Meine eigentlichen Auftritte hatte ich in Räumen; in Klassenzimmern bei der Verleihung von Halstuch und Knoten an die Kleinen, im Gemeindesaal bei der feierlichen Überführung der Vierzehnjährigen in den BDM. Anfangs sagte ich Gedichte auf, mit vierzehn hielt ich in Anlehnung oder auch mit Abschrift von Schirach, Goethe, Miegel, Baumann, Fichte selber Reden. Kindlichpastoral rief ich Worte in den Saal wie heilig Vaterland und deutsche Erde, ewig, edel, Treue und der Toten Tatenruhm, das geloben wir, o Deutschland – bis Frau Koenen, bei der ich Nachhilfe in Englisch hatte, Tränen kamen. " Frau Assmus, Ihre Tochter spricht zu schön." Den Führer zu sehen oder im Radio zu hören, ernüchterte mich eher. Vor seinem Ölgemälde quaste es sich leichter. Ich erhob mich und andere. Ich produzierte mich.

 

Aus: Carola Stern "Doppelleben", eine Autobiographie, Köln 2001

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