei Zimmer, zwei Schlafzimmer und ein Wohnzimmer mit Küche. Das Bad ist so klein, dass ich mich drinnen nur schwierig herumdrehen kann. Der Raum, den ich mit meinem Gastbruder Philip teile ist gerade groß genug für zwei schmale Betten und einen Stuhl. Aber meine Familie bezahlt auch keine Miete für die Wohnung und sie sagen, dass ihre Wohnung für serbische Verhältnisse nicht schlecht ist. Einen Nachmittag gehe ich mit Philip zu seinem Cousin. Am Anfang verstehe ich nicht, wo Philip hinwill, weil er immer auf Englisch sagt, er wolle zu seinem Bruder gehen. Nach einer Weile verstehe ich, dass Philip alle seine Cousins seine Brüder nennt, weil es keinen Unterschied zwischen der unmittelbaren und der restliche Familie gibt. Als wir bei Philips Onkel im Haus sind, geht Philip selbstverständlich zum Kühlschrank und nimmt sich etwas zu Essen. Er erklärt mir, dass das Haus seines Onkels für ihn wie sein eigenes Zuhause ist. Und weil ich sein Gast bin, bin ich auch gleichzeitig der Gast seines Onkels und seiner Cousins. (Fabian T.) |
Und sie haben ganz erhebliche Kritik an dem Vorgehen der NATO entwickelt - vgl. den Beitrag des Schülers Aljoscha Domes, der eine wunderbare Rolle beim ersten und zweiten Austausch gespielt hat. Die Hamburger Schüler haben Folgen der kriegs- und boykottbedingten Mangelwirtschaft in Kragujevac gespürt, sie haben sich gewundert über die Vitalität vieler Menschen, über ihre Fähigkeit, mit den Kriegsfolgen umzugehen - vgl. den Bericht von Lisa Vormbrock. Sie waren konfrontiert mit den eingeschränkten Lebensverhältnissen in Kragujevac - vgl. den Bericht von Fabian Teichmüller - und waren erstaunt über die Gastfreundschaft, die im vergleichsweise unterkühlten Hamburg ihresgleichen erst suchen muss.
Die materiellen Lebensbedingungen haben sich seit dem Abtreten des Milosevic-Regimes im Oktober 2000 verschlechtert, versprochene Gelder aus der EU und den USA fließen spärlich. Welche politische Zukunft die Region nach der im März 2002 auf drei Jahre terminierten Zwangsehe zwischen Serbien und Montenegro haben wird, steht dahin.
Angesichts der Unübersichtlichkeit der Verhältnisse wollen die Hamburger Schüler die Verbindung zu den serbischen Mitschülern in der mittlerweile "dritten Generation" herstellen und den Kontakt zur Schule vertiefen.
Die Schüler aus Hamburg und Kragujevac wissen, dass sie weder denen in den Arm fallen können, die ethnische Konflikte vorantreiben und möglicherweise neue Kriege wollen, noch können sie die US-amerikanische, die deutsche, die EU-Politik beeinflussen, die aus ganz unterschiedlichen Interessen die Konfliktsituationen in Südosteuropa zu eigenen Zwecken nutzen. Welche Ziele die Schüler verfolgen, zeigt ihr neuester Spendenaufruf, der in diesem Heft abgedruckt ist.
Die Schüler, die in diesem Jahr reisen, wollen ihre Reise noch sorgfältiger dokumentieren und multiplizieren als es ihre Vorgänger leisten konnten. Wie erfolgreich das schon in der Vergangenheit war, zeigt sich konkret daran, dass drei Schülerinnen von der GS Walddörfer, vom Gym. Hochrad und Gym. Othmarschen am Projekt der Ida Ehre GS teilnehmen werden - Beginn einer schulübergreifenden Initiative? Es wäre schön. Immerhin hat auf Anregung der IGS-Gruppe die Emilie-Wüstenfeld-Schule unter etwas anderen Vorzeichen Besuch und Gegenbesuch mit einer anderen Schule in Kragujevac im vergangenen Jahr organisiert und Schüler des Max-Brauer-Gymnasiums sind in diesem Jahr in Serbien gewesen.
Die Schüler wollen natürlich auch Spaß aneinander und miteinander haben, woran sie sich gottlob in keiner Weise hindern lassen. Die vergangenen Austausche haben gezeigt, dass sich Spaß und Anstrengung nicht gegenseitig ausschließen, sondern einander bedingen. Nach wie vor liegt der Schwerpunkt darauf, dass die Hamburger Gruppe die anfallende Arbeit selbst organisiert und durchführt, der Lehrer der Idee nach Begleitperson bleiben soll. Da tun sich beträchtliche Lernfelder auf. Der hier berichtende Lehrer kann nur staunen, was Schüler außerhalb unterrichtsüblicher Lernpfade zu lernen und zu leisten vermögen. Da wäre ein Extra-Aufsatz zu schreiben.
Die Schüler bezahlen ihre Reise nach Kragujevac aus eigener Tasche. Sie sind Gäste in den Familien ihrer Austauschpartner in Kragujevac. Der Gegenbesuch aus Serbien-Montenegro muss wie in den beiden vorangegangenen Jahren vollständig von der Gruppe finanziert werden.
Wir bitten um eine Spende von euch, damit dieses Projekt fortgesetzt und allmählich auf stabile Füße gestellt werden kann.
Spendenkonto:
Lehrer-Treuhandkonto
Ernst Otte, Haspa,
Kontonr. 1236 125397,
BLZ 200 505 50
Für den Deutsch-Unterricht der Schule werden lesbare Klassensätze von Deutsch-Lektüren gebraucht. Wer welche hat, möge sich ganz schnell unter der u.a. Tel.-nummer oder e-mail-Adresse melden.
Ernst-Wilhelm Otte, Tel. 040-279 96 05, begleitender Lehrer, Ida Ehre Gesamtschule.
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