Erfahrungen von der Ostsee,
Freizeit an der Nordsee
Die Norddeutschen Kongresse der GGG stellen eine Besonderheit innerhalb unseres Verbandes dar. In den Jahren zwischen den Bundes-Gesamtschulkongressen bieten sie eine Möglichkeit, mit Leuten aus den Küsten-Bundesländern – Hamburg an der Elbküste – ins Gespräch zu kommen, Erfahrungen auszutauschen und Anregungen mitzunehmen. Dies führt dazu, dass zumindest bei den Aktiven der Kenntnisstand über die Entwicklungen in den Nachbarbundesländern größer ist als in anderen Regionen Deutschlands. Wenn diese Möglichkeit, über den Tellerrand zu schauen, noch kombiniert ist mit einem interessanten Fortbildungsangebot und einem attraktiven Rahmenprogramm, so lohnte sich die Reise, dieses Jahr nach Wilhelmshaven.
Reden
Zur GGG-Kongress-Tradition gehören Grußwörter und Einführungsreden, hiervon wurde auch diesmal nicht abgewichen, es wurde aber nicht langweilig: Die niedersächsische Kultusministerin Renate Jürgens-Pieper (SPD) fand hierbei Worte, die für sozialdemokratische FunktionsträgerInnen nicht mehr selbstverständlich sind. Die PISA-Ergebnisse interpretierte sie als Rückenwind für die Gesamtschulen, nicht von Bayern, sondern von Skandinavien und Kanada seien Anregungen zu holen und die Abiturientenquote sei zu erhöhen und nicht durch vermeintlich Leistungsstandards zu verringern. Wörtlich bemängelte sie, in Deutschland "sortieren wir uns zu Tode" und trotzdem seien immer noch die "falschen SchülerInnen in der falschen Gruppe". Die bundesweit diskutierte Abschaffung der niedersächsischen schulformunabhängigen Orientierungsstufe begründete sie mit der Praxis dieser Schulform, zu frühzeitig und zu umfangreich äußere Fachleistungsdifferenzierung betrieben zu haben.
Die GGG-Bundesvorsitzende Ingrid Wenzler ging in ihrem Beitrag insbesondere auf den bundesweiten Trend hin zu Gesamtschulen ein. In fast allen Bundesländern würden SchülerInnen an Gesamtschulen wegen zu hoher Anmeldezahlen abgewiesen werden müssen.
Die Länderberichte der norddeutschen Bundesländer zeigten die unterschiedlichen Rahmenbedingungen der Gesamtschulentwicklung auf: In Mecklenburg-Vorpommern wurden aufgrund der demographischen Entwicklung bereits drei Gesamtschulen wieder geschlossen, der Anteil an den Anmeldezahlen ist aber konstant. Schleswig-Holstein erhielt dieses Jahr eine neue Gesamtschule, die Abweisungszahl ist aber weiterhin hoch. Beide Bundesländer organisieren ihre Gesamtschulen übrigens fast ausschließlich als Ganztagsschulen! Die Bremer Gesamtschulen betreiben intensiv innere Schulreformen, überdenken aber auch die vollständige Abgabe der Sek.II-SchülerInnen an die dort vorherrschenden Oberstufenzentren. In Niedersachsen wird die Leistungsprofilierung der Gesamtschulen diskutiert, und unser Hamburger Bericht versprühte bei allen Horror-Aspekten doch den Optimismus der sich formierenden bildungspolitischen Gegenbewegung!
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Dr. Ernst Rösner vom IFS Dortmund |
Hauptredner war Ernst Rösner, innerhalb der GGG als Autor des "Rösners", der blauen Gesamtschulvorstellungsbroschüre bekannt (weiterhin in der Bundesgeschäftsstelle in Aurich und beim Hamburger Landesvorstand erhältlich), der sich mit der weiteren Entwicklung der Gesamtschulen in Deutschland auseinandersetzte.
Hierbei wurde deutlich, dass der bundesweite Anteil von 10% an der Schülerschaft der allgemeinbildenden Sek.-I-Schulen auf den bisherigen Wegen nicht unproblematisch ausbaubar sei.
Hierbei wies er insbesondere auf die "ungünstige Zusammensetzung" der Schülerpopulation in Ballungszentren hin sowie auf die bildungspolitische Blockade in einer Mehrheit von Bundesländern. Da die Krise des dreigliedrigen Schulsystems durch die Ergebnisse der PISA-Studie augenfällig sei, das Gymnasium und die Realschule mit jeweils einem Drittel der Population an den Grenzen ihrer Expansion angelangt sind , wäre eine gesamtschulfreundliche Bildungspolitik eigentlich zu erwarten, die aber nicht eintreten wird. Eines seiner zentralen Argumente gegen die Veränderung stelle hierbei die "Veränderungsresistenz" von PädagogInnen dar, aber auch die Finanzfrage oder die Rolle von Mythen in der bildungspolitischen Landschaft seien Hinderungsgründe.

Als Forderungen formulierte Rösner:
Arbeitsgruppen
Kernphase des Kongresse waren die Arbeitsgruppen, die so unterschiedliche Themen wie Schulprofile, Lernwerkstätten, Ganztagsschule, Berufsorientierung und Mitbestimmung abdeckten. Aus allen Arbeitsgruppen hörte man positive Berichte über den Ertrag und die Arbeitsatmosphäre. Ich beschränke mich im Folgenden auf den Bericht aus der am stärksten angewählten Arbeitsgruppe des Kongresses. Diese befasste sich mit den Gesamtschulsystemen in Schweden und Finnland anhand eines Berichts von ReferentInnen aus diesen Ländern.
Im finnischen Bericht wurde deutlich, dass trotz eines Einschulungsalters von sieben Jahren die finnischen SchülerInnen durch die von rund 95% besuchten Vorschulen bereits mit Bildungsinhalten konfrontiert sind, die bei uns zum Programm der ersten und zweiten Grundschulklasse gehören. Die konstanten Gruppen in den ersten sechs Schuljahren führen zu einer stabilen Grundbildung, auf die in den folgenden drei Schuljahren im äußerlich nicht differenzierten Fachunterricht aufgebaut werden könne. In der folgenden Sek.II werden dann in drei bis vier Jahren in einem wirklichen Kurs-System die SchülerInnen zu einem Zentralabitur geführt, das aber Wahlmöglichkeiten beinhaltet.
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In der Lernwerkstatt |
Als Begründungen für das gute Abschneiden in der PISA-Studie führten die Finnen neben der TV-Untertitelung vor allem die besondere Lesetradition der "durch Literaten geschaffenen Nation" an sowie - an erster Stelle -: die Gesamtschule!
Die schwedischen Darstellungen unterschieden sich hiervon nur minimal, man erhielt aber den Eindruck, dass die finnische Organisation des Bildungswesens geregelter ist, in Schweden hingegen die Autonomie der Einzelschule höher. An der Organisation der schwedischen Oberstufe wird deutlich, dass ein integriertes allgemein- und berufsbildendes System (ohne ein doppelqualifizierendes Berufsbildungssystem) in einem Bildungsgang möglich ist, indem je nach Bildungsprogramm mehr praktische oder theoretische Kurse angewählt werden können.
Rahmenprogramm
Obwohl man als häufiger Besucher von GGG-Veranstaltungen vom Lübecker Bundeskongress letztes Jahr schon sehr verwöhnt ist, der Wilhelmshavener Kongress bot Herausragendes: Am ersten Abend wurde auf einem der Helgoland-Ausflugsschiffe ein Buffet serviert, das bei dem Ambiente zu einem langen Austausch einlud. Am Freitagabend präsentierte die mit langjähriger Erfahrung ausgestattete Musical-Gruppe der IGS Wilhelmshaven ein Piraten-Musical, das an professionelle Maßstäbe (oder anders ausgedrückt: Am Hamburger Schauspielhaus gab es seit zwei Jahren keine so geglückte Aufführung mehr!) heranreichte. Verfremdete Musikstücke, Tanz-Choreographien, schauspielerische Ideen eingebunden in eine mit allen augenzwinkernd verarbeiteten Klischees gewürzte Seeräuber-Klamotte, und das im restlos ausverkauften regionalen Kulturzentrum "Pumpwerk", alleine dieser Abend war die Reise wert!
Und wenn man doch noch nach dem Ende des Programms die interessanten Meeressehenswürdigkeiten Wilhelmshavens zur Kenntnis nahm, war das Wochenende eine runde Sache.
André Bigalke
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