"Es fehlen noch zwei Leute für den Infostand... Wer verteilt die Flugblätter auf dem Langenhorner Markt? Ich habe Kontakt zu Grundschuleltern...

Stimmengewirr in der Küche des Ehepaars B. in Langenhorn, die Mitglieder der 'Elterninitiative für Gesamtschule' bereiten ihre nächsten Aktionen vor. Ein steiniger Weg steht ihnen bevor im Jahre 1978: Eltern müssen informiert und vom Konzept der Gesamtschule überzeugt werden, eine Schule im Stadtteil muss gefunden werden, die für eine Umwandlung in Frage kommt. Eines wissen sie jedoch: Mit dem neuen Schulgesetz, das 1979 auch tatsächlich verabschiedet wird, haben Eltern das Recht auf die Schulform ihrer Wahl. Noch gibt es nur 6 Gesamtschulen in Hamburg, als Versuchsschulen über das Stadtgebiet verstreut -keine im Norden Hamburgs. Überall entstehen Elterninitiativen, aber Gesamtschulen sind noch weit-gehend unbekannt, werden von konservativer Seite abgelehnt und diskreditiert. Warum also dieser mühselige Kampf um neue Gesamtschulstandorte?
Kritik hatte sich vor allem am gegliederten Schulsystem bundesdeutscher Prägung entzündet. Nach wie vor wurden Kinder nach der 4. Klasse sortiert, angeblich nach Leistung und Fähigkeiten, in Wirklichkeit jedoch auch in starkem Maße nach sozialer Herkunft. Leistungsdruck und Auslese (Sitzenbleiben) bestimmten das Lernklima; Inhalte und Methoden hatten sich letztlich nie grundlegend verändert; der Blick auf berufliche Wirklichkeit blieb - vor allem im Gymnasium - weitgehend ausgeklammert.
Eine neue Schule wurde gedacht und ja auch schon fast 10 Jahre erprobt: Eine Schule für alle, eine Schule ohne Sitzenbleiben, eine Schule, die fördern will und nicht ausgrenzen, eine Schule, die neue Inhalte und Methoden erprobt - eben die Gesamtschule.
1979 war es dann soweit, die ersten 120 Kinder konnten in 4 Gesamtschulklassen der Fritz-Schumacher-Schule aufgenommen werden, was zu erheblichen Veränderungen führte:
· • Die Schülerstruktur veränderte sich in Hinblick auf Leistungsfähigkeit, soziale Herkunft und Bildungserwartung; die Schüler kamen nunmehr nicht nur aus dem unmittelbaren Umfeld, sondern von über 20 Grundschulen aus dem Norden Hamburgs.
· • Die Lehrerschaft veränderte sich ebenfalls. Innerhalb kurzer Zeit verdoppelte sich die Personenzahl, anders ausgebildete Lehrer (Gymnasial- und Berufsschullehrer) kamen hinzu und beeinflussten die pädagogischen Leitvorstellungen.
· • Pädagogik und Unterricht im engeren Sinne veränderten sich entsprechend. Dem integrativen Bildungsauftrag folgend, musste und sollte nicht nur ein neues Konzept von Unterricht, sondern auch von Schule als Ort sozialen Lernens entwickelt werden.
Die ersten 10 Jahre lassen sich als Aufbauphase kennzeichnen. Dabei stellte der komplette Umbau des Gebäudes im inneren (Verdoppelung aller Fachräume, Arbeitslehre u.a.) eine erheblich Herausforderung dar, sollte doch der Unterrichtsbetrieb aufrecht erhalten bleiben. Endlich, auch mit der Fertigstellung der neuen Doppelturnhalle, war 1987 der Umbau abgeschlossen. Parallel dazu wurden neue pädagogische Konzepte durch Eltern und Lehrer erarbeitet: Einmalig in Hamburg wurde das sog. 20er-Modell entwickelt: Im Mittelpunkt stand die Überlegung, den Klassenverband zu stärken und gleichzeitig kleinere Lerngruppen zu bilden; dies konnte (weitgehend) bis heute aufrecht erhalten werden, obwohl massive Kürzungen dies Modell mehrfach in Frage stellten. 
Der Aufbau der Oberstufe ab 1985 bereitete Kopfzerbrechen, war doch die Zahl der Schüler, die das Abitur machen wollten, relativ klein; so entstand unser noch heute praktiziertes Modell der Kooperation mit dem Gymnasium Langehorn; (letztlich eine Zwangsehe, da der Neubau eines eigenen Oberstufengebäudes aus Kostengründen scheiterte.)
Heftige Kontroversen löste 1988/89 die Frage aus, ob behinderte Kinder in Integrationsklassen bei uns beschult werden könnten; grundsätzlich waren (fast) alle dafür, doch wurde u.a. bezweifelt, ob die zusätzliche Versorgung durch Sonder- und Sozialpädagogen ausreichend sei; dennoch wurde der Versuch 1989 gestartet und ist heute selbstverständlicher Bestandteil im Schulleben.
Die 90er Jahre lassen sich als Konsolidierungsphase beschreiben. Die bestehenden Konzepte wurden überprüft (Projektzeit, 20er-Modell, Integration, Berufs-Orientierung), z.T. verändert, in den Grundstrukturen jedoch beibehalten. Zunehmend bemerkbar machte und macht sich die desolate Haushaltslage. Kürzungen in den Mittel- und Stundenzuweisungen, Streichung von Ausstattungsstandards (Schulpsychologen, Didaktischer Leiter, Halbierung der Stellen für Sozialpädagogen und Handwerksmeister), Erhöhung der Arbeitszeit für Lehrkräfte treffen z.T. alle Schulen, die Gesamtschulen aber überproportional. Mit dem Regierungswechsel zeichnet sich eine drastische Veränderung der Bildungslandschaft ab.
Für die Zukunft bleibt zu fragen, ob die Qualität und Vielfalt der Schule, die sich ja auch in unserer Festschrift widerspiegelt, aufrecht erhalten bleiben kann. Der Wille ist da, denn wir alle wissen, dass eine erfolgreiche Schulzeit eine wichtige Voraussetzung ist, um künftige Herausforderungen bestehen zu können.

Fotos aus der Fritz-Schumacher-Schule heute.
Gerd Meyer
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