Stellingen nichts ist unverbraucht
Nichts ist nach 25 Jahren unverbraucht, frisch, frei, ungeformt. 25 Jahre haben Gestalt gegeben und Spuren hinterlassen. 25 Jahre reichen (noch) nicht für eine nostalgische Verklärung, aber für einen anständigen Blick zurück, um zu verstehen, wie das endgültig erwachsene "Kind" mit Namen Gesamtschule Stellingen wurde wie es ist.
1979 Noch gibt es nur wenige Gesamtschulen in Hamburg. Versuchsschule mit großem Zulauf. Mit einer Zeitverzögerung folgen die Schulen dem politischen und gesellschaftlichen Reformeifer der späten 1960er und frühen 1970er Jahre. Überall in Hamburg erzwingt das Elternrecht, der Wille engagierter Eltern die Gründung neuer Gesamtschulen
Die GSt ist dabei. Sie entsteht aus der Haupt -und Realschule Lutterothstraße 78/80, deren Kollegium nach längerer Planung ab 1975 integrierte HRKlassen unterrichtet, eine gewollte Vorbereitung auf die Gesamtschule. Eingerichtet aber wird die GSt im Schulzentrum am Brehmweg. Sichtbares Zeichen der Geburts-geschichte ist das Logo der Schule, die Kogge, auf dem Dach der Mutterschule ebenso wie heute im Eingangsbereich der GSt.
Die Gesamtschule passt in die Zeit pädagogischen und gesellschaftlichen Reformeneifers. Sie will das dreigliedrige Schulwesen ersetzen, das als Spiegelbild des undemokratischen Ständestaates des 19. Jahrhunderts gilt und die Eliten und Entscheidungsträger und ihren Nachwuchs begünstigt. Die SPD Stadtregierung fördert die Gesamtschulen, macht sie aber beim einsetzenden Schulkampf halbherzig nicht zur ersetzenden, sondern nur zur ergänzenden Regelschule. Das Nebeneinander beider Systeme ist eine deutsche Spezialität. Der Schulkampf der 80ger Jahre ist beendet, und die Gesamtschule hat sich als sinnvolle Ergänzung zu den Schulformen des dreigliedrigen Schulwesens eingerichtet und behauptet.

Auch unsere GSt. Im Jahre 1987 ist sie vollständig: Die jüngsten sind 10/11 Jahre und sitzen in Klasse 5, die ältesten sind 19/20 Jahre alt, sind in der Studienstufe, lernen für das Abitur, das 1988 erstmalig abgenommen wird. Die Schülerzahl wächst und erreicht 1992-94 ihren Höhepunkt.
Die Fachräume wurden angebaut, z.B. Informatikräume, Textilwerkstatt, Metallwerkstatt, Fernsehstudio, eine kleine Bühne, dann eine Außensportanlage. 1996 werden die Klassenhäuser B, C und D fertig und sind entscheidende Träger des Jahrgangsstufenmodells. Das Schulgelände bekommt Struktur und Gesicht. Die Zeit der Provisorien ist vorbei, um pünktlich zum 25-jährigen Jubiläum der Schule neu zu beginnen:
Die überfälligen Grunderneuerungen der älteren Gebäude erfordert erneut Flexibilität und Geduld. Die innere, die pädagogische Entwicklung der Schule ist nicht so klar und überschaubar. Selbstverständlich ist das Bemühen um guten Unterricht nach Stundentafel, Differenzierungsmodell und Lehrplänen. Eindrucksvoll das Engagement der Klassenlehrer/innen, schwieriger die verbindliche Koordination von Erziehung und Unterricht.

Das Kollegium ist schnell gewachsen, eher unorganisch und zufällig. Integration und pädagogischer Grundkonsens sind nicht immer leicht herzustellen, herausragende Sonderbegabungen bieten sich für reizvolle Angebote der Schule an. Ein buntes Blumenbeet entsteht: Mit ausdauernden Stauden, mit Einjahrespflanzen, mit konkurrierenden Wildkräutern, gehegt und gepflegt oder auch ob der unübersehbaren Vielfalt übersehen und vernachlässigt.
Eine nüchterne und ehrliche Bilanz ist spätestens fällig, als die Schülerzahl zurückgeht.
1993 bildet sich eine Konzeptgruppe aus Eltern (!) und Lehrerinnen und Lehrern. Sie legt die Fakten ungeschönt auf den
Tisch, bilanziert, sortiert neu, fügt zusammen und bereitet die strukturelle Neuentwicklung und Profilschärfung der GSt vor. Dabei ist es nicht immer leicht, aber notwendig, das Kollegium überzeugend und überzeugt mitzunehmen. Gelten doch Lehrerinnen und Lehrer in der Öffentlichkeit nicht unbedingt als besonders reformfreudig. Sicher zu Unrecht, denn welche andere Berufsgruppe wird ständig von einer kritischen, vermeintlich sachverständigen Öffentlichkeit beobachtet, arbeitet hart im breiten Spagat zwischen Momententscheidungen und Handeln auf der einen Seite und langfristigen Arbeitsplanungen auf der anderen Seite, und welche andere Berufsgruppe ist parallel dazu damit beschäftigt und bereit, nicht "von oben" gesetzte Reformen, sondern selbstentwickelte individuell und kollektiv zu entscheiden und umzusetzen.1994 entstehen die "Stellinger Grundsätze" und wollen das Zusammenleben und lernen an der Schule verbessern. An 4 tragenden Säulen des Bildungstempels GSt werden "Baustellen" eingerichtet:
Auf den Baustellen wird mehrere Jahre gearbeitet, wobei Konsens darüber besteht, dass der Unterricht als bewährtes Handlungs- und Gestaltungsfeld von Schule im Zentrum steht.
Aber der Unterricht bedarf der Ergänzung durch das, was man Schulleben nennt. Dauerblüher der GSt werden erhalten und gestärkt, einige neue Pflanzen gesetzt. Einige sollen hier aufgezählt werden:
Beratungsdienst mit den Schwachpunkten "soziales Lebens" und Berufsorientierung, Schulbibliothek und Internet Café, Cafeteria, pädagogischer Mittagstisch, Hausaufgabenhilfe und Neigungskurse am Nachmittag, Schulgarten und Schulzoo, Theater -, Musik -, und Literaturabende, Musikfrühschoppen und Sommerfest (Elternrat!), Tag der offenen Tür, Sporttage im Sommer und Winter, Segeln im Jahrgang 5 und Eishockey im Jahrgang 6, Stellinger Fernsehen, Schüleraustausch, informations-technische Grundbildung, verteilt auf verschiedene Jahrgänge und Fächer.

Die Schule ist damit ein bisschen heile Welt in Zeiten, die schwieriger geworden sind als vor 25 Jahren: Leere Staatskassen, Dauerarbeitslosigkeit, Mangel an Ausbildungsplätzen, Ellenbogenmentalität, Sozialabbau, Zuwanderungsfragen, Gewalt und Drogen belasten als ungelöste Probleme die Gesellschaft und reichen fokussiert in die Schule als ihrem Reparaturbetrieb hinein.
Die Gesamtschule Stellingen stellt sich den Problemen, stärkt den Schulverein als Solidareinrichtung der Eltern, schränkt die Klassenreisen ein, baut die Bereiche Lebenshilfe und Berufsorientierung aus, übernahm Verantwortung für ein Containerdorf für Asylbewerber auf ihrem Gelände, fördert das interkulturelle Miteinander, entwickelt und beschreitet innerschulische Wege der Drogen- und Gewaltprävention.
Es scheint, dass die Offenheit der Schule leider nicht immer gut ist für ihre Wahrnehmung von außen. Gesellschaftliche Probleme werden als Problem dieser Schule gesehen und das offene Herangehen an sie wird nicht etwa anerkannt, sondern als Beleg genommen für das Recht auf kritische Sicht auf die Gesamtschule Stellingen.
Es gilt also, das Außenbild der Schule zu verbessern durch Abbau der hausgemachten Probleme, Stärkung der positiven Neuansätze, Sicherung des Bewährten und Verstärkung der Öffentlichkeitsarbeit nach dem Motto: "Tue Gutes und rede darüber!"
Die Gesamtschule Stellingen ist in der Hamburger Schullandschaft zu unbekannt und eindeutig unterbewertet!
Das Schulprogramm der GSt entsteht abschließend im Jahre 2000 und wird im Februar 2001 von der Bildungsbehörde nicht nur genehmigt, sondern auch als beachtlich anerkannt. Das Schulprogramm gibt allen an der Schule eine klare Orientierung. Unterstützt wird der positive Neuansatz der GSt durch die umfangreiche Grunderneuerung der älteren Gebäude.
Aus der Bildungsbehörde und der Politik kommen indes für die Arbeit der Schule widersprüchliche Signale, rote und grüne, weil die Wirtschaft zunehmend einen Mitgestaltungsanspruch an der Schule anmeldet und aus der Betriebswirtschaft abgeleitete Steuerungsmodelle mit pädagogisch bestimmten Orientierungen konkurrieren. Die Schule bleibt dabei, ihre Schülerinnen und Schüler nicht nur als beruflich wirkende, sondern auch als politisch handelnde und kulturelle beteiligte künftige Bürger zu sehen.
Beim grünen Signal wird die Schulaufsicht zur Schulberatung, entwickelt die Schule ein eigenes Schulprogramm, wird auch ihre Autonomie in Bau-, Geld- und Stundentafelfragen gestärkt, und wird die Bedeutung der Gremien im neuen Schulgesetz vergrößert.
Beim roten Signal wird die Lehrerarbeit erheblich verdichtet, verlängert und in sachfremde Zeittakte zerlegt, werden die so genannten Hauptfächer wieder herausgehoben, werden Standarisierung, Feststellung der Lernausgangslage und spätere Nachprüfung, verbindliche Lernerfolgskontrollen den Schulen aufgetragen.
Die Gesamtschule gerät ins Visier der neuen konservativen Stadtregierung. Wie schon in vielen Jahren vor dieser sehen sich Schüler, Eltern und Lehrer vereint in der Abwehr von Sparmaßnahmen, die unter dem Mäntelchen der Gleichbehandlung vor allem die ungeliebten Gesamtschulen treffen.
Aber: Gleichbehandlung der verschiedenen Schulformen ist bei ungleichen Aufgaben in Wahrheit Ungleichbehandlung - zu Lasten der Gesamtschule. (übrigens: Viele Jahrzehnte lang und länger war die deutliche Besserstellung der wenigen Gymnasien gegenüber den vielen "Volksschulen" in der politischen Klasse kein Thema.)
Ab 2001 beweisen PISA, TIMMS, und IGLU die Schwächen und Ungerechtigkeiten des deutschen Bildungssystems in den internationalen Vergleich. Nirgendwo sonst noch gibt es das dreigliedrige Schulsystem, dass trotz seiner nachgewiesenen Länge in Deutschland ein erstaunliches (wirklich erstaunlich?) Beharrungsvermögen besitzt. Immerhin haben sich die Gesamtschulen fest behauptet.
Auch die Gesamtschule Stellingen! Sie beschreitet aus eigener Kraft ein bemerkenswerten pädagogischen Sicherungs- und Erneuerungsweg, wird von der Bildungsbehörde dabei durch manche Ermunterungs- und Vertrauenssignale begleitet und arbeitet seit vielen Jahren solidarisch und erfolgreich mit den Schwesterschulen Niendorf und Ida -Ehre in der Oberstufe zusammen.
Zum Schluss ein Wort an meine "alten" Kolleginnen und Kollegen: Lasst euch von euren alten Träumen bewegen und bringt sie trotz aller Ernüchterung und allen Widrigkeiten soweit wie möglich in die gegenwärtige Wirklichkeit ein, um für euch und eure Zöglinge eine gedeihliche Zukunft zu gewinnen.
Viel Erfolg und auch Freude wünscht
N. Willandsen
( Stellvertretender Schulleiter 1979 2000) ¨
