An einigen Hamburger Gesamtschulen gibt es seit mehreren Jahren im Pflichtbereich integrierten
naturwissenschaftlichen Unterricht, meistens auf die Klassenstufen 5 und 6 beschränkt. Dem wird dadurch im Entwurf für die zukünftigen Rahmenpläne Rechnung getragen, dass es einen Rahmenplan Naturwissenschaften für die Jahrgangsstufen 5 und 6 geben soll, während für die Jahrgangsstufen 7-10 die Rahmenplan-Entwürfe jeweils für die einzelnen Fächer erstellt wurden.
Wenn man nun die als verbindlich geplanten Inhalte des integrierten naturwissenschaftlichen Unterrichts ansieht, kommt man ins Stutzen - einen wirklich integrierten naturwissenschaftlichen Unterricht scheinen die Verfasserinnen und Verfasser nicht zu beabsichtigen. So ist "Luft und Luftdruck" rein physikalisch angelegt, ebenso wie "Phänomene in der Elektrik und in der Wärmelehre", während "Der Mensch - ein besonderes Lebewesen!?" und "Lebewesen sind spezialisiert" eher rein biologisch daher kommen.
Warum schließlich "Daten und Informationen" nun als eigenständiges Pflichtgebiet gerade im naturwissenschaftlichen Unterricht auftaucht, erscheint schleierhaft, dies umso mehr, wenn man sich die Einzelheiten genauer ansieht: So soll es um das Erstellen, Bearbeiten und Vernetzen von Textdokumenten gehen, um das Scannen und Bearbeiten von Bildern ebenso wie um das Zeichnen und Bearbeiten von Vektorgrafiken sowie um Dokumentenverwaltung. Dieser gesamte Bereich gehört eher in einen fachunabhängigen Einführungskurs zum Umgang mit dem Computer. Daran anschließend ist es sicher sinnvoll, den Computer als Werkzeug auch im naturwissenschaftlichen Unterricht einzusetzen.
Chemische Aspekte fehlen in diesem Entwurf völlig, etwa die Auseinandersetzung mit Haushaltschemikalien oder mit Feuer.
Vollends unverständlich bleibt, warum gerade ein Bereich wie "Wasser", der sich für integrierten naturwissenschaftlichen Unterricht geradezu aufdrängt, lediglich zum Wahlthema erklärt wird. Im Rahmenplan für Gymnasien ist es merkwürdigerweise genau umgekehrt: "Wasser" ist dort Pflicht, "Luft" steht zur Wahl frei.
Mag das alles vielleicht daran liegen, dass in dem Redaktionsteam offenbar niemand war, der über reichhaltige eigene Unterrichtserfahrung in diesem Bereich verfügt?
Wünschenswert wäre es darüber hinaus gerade bei diesem Fach, dass neben den Rahmenplänen auch Handreichungen vorlägen. Dies wäre ein wichtiges Instrument, um Kolleginnen und Kollegen, die noch keine oder wenig Erfahrung mit integriertem naturwissenschaftlichem Unterricht haben, bei der Einarbeitung zu unterstützen. Gleiches gilt für die Forderung: "Um einer traditionellen Sozialisation der Geschlechter entgegenzuwirken, wird insbesondere bei Experimenten durch Schülerinnen und Schüler sowie bei der Vergabe von Arbeitsaufträgen auf eine angemessene Berücksichtigung der unterschiedlichen Zugangsweisen von Mädchen und Jungen geachtet" (S. 10).
Aber es gibt auch Positives zu diesem Rahmenplan-Entwurf zu sagen. So ist die Darstellung der Inhalte in Kontexten als Fortschritt anzusehen. Bei der Konkretisierung hapert es dann allerdings doch häufiger wieder. Eine "Computersimulation Bakterien", wie auf S. 13 vorgeschlagen, erscheint mir nicht altersgemäß, und das Bauen von Blütenmodellen oder "Von der Blüte zur Frucht" sollte nicht als projektorientiertes Arbeiten bezeichnet werden (S. 14).
Diejenigen, die Wert auf wirklich integrierten naturwissenschaftlichen Unterricht legen, sollten die beiden letzten Absätze auf S. 10 besonders beachten: "Die Inhalte des Unterrichts können im Rahmen der flexibilisierten Stundentafel den Fächern Biologie und Physik zugeordnet oder in einem integrierten naturwissenschaftlich-technischen Unterricht angeboten werden. Ergänzungen und eine Anpassung an die besondere Situation der Schule bzw. Klasse oder auch an aktuelle Ereignisse sind nicht nur möglich, sondern auch wünschenswert." Allerdings stellt sich dann die Frage, warum dieser Rahmenplan überhaupt so, d. h. für einen nicht-integrierten Unterricht geschrieben wurde. Wenn man Rahmenpläne für wichtig und sinnvoll hält, sollte es eben auch einen für den integrierten naturwisschenschaftlichen Unterricht geben.
Zum Schluss will ich noch kurz den Blick auf andere Bundesländer richten. In mehreren Bundesländern, beispielweise in Bremen, Hessen, Nordrhein-Westphalen oder Baden-Württemberg, gibt es bereits integrierten naturwissenschaftlichen Unterricht für die Klassenstufen 5-10. Vorreiter war hier Schleswig-Holstein mit seinem auch international gerühmten PING-Projekt (Praxis integrierter naturwissenschaftlicher Grundbildung). Interessanterweise stehen in den Plänen der anderen Bundesländer gar nicht unbedingt die fachwissenschaftlichen Inhalte im Vordergrund der Ausführungen, sondern häufig eher die naturwissenschaftlichen Konzepte und Arbeitsweisen. So geht es dann ebenso um die Wege naturwissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung wie um die Auseinandersetzung mit dem Stoffkonzept oder dem Energiebegriff. Ein grundsätzliches Problem mit dem naturwissenschftlichen Unterricht, nämlich mangelndes kumulatives, d. h. aufbauendes Lernen, wird in dem Entwurf aus Niedersachsen angegangen. Dort soll sich der integrierte naturwissenschaftliche Unterricht neben der Behandlung mit ausgewiesenen Themenbereichen an Fachkonzepten orientieren, die sich als rote Fäden von Klassenstufe 5 bis 10 verfolgen lassen.
Fazit: Mit diesem Rahmenplan-Entwurf hat sich Hamburg wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert!
Andreas Baumgarten ¨