Nur ein Wortgeplänkel?
Seit Beginn der von-Beust-Regierung in Hamburg steht auf der politischen Agenda die Stärkung der Hauptschule. Und wenn es Schwarzen um Hauptschule geht, dann meinen sie wirklich die Nach-Unten-Aussortierungs-Schule des gegliederten Schulsystems. Das aber scheint nicht immer ganz klar zu sein. Denn zur Stärkung der Hauptschule bedienen sie sich auch gerne der Gesamtschülerinnen und Gesamtschüler. So, wenn es öffentlichkeitswirksam darum geht, die Hauptschulabsolventen zu ihrem Abschluss zu beglückwünschen.
So läuft’s zur Zeit:
· In den Gesamtschulen kommt am Entlasstag, 24. Juni 05 ein „Eilt-Fax“ der BBS auf den Tisch, in dem die Schulleitungen gebeten wurden, dem Wunsch einer privaten Werbeagentur zu entsprechen, und die Schüler mit Hauptschulabschluss zur Einverständnis-Unterschrift für die Nennung ihres Namens in einer Abendblatt-Anzeige am 27. Juni zu animieren. Motto: „Prima gemacht, ihr seid etwas wert ...“
· Reaktion der Gesamtschulen (und der meisten ebenfalls angeschriebenen HR-Schulen): „Das habt ihr euch aber spät überlegt. Am Entlasstag klappt das nicht mehr“.
· Am 27. Juni erschien keine entsprechende Anzeige im Hamburger Abendblatt.
· Großer Auftrieb der Prominenz in der GHR-Schule Osterbrook. Axel Schultz, Facility Manager Hamburg und Chef der Schultz Gebäudedienste, lässt sich im Hamburger Abendblatt vom 30. 6. mit den Worten zitieren: „Die Absolventen der Hamburger Hauptschulen sind unerlässlich für unsere Arbeitwelt....“ und: „Es ist ein fataler Irrtum, dass mit einem Hauptschulabschluss nicht viel anzufangen sei.“ Und die Senatorin: „Ich unterstütze die Aktion, weil sie die Hauptschulabgänger in besonderer Weise würdigt.“ Zugesagt wird vom Hamburger Abendblatt für den 20. Juli eine „Hauptschulsonderbeilage“.
· Unterdes stellt der SPD-Abgeordnete Lein eine kleine Anfrage an den Senat (18/2537). In ihr kommt heraus, dass die BBS von der Aktion bereits Anfang April 2005 wusste. Also überflüssige Hetze am Entlasstag, da hat also jemand geschlafen. Und weiter, dass „nach Aussage der Agentur“ die Aktion an Absolventinnen und Absolventen mit Hauptschulabschluss unabhängig von der Schulform gerichtet“ sei. Und schließlich: „Die zuständige Behörde unterstützte die Aktion und übermittelte die Information an die Schulen. Die Schulen entscheiden eigenverantwortlich, wie sie mit dieser Information umgehen“.
· Am gleichen 30. Juni (s.o.) kommt über den Behördenverteiler ein Fax-Brief der PR-Agentur an die Schulleitungen der Hamburger Haupt-, Real- und Gesamtschulen an. In ihm wird von einer Verlängerung des Einsendeschlusses für die Einverständniserklärungen bis zum 12.7. gesprochen, sowie davon, dass die Namen der zustimmenden Schüler am 20. Juni im Hamburger Abendblatt abgedruckt werden sollen. Die Schüler sind unterdes in die Ferien entschwunden.
Die Schulbüros sind in Urlaub oder mit Software-Problemen beim Littera - Programm der Bücherprivatisierung unter Dampf.
· Am 20. Juli erschien keine Anzeige.
· Am 8. August stellt sich in einem Telefongespräch heraus, dass von den ca. 2500 möglichen Unterzeichnern (SchülerInnen mit Hauptschulabschluss) ca 600 unterschrieben haben.
· Am 10. August kommt ein Fax des neuen Amtsleiters Bildung in die Schulen mit der Information, dass ca. 20% der infrage kommenden Namen vorlägen und dazu der Bitte, „noch einmal den Versuch zu unternehmen.....“ Termin: 31 August. Hingewiesen wir darauf, dass „die Behörde für Bildung und Sport diese Aktion (unterstützt), mit der die Leistungen der Hauptschulabsolventinnen und –absolventen öffentlich anerkannt werden“.
· Die Gesamtschulen fühlen sich von dieser Aktion für die Hauptschulabsolventinnen und Absolventen nicht sonderlich angesprochen. Über die anderen Schulen fehlen Informationen.
· Am Dienstag, den 30. August, kommen Anrufe einer Mitarbeiterin der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der BBS in die Gesamtschulen (von den anderen Schulen ist nichts bekannt). In ihnen wird gefragt, warum denn die Schulen bislang nicht gemeldet hätten, und ob man denn nicht helfen könne. Es wird angeboten, dass die BBS alle Schülerinnen und Schüler mit entsprechendem Abschluss direkt anschreiben und um ihre Unterschrift bitten wolle. Schulleitungen reagieren irritiert: “In welchem Auftrag rufen Sie denn eigentlich an...“, „Ich will unser Büro jetzt nach Ablage der Schülerakten nicht anweisen, Adressen herauszusuchen.“, „Gesamtschulen sortieren ihre Ablage nicht nach Abschlüssen...“., „Wo bleibt die Würdigung aller Abschlüsse?“.....
· Am heutigen Mittwoch wird kolportiert, man erwäge eine Dienstanweisung der BBS an die Schulleitungen....
Fazit:
1) Aktionsbeginn verpennt und dann wie üblich schnell schnell.
2) Auftragslage unklar.
3) Gesamtschulen und Hauptschulen werden in einen Topf geworfen; Gesamtschulen haben keine Hauptschüler, sonst wären sie nämlich keine Gesamtschulen. Aber man kann dort bekanntlich drei Abschlüsse machen.
4) Wenn schon Abiturienten im Abendblatt gewürdigt werden, warum nicht auch Schüler mit den anderen Abschlüssen?
5) PR nur für Hauptschüler, Realschüler werden offensichtlich ausgeklammert.
6) Behördenleitung erhöht den Druck, Direktmarketing nennt man anderswo solche Telefonaktionen.
7) Gilt die Senatsantwort in der kleinen Anfrage noch: Schulen entscheiden eigenverantwortlich...?
Ps: Dass mancherorts die Stärkung der Schülerinnen und Schüler mit Hauptschulabschluss ohne großes Selbstdarstellungs- und PR-Geplänkel erfolgreich betrieben wird, zeigt sich in den Bemühungen z.B. der Arbeitsstiftung, die sich in Zusammenarbeit mit vielen Lehrern - auch der Gesamtschulen - bemüht, mehr Schülerinnen und Schülern mit (und ohne) Hauptschulabschluss zu einem Einstieg in die duale Berufsausbildung zu verhelfen.
Gerhard Lein, SPD-MDHB
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