Theodor-Heuss-Stiftung
eine weitere Verbündete


Theodor Heuss
Bild aus Meyers Taschenlexikon, 1992

Die überparteiliche Theodor-Heuss-Stiftung, die 1964 von Hildegard Hamm-Brücher gegründet worden ist, hat ihren 38. Theodor-Heuss-Preis an Andreas Schleicher, den Koordinator der PISA-Studie bei der OECD, verliehen. Gleichzeitig sind sechs Schulen mit Theodor-Heuss-Medaillen ausgezeichnet worden. Preise und Medaillen sind am 12. April 2003 in Stuttgart im Rahmen einer größeren Veranstaltung, auf der die Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn den Festvortrag gehalten hat, übergeben worden.
Die Theodor-Heuss-Stiftung hatte sich für das Jahr 2003 das Jahresthema "Bildung und Erziehung: Bewährungsprobe für die Demokratie" gewählt und Andreas Schleicher den Preis zuerkannt, "weil es ihm mit seiner Arbeit gelungen ist, eine längst fällige, breite und anhaltende öffentliche Debatte über Bildung anzustoßen.... Sie ist mit dem diesjährigen Preisträger einer Meinung, dass die jahrzehntelangen Verkrustungen und Defizite im deutschen Bildungssystem nur durch langfristige Strategien korrigiert werden können und dass tief greifende Reformen notwendig sind, um die insbesondere für Deutschland durch PISA angemahnte ausgewogene Verteilung von Bildungschancen zu erreichen...."
Gewissermaßen als Pendant zu der hohen Ebene der Bildungspolitik haben die sechs Schulen ihre Medaillen erhalten, da sie mit innovativen Ansätzen den Schwachstellen des deutschen Bildungssystems entgegentreten und sich verantwortungsvoll und selbstbewusst den Herausforderungen an eine gute Schule stellen. "Ihre langjährige erfolgreiche Arbeit ist gekennzeichnet durch Eigeninitiative, den Mut, neue Wege zu gehen und die Freiheit, die durchaus vorhandenen Spielräume zu erkennen und zum Wohl ihrer Schüler in Anspruch zu nehmen". Zu den sechs Schulen die stellvertretend für viele andere ausgewählt worden sind, gehören die Französische Schule in Tübingen, eine Grundschule, das Friedrich-Schiller-Gymnasium in Pirna, die Martin-Luther-Schule, eine Hauptschule in Herten, die Heinrich-von-Stephan-Oberschule in Berlin, eine integrierte Haupt und Realschule, die Jenaplan-Schule in Jena, eine Gesamtschule und die Max-Brauer-Schule in Hamburg.
Die Max-Brauer-Schule hat die Medaille insbesondere, aber nicht nur für die Profiloberstufe erhalten. Wir gratulieren der Max-Brauer-Schule besonders herzlich und freuen uns, dass eine Hamburger Gesamtschule zu den in Stuttgart ausgezeichneten Schulen gehört.
Die Theodor-Heuss-Stiftung wollte mit ihrem Jahresthema und der Preis- und Medaillenverleihung die bildungspolitische Diskussion unterstützen, wie sie es schon 1965 getan hat, als sie Georg Picht den Preis zuerkannt hatte. Das ist ihr im Rahmen ihrer Möglichkeiten, nimmt man nur die Reden der beiden Hauptpersonen – Schleicher und Bulmahn – auch gelungen. Der Vertreter der Baden-Württembergischen Landesregierung, Sozialminister Dr. Repnik, konnte der PISA-Studie nur ein "Weiter-So" entnehmen: " PISA ermutigt und bestätigt uns, den eingeschlagenen Weg konsequent weiter zu verfolgen..." Dem konnte Edelgard Bulmahn ganz und gar nicht zustimmen. Sie forderte eine Schulkultur, "in der die individuelle Förderung im Mittelpunkt jeglicher schulischer Anstrengung steht." "Größtmögliche individuelle Förderung anstelle von verstärkter Selektion ist auch ein Paradigmenwechsel, den wir in unserem Bildungssystem konsequent durchführen müssen".
Zur Umsetzung forderte sie – im Gegensatz zu den Bundesländern – bundesweite Bildungsstandards, die für alle Jahrgänge und Schulformen gelten. "Schulformübergreifende Kompetenzstandards tragen der fortgeschrittenen Entkoppelung von Bildungsgängen und Abschlüssen sowie den zum Teil erheblichen Leistungsüberlappungen zwischen den Bildungsgängen Rechnung und können somit zu einem wirkungsvollen Instrument der Bildungsgerechtigkeit werden." Ergänzend forderte sie dazu, die frühe Aufteilung der Kinder zu hinterfragen und andere Formen zu erproben. "Die gemeinsame Schulzeit ... kann mit großem Leistungserfolg und im Interesse von mehr Bildungsgerechtigkeit auf sechs oder acht Jahre ausgeweitet werden, wie alle internationalen Vergleiche zeigen." An dieser Stelle regte sich etwas Unruhe im Saal der überwiegend aus Baden-Württemberg stammenden Zuhörer.
In die gleiche Richtung argumentierte auch Andreas Schleicher. PISA bietet für ihn eine neue Chance für Veränderungen, "diesmal auf einer empirisch abgesicherten Grundlage". Mit dieser Grundlage hofft er den "ideologischen Grabenkämpfen" zu entgehen, in denen die durch Georg Picht angestoßene Bildungsdiskussion untergegangen ist. Bei allem Optimismus bleibt ihm ein Rest Skepsis. "Bildungssysteme sind träge Tanker.... Ihre Richtung ändern wir nicht, indem der Kapitän – oder muss man sagen, die 16 Kapitäne – pausenlos mit kurzfristig angelegten bildungspolitischen Maßnahmen an Deck von der einen auf die andere Seite des Tankers laufen ." Seine Forderungen sind klar. Im Mittelpunkt stehen für ihn langfristige strategische Bildungsziele (er spricht nicht von Bildungsstandards !), die aus einem gesellschaftlichen Diskurs über die für die Zukunft entscheidenden Kompetenzen, deren Definition, Operationalisierung und systematische Bewertung hervor gehen sollen. Es ist ein Schulklima von Lernfreude und Anstrengungsbereitschaft zu schaffen und die Bildungspraxis an den Lernergebnissen zu orientieren. Die Schulen müssen die notwendigen Freiräume erhalten, aber auch für ihre Lernergebnisse verantwortlich gemacht werden. Er spricht von einer "Produkthaftung" der Schule oder des Bildungssystems für seine Leistungen insgesamt.
Auf dem Bundeskongress der GGG am 01. Mai 2003 hat er seine Thesen weiter entfaltet. Für ihn sprechen die Ergebnisse der PISA-Studie – im Unterschied zu manchen anderen, die mit PISA befasst sind – eine klare Sprache: "Jede institutionelle Barriere, die wir aufbauen, behindert Lernen und verstärkt Chancenungleichheit. Und derartige Barrieren durchziehen die gesamte Bildungslandschaft in Deutschland und viele Bildungsbiografien."

Wir können die Theodor-Heuss-Stiftung und Andreas Schleicher zu unseren Verbündeten zählen in der Auseinandersetzung, aus einer Minderheitenmeinung schrittweise eine Mehrheitsmeinung werden zu lassen.

Jürgen Riekmann. ¨

Kontakte
Theodor-Heuss-Stiftung zur Förderung der politischen Bildung und Kultur in Deutschland und Europa e.V.
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Im Himmelsberg 16
70192 Stuttgart
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