Als der Brehmweg noch Löwenstraße hieß...

 

Tobias

Wir sind 23 Kinder in der Klasse 5c der Gesamtschule Stellingen.
Zu Beginn des Schuljahres war das Thema im Politikunterricht das Kennenlernen und Orientieren in unserem Stadtteil. Wir teilten uns in sieben Straßenteams auf (Brehmweg, Wiekstraße, Steenwisch, Müggenkampstraße, Eidelstedter Weg, Sillemstraße und Sartoriusstraße) und mussten Aufgaben in unseren Straßen erledigen. Wie zum Beispiel, "Welches ist das älteste Haus in der Straße?", oder wir sollten ein Interview mit einem Bewohner der Straße führen und auch fragen, was ihm an Eimsbüttel gut gefällt.
Wir zählten auch die Häuser in der Straße.
Julian, Mansor und Ashkan sind das Brehmstraßenteam. Sie trafen Familie Krack. Herr Krack ist im Krieg im Haus Nr. 42a ausgebombt. Seine Eltern haben das Haus nach dem Krieg wieder aufgebaut. Herr Krack schrieb uns seine Kindheitserinnerungen auf und brachte sie in die Schule. Wir luden ihn mit seiner Frau in unsere Klasse ein. Im Stuhlkreis erzählten sie uns von früher, brachten Poesiealben, Schulbücher, Zeugnisse und auch eine alte Kaffeemühle mit. Wir haben alle Kaffee gemahlen. Die Mädchen spielten mit Frau Krack "Die Meyersche Brücke".
Wir haben viel von damals erfahren. Herr Krack brachte uns auch zwei alte Karten von 1915 und 1935 mit. Damals hieß der
Brehmweg noch Löwenstraße. Auf der Karte von 1915 gab es ihn noch gar nicht.
Familie Krack kam später noch einmal in unsere Klasse. Frau Krack schenkte uns Murmeln.

 

Straßenteams der GS Stellingen
Brehmweg
Julian Höhse, Masor Mubarik, Ashkan Shafieian,
Wieckstraße
Thuvaragan Chandraseelan, Sally Lüthgens, Patrick Turban
Steenwisch
Romina Hartleb, Kirk Mütterlein, Denise Rasmussen
Müggenkampstraße
Ivona Grgic, Samir Kahric, Tatjana Kohrt
Eidelstedter Weg
Musawar Ahmad, Nadja Drewes, Sarah Goldammer
Sillemstraße
Sara Ghassemi Bagherabadi, Sven Osthues, Gülay Yilmaz
Sartoriusstraße
Tim Cranz, Tobias Möske, Rico Schumacher, Sandra Thorn

 

Sarah

Die anderen Straßenteams wollten auch Geschichten von früher aus ihren Straßen hören. Wir machten gemeinsam mehrere Rundgänge durch die Umgebung unserer Schule und fotografierten die Straßenteams in ihren Straßen. Wir schrieben einen Aufruf an die Stellinger, den wir 4000 mal druckten, und in alle Briefkästen in unserer Straße warfen.
Es riefen bei Frau Ostwald im Sekretariat unserer Schule und Frau Bordes 25 Zeitzeugen an. Wir bekamen alte Fotos, Zeugnisse und andere Dokumente.
Allen haben wir auch zu Weihnachten geschrieben. Fast alle hatten ihre Schulzeit in Eimsbüttel erlebt. Viele die Bombennächte erlebt oder hatten Kontakt zu Kriegsgefangenen in unserem Stadtteil.
Einige haben wir genauer kennen gelernt. Zuerst besuchten wir mit neun Kindern Frau Seggelke, die im Steenwisch wohnt.

Über unseren Besuch bei Frau Inke Seggelke, geb. 1932

Am 14.November 2002 besuchten wir Frau Seggelke in ihrer Wohnung. Frau Seggelke ist die erste Zeitzeugin, die sich auf unseren Aufruf gemeldet hat, um uns über ihre Kindheitserlebnisse im zweiten Weltkrieg zu erzählen.
Frau Seggelke ist eine nette Frau. Sie wird am 29.Dezember 70 Jahre alt.
Folgende Länder hat Frau Seggelke schon besucht: Spanien, Österreich, Ägypten Nord - Schweden, Dänemark, England und Frankreich. Sie interessiert sich für Menschen, Länder und noch vieles andere mehr.
Am 1.April 1939 wurde Frau Seggelke mit sechs Jahren in die Mädchenschule der Jahnschule, Bogenstr.34, eingeschult.




Im Herbst 1939 fing der Krieg an. Schon 1940 begann der Fliegeralarm in Hamburg. Die Keller wurden im Krieg mit großen Balken abgestützt. Man hatte doppelte Kleidung an. In einem großen Koffer nahm man wichtige Papiere mit in den Keller oder den Luftschutzbunker. Im Keller hatte man auch eine Spitzhacke, Eimer
mit Sand und Wasser und natürlich Proviant.
Der erste Tote in Hamburg war der Vater von Frau Seggelkes Freundin. Er war bei der Flakabwehr und hatte Dienst auf dem Boden. Der Vater wurde durch einen Flaksplitter, der ihn in der Lunge traf, getötet.
Die Kinder mussten im Krieg Erbsen pflücken, Kartoffelkäfer absammeln, Vogelbeeren abzupfen und in einer Fabrik Vitamintabletten für die Soldaten abpacken. Dafür fiel dann die Schule aus.
Das Schlafzimmer von Frau Seggelkes Familie brannte 1940 im Kaiser-Friedrich-Ufer 15 aus. Die Mutter zog mit den Kindern nach Wien um.
1943 reiste die Familie nach Hamburg zurück. Frau Seggelke sollte die Prüfung für das Gymnasium
absolvieren. Nach der Prüfung fuhr die Familie für eine Woche nach Lenste / Lensterhof an die Ostsee, um Sommerferien zu machen.
In dieser Zeit wurde das Haus am Kaiser-Friedrich-Ufer 15 durch eine Bombe zerstört und brannte ab. Die Familie wurde zunächst in die Altmark nach Gardeleben zwangsevakuiert. Frau Seggelkes Vater nahm sich Urlaub, da die Familie in Gardeleben bei einem SS–Mann wohnte und holte sie nach Bayreuth in Sicherheit
.
Mutter, Tochter und Sohn wohnten nun im markgräflichen Jagdschloss. Dort wohnte der Landrat und hatte auch seine Verwaltung im anschließenden Schlossflügel. Über ihm wohnte der Oberregierungsrat und gab der Familie drei Zimmer ab.

Die große Schaukel war das größte Erlebnis in diesem Haus, neben dem breiten Eichengeländer im weiten Treppenhaus.
Auch in Bayreuth fielen Ende April 1945 Bomben auf das Haus, in dem Inke Seggelke wohnte. Sie wurde sogar verschüttet. Sie war stark abgemagert und hatte viele Probleme.
Von Ende November 1945 bis zum Sommer 1951 wohnte Frau Seggelke mit vier Personen in einem Klassenraum der Jahnschule, der heutigen Ida-Ehre-Schule. Ihr Vater war dort zunächst Lehrer dann Schulleiter. Frau Seggelke verließ die Emilie–Wüstenfeld-Schule 1950 mit der Mittleren Reife.
Von 1950 – 1953 wurde sie als Pressekauffrau im Axel-Springer-Verlag ausgebildet Bis 1957 arbeitete sie dort in der Anzeigenwerbung und ging dann in die Werbebranche. 1960 zog sie nach München, arbeitete dort beim Film in Geiselgasteig und anschließend bei Infratest.

Nach einem sehr schweren Autounfall folgte eine einjährige Auszeit und Aufenthalte in Spanien und Schweden.
Ab 1969 arbeitet Frau Seggelke als Simultandolmetscherin und Auslandskorrespondentin für die Firma Kuba–Imperial und begann 1970 bei Polydor Pop International in Hamburg als Artist- und Product Promotion Managerin.
Ab Februar 1973 arbeitete Frau Seggelke beim Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" als Sekretärin, mit Sonderaufgaben im Kulturbereich. Später beim Chef vom Dienst (Redaktion) in der Korrektur. 1992 hörte Frau Seggelke beim Spiegel auf und arbeitete freiberuflich.
In der Galleria, einer großen Passage in der Hamburger Innenstadt, entwickelte sie u.a. das Projekt "Kunst, Kultur und Kulinarisches".
Frau Seggelke schaut auf ein bewegtes Leben zurück. Im zweiten Weltkrieg hatte sie eine schwere Kindheit. Diese Erlebnisse haben sie geprägt und lassen sie nicht mehr los. Sie muss auch weinen, wenn sie davon erzählt. Immer wieder muss sie an die Bombennächte denken.
Wir werden Frau Seggelke immer besuchen, sie kann so toll erzählen.
Denise, Nadja, Sarah, Samir, Tatjana, Tobias, Sven, Sandra und Romina.

Hamburg–Stellingen, November 2002

Julian

Wir luden in unsere Klasse auch Tönnies Hellmann ein. Er ist 1912 geboren und hat als Kommunist den Widerstand gegen Hitler in Stellingen mit organisiert.
Es war ganz traurig als Tönnies Hellmann bei uns war. Er ist ganz schlimm im Zuchthaus Fuhlsbüttel gefoltert worden. Sie haben ihn ausgepeitscht bis auf die Knochen, die Peitsche hängt da noch. Am schlimmsten war, als man ihm alle Fingernägel mit der Zange gezogen hat.
Tönnies Hellmann hat ein Buch geschrieben, Das heißt "Ich war bestimmt kein Held". In dem erzählt er wie es damals in Eimsbüttel aussah und wie die Menschen Angst vor den Nazis hatten.
Tönnies Hellmann ist ein Pazifist. Er kämpft für den Frieden. Er hat uns auch den Film gezeigt, der über ihn gedreht wurde. Zwei Mädchen aus dem Kurs Politik / Medien haben seine Besuche in unserer Klasse gefilmt und haben ihn auch besucht. Tönnies Hellmann hat uns seine Medaillen gezeigt, die er vom Hamburger Senat bekommen hat. Er wohnt in der Methfesselstraße 12, dem Haus, in dem er auch geboren ist.
Über alle Besuche in unserer Klasse haben wir Berichte geschrieben.
Wir waren auch in der Galerie Morgenland und haben dort alte Fotos aus unseren Straßen gesehen und Frau Salomon hat uns die Arbeit dort erklärt.
Wenn wir bei allen Zeitzeugen waren, wollen wir ein Buch daraus machen.
Herr Walther, der in der Kieler Straße zur Schule ging hat uns sogar sein Schulzeugnis von 1932 mitgebracht.
Wir haben uns auch mit der alten Schrift, der Deutschen Schrift, beschäftigt.

Tobias

Ein Besuch in Finkenwerder bei Herrn Rolf Kummerfeld
Herr Kummerfeld wohnt im Finkenwerder Landscheideweg 91. Im Zweiten Weltkrieg wohnte er aber in Eimsbüttel in der Tiedemannstraße. Sarah, Julian Frau Bordes und ich sind am 11.April 2003 zu Herrn Kummerfeld gefahren. Er hat uns von früher erzählt, als seine Mutter zu einer Beerdigung ging und er alleine zu Hause bleiben musste.
1943 – Es war Bombenalarm. Die Nachbarn weckten ihn. Er war erst 8 Jahre alt. Dann ging er in der Nacht zum Bunker in der Sartoriusstraße. Gegenüber dem Bunker war ein Autoreparaturbetrieb, der hieß Knopf. Der Laden ist in die Luft gegangen, als sie gerade im Bunker in Sicherheit waren.
In den Bunker durften die alten Leute auch ihre Haustiere mitnehmen. Wenn Entwarnung war, konnte man den Bunker wieder verlassen. Auf dem Nachhauseweg sahen sie die zerstörten Häuser. Eines Tages war aber auch ihr Haus in der Tiedemannstraße zerstört und sie hatten kein Zuhause mehr. Herr Kummerfeld hatte nur noch sein kleines Schuko Auto, das war alles
was er besaß. Er ging zu Fuß mit seiner Mutter nach Neuenfelde an die Elbe, wo sein Onkel wohnte.
Zwei Jahre nur hat Herr Kummerfeld die Schule in der Lutterothstraße besucht.
Er machte in Neuenfelde seinen Realschulabschluss und lernte Maler.
Er war sogar mit dem Motorrad in der Schweiz und in Afrika. In Finkenwerder hat er später einen eigenen Betrieb eröffnet.
Durch uns hat Herr Kummerfeld seine Tante in der Sillemstraße wieder gefunden und mit ihr viele Bilder aus seiner Kindheit und von seinen Großeltern, die er nicht kannte.
Er hat auch mit Silke Salomon von der Geschichtswerkstatt "Galerie Morgenland" gesprochen und ihr ein Interview gegeben.
Herr Kummerfeld hat gesehen, wie der große Kohlenhaufen an der Ecke Steenwisch brannte. Er ist an den Trümmern im Brehmweg vorbei gegangen.

Anmerkung von Cläre Bordes, der Klassenlehrerin der 5c:
Da die Eltern von Rolf Kummerfeld getrennt lebten, wurde die Familie seines Vaters totgeschwiegen. Jetzt, nachdem er über die 5c der GS Stellingen seine Tante kennen gelernt hat, telefoniert er häufig mit ihr, besucht die alte Dame und kümmertsich um sie.

Sven

Besuch bei Frau Arlinck am 27. Dez. 2002
Mit acht Kindern unserer Klasse besuchten wir am 27.12.2002 Frau Arlinck, die in der Sillemstraße 57 wohnt.
Frau Eva Arlinck wurde 1931 in Lyck in Ostpreußen geboren. Ostpreußen zählte bis 1945 zum Großdeutschen Reich.

Heute liegt Lyck in Polen und heißt Elk. Der Ort hatte damals ca. 10.000 Einwohner. Der prominenteste ist der Schriftsteller Siegfried Lenz, der heute in Hamburg lebt.
Frau Arlinck berichtete uns über Ihre Kindheit in Ostpreußen und über die Flucht im Januar 1945 nach Westen.
1939, als der Krieg begann, war es in Ostpreußen noch sehr ruhig. Mütter mit Kindern kamen aus dem zerbombten Hamburg, um sich in Ostpreußen zu erholen.
Frau Arlinck war 14 Jahre alt, als sie ihre Heimat für immer verlassen musste. Sie ging 4 Jahre auf die Volksschule (Grundschule). Ihre Lieblingsfächer waren Biologie und Schwimmen. Dann kam sie zur Oberschule, zum Goethe Gymnasium. Es war das Jahr 1944.
Besonders gerne erinnert sich Frau Arlinck noch daran, dass Sie den verwundeten Soldaten Brote schmieren und ihnen Milch geben konnte. Auch die Fliegerangriffe, die in echt nie stattgefunden hatten, waren sehr aufregend. Dann aber musste ihre Familie fliehen. Zuerst nach Königsberg, es gehört heute zu Russland, welches aber in zwei Nächten völlig zerstört wurde, und dann weiter nach Danzig. Von dort ging es immer weiter über das zugefrorene "Friesische Haff", eine Meeresbucht. Frau Arlinck hatte nur eine Kaninchenfelljacke, zwei lange Hosen, Unterwäsche und ein paar feste Schuhe bei sich. Nur einen Rucksack konnte sie tragen.
Die Stadt Danzig wurde zu diesem Zeitpunkt von den Russen komplett eingekesselt.
Der Vater war an der Front und die Mutter wurde krank. Da die Russen Angst vor Infektionen hatten und sich nicht anstecken lassen wollten, ließen sie die Frauen in
Ruhe und gaben dem Kind Brot und Butter für die Familie, denn sie hatten alle sehr großen Hunger.
Es ergab sich dann die Möglichkeit auf total überfüllten Zügen mit Kartoffeln und Kohlen nach Berlin zu flüchten. Es gab keine Fahrkarten, man fuhr einfach mit. Das Glück wollte es so und die Eltern von Frau Arlinck fanden sich wieder. Sie alle zogen aufs Land. Da es keine Schulen gab, arbeitete sie als Hilfskraft auf dem Bauernhof. Als sie 18 Jahre alt war, ging sie nach Hannover und bewarb sich als Schwesternschülerin beim Roten Kreuz, was ohne eine abgeschlossene Schulausbildung damals möglich war.
1958 kam sie nach Hamburg, arbeitete bis 1965 beim Universitätskrankenhaus in Eppendorf und anschließend 22 Jahre in der Frauenklinik.
Jetzt, da sie nicht mehr arbeiten muss, macht es ihr viel Freude, wenn sie sich mit Freunden und Bekannten trifft und über die Vergangenheit erzählen kann.

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Die Klassenlehrerin, Cläre Bordes, hat dafür gesorgt, dass die Kinder der 5c auch in der Öffentlichkeit große Anerkennung erhalten.
Am 21.Mai 2003 bekamen sie im 1. Wettbewerb der Bezirksversammlung Eimsbüttel "Schule und Nachbarschaft" den 2.Preis!
Vom 25. bis 28 Juni 2003 nimmt die Klasse 5c der GS Stellingen an der 13. Lernstatt Demokratie im Schulmuseum Leipzig teil. Ihr Beitrag "Als der Brehmweg noch Löwenstraße hieß" wurde von der Jury Demokratisch Handeln zur Förderung ausgewählt. I.N.

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