Kirchdorf
Während in den Achtzigern vor allem durch politische Entscheidungen der Bundesrepublik (Kindergeldregelung, Nachzugsalter) und stadtgeographische Entwicklungen in Hamburg der Anteil türkischer Schüler in Wilhelmsburg stieg, ergab sich Ende der Achtziger und dann in den Neunzigern durch die weltpolitischen Krisenherde (Afghanistan, Iran, Jugoslawien) ein erheblicher Einwanderungsdruck auf die Hamburger Schulen.
Gab es vorher nur an Haupt- und Realschulen besondere Klassen, die Schüler auf das deutsche Regelschulwesen vorbereiteten, so mussten jetzt auch solche Klassen an Gesamtschulen und an Gymnasien eingerichtet werden. Einerseits gab es also den Druck von Seiten der Behörde, dass solche Klassen eingerichtet werden sollten, andererseits war die Stimmung unter den Lehrern durchaus gespalten, ob man denn eine solche Schülerschaft wolle.
In dieser Situation machte unser damaliger Schulleiter Wolfgang Janik den Vorschlag, eine Vorbereitungsklasse für Schüler einzurichten, die in ihrem Heimatland schon ein sehr hohes Bildungsniveau erworben haben, aber nicht die Bedingungen für das Studienkolleg erfüllen. Mit diesen Schülern könne man auch unsere etwas "schmale" Oberstufe stützen. Sie sollten nach der Vorbereitungsklasse (VK) die Möglichkeit erhalten, direkt in die 11. Klasse der Oberstufe überzugehen.
Die Skepsis bei den Kollegen war groß: Räume, Organisation, Außenwirkung usw. Als der Schulleiter dann auf der entscheidenden Konferenz von "handverlesenen Schülern sprach, die in die neue Klasse kommen sollten, hatten die Aks und VKs (Auffangklassen und Vorbereitungsklassen) ihr Markenzeichen weg – "handverlesen" tauchte als running gag immer wieder auf.

Internationale Märchen werden in
deutscher Sprache vorgetragen
Die Einrichtung der VKs wurde beschlossen. Ein neuer Kollege wurde als Klassenlehrer eingestellt. Die räumlichen Bedingungen waren schwierig, der Unterricht fand weit ab in einem baufälligen Pavillon der Grundschule statt, bis dieser baupolizeilich gesperrt wurde. Weitere Räume gab es dann später in der G 17 oder im Bürgerhaus.
Die Stimmung war gut, gab es doch viele Möglichkeiten zum Ausprobieren und das Ganze spielte sich in einem rechtlich offenen Rahmen ab, der sich erst im Laufe der erfolgreichen pädagogischen Arbeit festigte. Am Anfang gab es nur einmal im Jahr einen Einschulungstermin, aber die Nachfrage stieg schnell: Nachdem die ersten VK-Schüler 1995 Abitur gemacht hatten, wurden zwei Einschulungstermine eingerichtet, jeweils zum 1. August und zum 1. Februar eines Jahres. Da es aber nur zwei Klassenlehrer gab und die Kurse jeweils 1 ½ bzw. 2 Jahre dauern, musste eine neue Lehrkraft eingestellt werden. Seit einem Jahr ist ein weiterer Klassenlehrer mit dabei, der schon zuvor als Fachlehrer mitgearbeitet hatte.

Die Herkunft der Schüler in den VK-Klassen wandelt sich ständig. Sie ist lange Zeit ein Spiegelbild der weltpolitischen Krisenherde gewesen, so kamen zuerst sehr viele iranische und afghanische Schüler und Schülerinnen, dann Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Mit dem Zerfall der Sowjetunion kamen viele russischsprachige Schüler.
Nicht nur die Herkunftsländer verwiesen auf die zugrunde liegenden Konflikte, auch die Bevölkerungsgruppen, die – so z. B. im Falle Afghanistans – sich jeweils nach den gerade herrschenden Machtverhältnissen richteten: bürgerliche Opposition gegen die Kommunisten, Kommunisten gegen die Taliban, Flüchtlinge vor den Talibans. Ich hatte eine Klasse mit Flüchtlingen aus Afghanistan, bei der ich mich wunderte, weshalb ein Schüler bei Gruppenarbeiten immer von den anderen Afghanen ausgegrenzt wurde. Auf Nachfrage ergab sich dann, dass die Schüler sich schon aus Kabul kannten und im Hinterkopf ihre Erlebnisse und die Familiengeschichte aus dem Bürgerkrieg mit sich trugen.
Eine solche Ausgrenzung war aber die Ausnahme: Während des Zerfalls des ehemaligen Jugoslawien hatten wir alle Bürgerkriegsparteien in einer Klasse, ohne dass es zu erkennbaren Spannungen kam – so lange man nicht den Konflikt direkt ansprach.
In den letzten Jahren hat sich die Schülerschaft wieder gewandelt: sie ist internationaler geworden, die Gründe für die Migration sind vielfältiger. Es kommen Schüler aus der ehemaligen Sowjetunion, Polen, Südamerika, Afrika und Asien. Eine stark zunehmende Gruppe sind Schüler aus China.
Das Ziel einer Stützung der Oberstufe haben wir in den vergangenen Jahren gut erreicht: von 1/3 bis zur Hälfte, z. B. sogar zeitweise über 50 % der Oberstufenschüler kommen aus dem VK-Bereich und sichern so unserer Schule zumeist eine zweistufige Oberstufe.
Klaus Willi Vetter