Den ganzen Tag Schule ?

Am 10.Juni 2002, nach der Großdemo gegen den Bildungsabbau auf dem Hamburger Rathausmarkt, hatte die GGG in die Rudolf-Roß-Gesamtschule eingeladen, um mit Experten zum Thema "Gesamtschule als Ganztagsschule" zu diskutieren. Unter der fachkundigen Leitung von Jürgen Riekmann (GGG) versuchten Dr. Anne Buhr (Schulleiterin der Rudolf-Roß-Gesamtschule), Klaus Reinsch (Schulleiter der GS Mümmelmannsberg), Ulrich Rother (Referent für Ganztagsschulen in der BBS), Gunter Martens (Vorsitzender des Landesverbandes Ganztagsschulen), Sabine Boeddinghaus (stellv. Vorsitzende des Elternvereins Hamburg) und Peter Spilok aus Schleswig-Holstein (Schulleiter der IGS Neumünster-Brachenfeld) Antworten auf die gestellten Fragen zu finden.

Aus der Zusammenfassung der Diskussion ergeben sich nach meiner Auffassung folgende Thesen:

Anne Buhr, Jürgen Riekmann, Peter Spilok

Anne Buhr, Jürgen Riekmann, Peter Spilok

Gesamtschulen als Ganztagsschulen

  • brauchen eine entsprechende Zahl von Räumen für die pädagogische Arbeit. ( 25% mehr Raumfläche mit entsprechender Ausstattung, sagt Klaus Reinsch.)
  • brauchen für Schülerinnen und Schüler ausreichende Freizeitflächen/-räume für sportliche und spielerische Betätigung, sowie für den Aufenthalt außerhalb des Unterrichts.
  • brauchen eine gute Ausstattung mit Materialien und Geräten.
  • müssen mit qualifiziertem Personal versorgt sein (Lehrerinnen, Sozialpädagoginnen, Psychologinnen, Fachleute aus dem Stadtteil )
  • brauchen für Lehrerinnen und Lehrer einen Arbeitsplatz.
  • brauchen in der Mittagspause (und in allen anderen Pausen) ein schmackhaftes und preiswertes Angebot für die Verpflegung (Kantine).
  • bedürfen einer Rhythmisierung, die nicht nur auf Unterrichtsstunden mit 45 Minuten aufbaut.
  • kosten viel Geld! Sie dürfen nicht als "Sparmodell" eingerichtet werden.

Laut Koalitionsvertrag der Regierung vom Sept 2001 können in Hamburg zur Zeit pro Jahr 3 (drei!!) Schulen auf Antrag in Offene Ganztagsschulen umgewandelt werden. Offen bedeutet hier, es gibt keine Verpflichtung auch nachmittags die Schule zu besuchen. Die Eltern können für ihre Kinder entscheiden, ob sie die Nachmittagsangebote wahrnehmen sollen oder nicht.

Als Ergebnis der Diskussion kristallisierte sich heraus, dass die GGG sich weiter für die Gesamtschule als Ganztagsschule einsetzen sollte, allerdings in der verpflichtenden Form. Im folgenden Beitrag spricht sich Klaus Reinsch, Schulleiter der Gesamtschule Mümmelmannsberg – seit Gründung eine verpflichtende Ganztagsschule – für die obligatorische Form der Ganztagsschule aus.

Inge Noack

 

Gesamtschule als obligatorische Ganztagsschule

Im Gegensatz zu offenen Formen der Ganztagschule, an denen die Schülerinnen und Schüler entscheiden können, ob sie die Nachmittagsangebote der Schule wahrnehmen, ist an der obligatorischen Ganztagsschule die Teilnahme am ganztägigen Schulleben für alle Schülerinnen und Schüler verbindlich.

Aus meiner Sicht sprechen zwei Gründe ganz entscheidend für die obligatorische Form der Ganztagsschule:

  • Bei freiwilliger Teilnahme der Schülerinnen und Schüler an den Nachmittagsangeboten der Schule entziehen sich in der Regel gerade die Schülerinnen und Schüler, die eine besondere sozial- und freizeitpädagogische Betreuung nötig haben.
  • Es lässt sich eine optimale Rhythmisierung und der Wechsel zwischen Arbeits- und Entspannungsphasen realisieren. Ganztagsschulspezifische Inhalte können auch am Vormittag akzentuiert werden.

Am Beispiel der Gesamtschule Mümmelmannsberg soll eine solche Rhythmisierung dargestellt werden.

Der Schulalltag der Klassen beginnt mit einem offenen Einstieg zwischen 7.50 und 8.15 Uhr. Dann folgt der reguläre Fachunterricht, der fast ausschließlich in Doppelstunden erteilt wird.

Die Woche beginnt mit einer Tutorenstunde und der Erstellung eines Wochenplans. Die zu leistenden Aufgaben erledigen die Schülerinnen und Schüler in der Arbeitszeitstunde, die täglich am Vormittag liegt.
Der Vormittagsunterricht endet um 12.30Uhr.
Bis 14 Uhr ist dann Mittagspause.
Am Nachmittag liegen dann noch einmal drei Unterrichtsstunden, wobei jeweils ein Nachmittag für Tutorenaktivitäten und ein Nachmittag für Neigungskurse vorgesehen ist. An den anderen Nachmittagen findet Fachunterricht auch doppelstündig statt.
Ein Nachmittag in der Woche ist für die Durchführung von Konferenzen unterrichtsfrei.
Diese Rhythmisierung wurde nach zweijähriger Erprobungsphase mit großer Mehrheit von der Lehrer- und der Schulkonferenz auf Dauer etabliert.

Rahmenbedingungen

Für eine solche obligatorische Ganztagsschule sind allerdings einige Rahmenbedingungen zwingend notwendig:
® Lehrerinnen und Lehrer werden sowohl im Fachunterricht als auch im ganztagsspezifischen Bereich (Freizeitangebote) eingesetzt.
Bei dieser Form der Ganztagsschule wäre es geradezu kontraproduktiv, Lehrer und Lehrerinnen vormittags den Fachunterricht erteilen zu lassen und die ganztagsschulspezifischen Bereiche anderen Professionen (Erziehern, Sozialpädagogen etc. ) zu überlassen.
® Es muss möglich sein, auch nicht zum schulischen Personal gehörende Fachleute (z.B. Kfz-Meister, Filmemacher etc.) einzusetzen.
® Den Schülerinnen und Schülern müssen auch in der Mittagspause verschiedene Freizeitaktivitäten (z.B. Sport und Musik) angeboten werden.
® Unbedingt notwendig ist ebenfalls eine ganztägige Versorgung mit Speisen und Getränken, wobei die Speisen in der Schule frisch zubereitet werden müssen. Dies erfordert natürlich ebenfalls personelle Ressourcen.
® Die so konzipierte Ganztagsschule macht eine bestimmte Raumausstattung zwingend notwendig:

  • Es muss verschiedene Aufenthaltsbereiche für Schülerinnen und Schüler geben, die unterschiedliche Betätigungen zulassen, z. B. Freizeitaktivitäten und Stillarbeit.
  • Es muss Arbeitsräume für Lehrerinnen und Lehrer geben, so dass Unterrichtsvor- und -nachbereitungen erledigt werden können.
  • Eine Großküche mit entsprechendem Mensabereich muss vorhanden sein.

Aus der Konzeption der obligatorischen Ganztagsschule ergeben sich notwendig ein höherer Personalbedarf und zusätzliche Haushaltsmittel. ¨

Klaus Reinsch, Schulleiter

 
 
 
 
Klaus Reinsch, Schulleiter

zurück ...