Berichte aus der Max-Brauer-Schule von einer Projektreise
nach Mali in Westafrika
Im März dieses Jahres flogen 10 Schüler/innen aus den
Jahrgängen 10 – 13 mit ihren Lehrern, einem Elektroingenieur und einem Arzt nach
Mali/Westafrika, um die Schulpartnerschaft zwischen dem Collège Alpha Ali Seck
in Bandiagara und der Max-Brauer-Schule weiter zu entwickeln. Im Rahmen dieser
(zweiten) Projektreise nach Bandiagara haben wir am Brunnen eine mit Solarstrom
betriebene Wasserpumpe installiert, einige Klassenräume und einen Büroraum mit
Strom und Licht ausgestattet, sowie die Einrichtung eines Schulgartens in
Angriff genommen. Außerdem wurden die Kontakte zu den Schülern und Lehrern vertieft und ausgebaut. Am Ende
führte uns ein dann eher touristisches Programm noch in weitere Orte und
Gegenden, deren Bewohner, Kultur und Geschichte wir kennen lernten (Dogon-Land
und die Niger-Orte Mopti und Ségou).
Die folgenden Textabschnitte und Fotos erzählen eindrucksvoll von dieser Reise und illustrieren beispielhaft, was mit „Gestaltungskompetenz für ein nachhaltiges Leben“ gemeint ist.
Kurz bevor wir in Bandiagara ankamen, spielte ein Teil der Schüler Doppelkopf und der andere Teil hatte sich schon seit einiger Zeit gelangweilt, weil wir seit über zwei Tagen unterwegs waren. Dennoch waren wir alle neugierig.
Als der Bus anhielt, guckten wir alle nach vorne und wussten nicht, ob wir jetzt aussteigen sollten oder nicht. Es waren 100 oder 300, vielleicht waren es auch mehr Schüler, Lehrer, Erwachsene und auch der Bürgermeister, die vor der Stadt auf uns warteten.
Ich war geschockt. So was hätte ich mir nie vorstellen können. Als wir ausgestiegen sind, fingen die Schüler an uns zu bejubeln: „ALLEMANIA, ALLEMANIA, ALLEMANIA“ und wollten unsere Hände halten. Kinder, die dies geschafft hatten, ließen sie nicht mehr los. Ich wusste nicht, ob ich mich jetzt freuen sollte oder nicht, weil ich in dem Moment Kinder sah, die keine Schuhe anhatten, aber gleichzeitig auch die Freude in deren Augen entdeckt hatte.
Für einen kurzen Moment dachte ich sogar, dass sie uns mit den wichtigsten Männern der Welt verwechselt hätten. Dabei zeigten sie uns nur, was unsere Partnerschaft mit der Alpha Ali Seck für die Einheimischen da bedeutete. (Kazim)
Das Umweltprofil 12 hatte sich im Zusammenhang mit der
Flutkatastrophe in Asien entschieden, das Geld aus der Klassenkasse zu spenden.
Da wir erst spät auf die Idee kamen, gingen in der Presse schon die Meldungen
um, dass in den anderen Gebieten der Erde, welche auch auf Hilfsmittel
angewiesen sind, die Spenden so stark zurück gegangen waren, dass die Lage in
vereinzelten Gebieten kritisch wurde.
In diesem Sinne entschieden wir uns dann für einen Beitrag zur Mali - Schulpartnerschaft.
Da die Themen unseres Profils der Natur sehr nahe stehen, kam jemand auf die blendende Idee, wir sollten doch auch in diese Richtung denken, also einigten wir uns auf das Anlegen eines Schulgartens.
Mir hat es Spaß gemacht näher an diesem Projekt mitzuarbeiten, auch wenn es nur ein minimaler Anteil von praktischer Arbeit war, indem ich die Löcher für die „Partnerschaftsbäume“, wie Belco sie liebevoll genannt hat, gegraben habe, die auf dem Schulhof zwischen den Gebäuden verteilt wachsen sollen. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieses Projekt ausbaufähig ist und auch bei unserem nächsten Besuch eine Rolle spielen könnte.
Auf der Basis dieses Projektes könnte z.B. eine Zusammenarbeit zwischen Biologie- oder Naturwissenschaftsklassen entstehen, denn gerade beim Aussäen und Heranzüchten der Pflanzen, dem Kennenlernen neuer Pflanzen-, Gemüse-, oder Obstbaumarten können wir noch vieles voneinander lernen. Inge hatte z.B. aus Deutschland kleine Torfscheiben mitgebracht, gedacht um die Saat heranzuziehen, und ihr einen Nährboden zu geben. Der Hausmeister und die Schüler standen staunend um uns herum, und an dieser Stelle ist mir bewusst geworden, wie viel wir noch voneinander lernen können. (Lutz)
Schon am ersten Tag unserer Arbeit begann unser Adressbuch zu wachsen. Am Anfang haben uns vereinzelt einige Schüler der Alpha-Ali-Seck-Schule gefragt, ob wir Lust hätten ihre Brieffreunde zu werden.
Nachdem wir diese freudig angenommen hatten, bekamen wir innerhalb der nächsten 8 Tage täglich neue Adressen dazu.
Mit dem Austausch der Adressen (wir haben ihnen ja auch unsere Adressen gegeben), war der erste Schritt gemacht. Von nun an hatte man einen neuen Freund, denn das war immer die Frage, die gestellt wurde: „Möchtest du mein Freund sein“?
Hatte man erstmal einen neuen Freund gefunden, wurde man stets von ihm auf seinen Wegen begleitet, und es konnte auch passieren, dass man mal einen bösen Blick zugeworfen bekam, wenn man zu oft seine Adresse weitergegeben hat. Aber die meiste Zeit sind sie einfach an unseren Händen zwischen Schule und Hotel hin und her gependelt, genau wie wir.
Teilweise haben wir dann auch ganz süße Geschenke bekommen. Von Schmuck über selbst geschnitzte Figuren bis hin zu irgendwelchen Spielsachen, die wahrscheinlich bis dahin noch in eigenem Gebrauch waren.
Durch diese freundliche und offene Art fiel es uns dann auch nicht schwer, den Kontakt zwischen uns Schülern herzustellen. So kamen oft nette Gespräche zustande, egal ob man Französisch sprach oder nicht. Denn auch mit Händen und Füßen wurden sehr interessante Unterhaltungen geführt.
Hoffentlich werden aus den vielen ausgetauschten Adressen lang anhaltende und intensive Brieffreundschaften…(Franziska)
„Was baut ihr auf euren Feldern an?“, der große Schüler, der aufgestanden war, um diese Frage zu stellen, quetscht sich wieder in die viel zu niedrige Schulbank.
Ja, was bauen wir an? Diese Frage hätten wir nun gar nicht erwartet, ebenso wenig wie die Frage nach den Geräten, die wir in der Landwirtschaft verwenden.
Aber auch, ob bei uns alles schön sei oder ob alle reich seien, ob es wie im Paradies bei uns sei, war gar nicht so einfach zu beantworten.
Erwartungsvoll
und konzentriert blicken die etwa 40 Schüler und Schülerinnen auf uns. Es sind
die
Briefpartner unserer
Hamburger Schüler, die aus den verschiedenen Klassen zu diesem Treffen zusammen
gerufen worden waren.
In welcher Art Häuser wir leben, wie das Klima in den verschiedenen Jahreszeiten ist, wie wir den Temperaturunterschied zu Afrika empfänden, (wir hatten vorher ein bisschen mit dem Schnee geprotzt, aus dem wir gerade kamen), welche Früchte zu kaufen sind, was wir sonst noch essen, das alles interessierte ebenso.
Viele Fragen gingen hin und her. Von unserer Seite Fragen zum Schulbesuch, zu den Kosten für die Ausbildung (wir wissen, dass nur 28% der Kinder in Mali zur Schule gehen), zur Freizeit, zu den Zukunftsplänen.
Langsam wurde es unruhig. Viele der malischen Schüler standen unmittelbar vor ihren Abschlussprüfungen und so beendeten wir das Gespräch mit dem Bewusstsein, dass wir viel voneinander zu lernen haben, aber auch, dass wir über unsere eigene Situation neu nachdenken, wenn wir uns mit „afrikanischen“ Fragen auseinander setzen. (Elisabeth)
Als wir nach einer Woche harter Arbeit in Bandiagara unsere Arbeiten fertig gestellt hatten, sahen wir dem kommenden Wochenende mit Freude entgegen. Unser Weg sollte uns tief ins Innere des Dogon-Landes führen, wo wir bei einer Wanderung entlang des Felsplateaus von Bandiagara dem fremden Stamm näher kommen sollten.
Abgeholt wurden wir von einem sehr abgenutzt wirkenden Kleinbus, der uns alle sogleich auf unsere Reise einstimmte. Der Fahrer wollte uns zur ca. 40 km entfernten Falaise (200 Meter hohe, steile Felskante) bringen, wo unsere Wanderung beginnen sollte, doch die Fahrt dorthin verlief nicht ganz ohne Zwischenfälle. Die Fahrweise unseres Fahrers in Kombination mit dem Zustand der Straße (die nicht immer vorhanden war), führte bei vielen von uns zu Übelkeit und einmal war das Fenster der letzte Ausweg.
Doch irgendwie schafften wir den Rest der Fahrt ohne weitere Komplikationen und waren alle froh, als wir das Plateau erreicht hatten.
Über felsiges Gelände machten wir uns auf den Weg ins
erste Dogondorf. Die Landschaft war sehr beeindruckend. Es war noch früh, so
dass die Sonne noch nicht all ihre Intensität erreicht hatte und uns einen
wunderschönen Abstieg gewährte. Auf dem Weg hinunter kamen uns Frauen mit
schweren Schüsseln voller Bier, oder Kinder, die noch kleinere Kinder in
Tüchern auf ihrem Rücken die Felswand hoch trugen, entgegen. Diesen Menschen
brachten wir für ihre Ausdauer großen Respekt entgegen. Unser Abstieg wurde
immer wieder von kleinen Pausen unterbrochen, in denen uns der Guide kurze
Erklärungen gab. Wir erfuhren von den Tellem, die vor den Dogon das Felsplateau
bewohnt hatten, und dass die Dogon heute die Höhlen der Tellem als ihre
Grabkammern nutzen.
Erschöpft vom Abstieg, der Führung und der immer stärker brennenden Sonne, erreichten wir erleichtert unser Restaurant, das uns durch Schatten, kalte Getränke und leckeres Essen Kraft spenden sollte. Wir bekamen Hirse mit einer gemüsereichen Soße, welche uns aufgrund unserer gesunkenen Ansprüche alle sehr beeindruckte. Am Nachmittag stand uns eine 3 km lange Wanderung am Fuße des Plateaus bevor.
Die Wanderung durch die beeindruckende Landschaft war ein tolles Erlebnis. Der Weg lud aufgrund des ebenen Bodens, der nicht zu große Anstrengung von uns abverlangte, zu Gesprächen ein, die mir als ausgesprochen vertraut und schön in Erinnerung geblieben sind. Die Hitze und die äußeren Umstände haben uns auf eine Weise zusammengeführt, die ich so noch nie erlebt hatte, und die bis zum letzten Tag in Afrika anhielt.
Am nächsten Tag erreichte die Wanderung ihren Höhepunkt, als wir zu dem Dorf kamen, von dem aus ein Weg durch die Felsen nach oben lief. Schon nach wenigen Schritten forderten die Hitze und die Anstrengung ihren Preis, und es gab niemanden mehr in unserer Gruppe, der nicht schwitzte. Doch als wir oben ankamen, waren die Bilder, die uns geboten wurden, alle Anstrengung wert. Die Aussicht war so unglaublich schön, dass wir alle eine Weile innehielten und staunten. Ich wusste wieder, warum es sich lohnte, früh morgens müde von der unbequemen Nacht aus dem Bett zu taumeln, um nach einem trockenen Frühstück den schweren Rucksack aufzuschnallen und die Anstrengung des Aufstiegs jedes Mal wieder zu ertragen, nur für unvergessliche Bilder wie diese, die sich ins Gedächtnis brennen und dich nie wieder verlassen. (Judith)
Ich war vor der Reise in Sorge: Komme ich mit der Klimaumstellung klar? (kein Problem) Werde ich die Anstrengungen gut bewältigen? (Ja) Auf was für Menschen werde ich treffen? Werde ich mit ihnen Kontakt aufnehmen können – und wollen? Jetzt, einige Wochen danach, bin ich immer noch vor allem von den Menschen, die ich gesehen und kennen gelernt habe überwältigt und beeindruckt. Zum Beispiel: 110 Schüler und Schülerinnen sitzen eng gedrängt in einem dunklen Raum, ihrem Klassenraum, und wollen lernen, gehen liebevoll miteinander um, sind fröhlich, lachen viel, ihre bunte, trotz des allgegenwärtigen Staubes bestechend saubere Kleidung leuchtet, die weißen Zähne blitzen, die Mädchen haben ihre Haare zu den kunstvollsten Frisuren geflochten.
Mali gehört statistisch gesehen zu den ärmsten Ländern der Erde – und ich habe viel Armut gesehen, wenn ich unsere Maßstäbe anlege. Doch nicht das gehört zu den prägenden Bildern, die bleiben. Es bleiben die Bilder und Eindrücke einer großen Ruhe, Gelassenheit und Langsamkeit des Lebens, von Harmonie und Schönheit in der Natur und Architektur, von Würde und Stolz der Menschen, von lachenden, neugierigen, fröhlichen Gesichtern, Eindrücke, die unvergesslich sind. (Wolf)
Zusammenfassung von Wolf Lüders
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