Sonne verbindet

Feldbewässerung mit Solarenergie, installiert von Schülern der Erich-Kästner-Gesamtschule in El Trapiche, León -Nicaragua

Eine Fortsetzung aus Heft 1/2005

 

 

38 Grad im Schatten, Trockenzeit. Arbeit auf einem staubigen Feld. Wozu?

8 Schüler und 2 Lehrer der Erich Kästner - Gesamtschule in Farmsen - Berne, Hamburg, reisten im März 2005 für drei Wochen nach Nicaragua und führten dort ein Projekt zur Feldbewässerung durch.

 

Ziel war die kleine Dorfgemeinde El Trapiche in der Nähe der Hamburger Partnerstadt León, in der knapp 40 Familien mit 280 Personen leben, ohne Strom und fließend Wasser. Ein Anschluss an die städtischen Netze ist nicht geplant: der Bürgermeisterei León ist der Ort zu weit außerhalb gelegen; ein Anschluss an die städtischen Netze ist zu teuer.

Es fehlt aber nicht nur an Energie. In dieser ländlichen Gemeinde hat auch kaum jemand geregelte Arbeit. Zum Geldverdienen fahren die Bewohner daher in die Stadt, um in Aushilfsjobs als Straßenverkäufer, Taxifahrer, Tagelöhner oder Verkäuferinnen auf dem Markt für 1 bis 2 Dollar einen ganzen Tag zu arbeiten. Zu Essen gibt es nicht immer genug, Vitamine für die vielen Kinder sind nicht an der Tagesordnung.

Die Bewohner suchten und fanden in der EKG einen Partner, der ihnen in diesem und in den kommenden Jahren versuchen wird, die Lebensbedingungen zu verbessern. Ein Kontakt besteht bereits seit 1990 in Form einer Schulpartnerschaft zwischen der EKG und ihrer Partnerschule in León, Salinas Grandes, einer Art ländlichen Schulkombinats, das eine Dorfschule mit 1. und 2. Klasse in Trapiche betreibt.

Dieses Jahr half die Schülergruppe bei der Bewässerung eines Feldes von 10.000 m2 mit Hilfe von Solarenergie. Wir bauten eine Solaranlage auf, die sich automatisch zur Sonne neigt und mit ihren 0,6 kW elektrischer Leistung Wasser aus einem 10 m tiefen Brunnen in einen Hochtank pumpt. Das Wasser wird über Bewässerungsleitungen tröpfchenweise auf das Feld abgegeben. Die Schläuche haben alle 30 cm einen Schlitz (Verdunstungsschutz), aus dem das Wasser austritt. Damit können die Pflanzen punktgenau bewässert werden, ohne dass Wasser verschwendet wird. Pro Tag liefert jede Tropfstelle 1 l.

Wir arbeiteten 2 Wochen täglich mit den Bewohnern zusammen; fast jede Arbeit wurde gemeinsam ausgeführt: Verlegung von 10.000 m Schlauch, Zusammenbau und Installation des Solarsystems auf dem Feld, Legen der elektrischen Anschlüsse, Bau des Brunnens (dies hauptsächlich von den Bewohnern und Maurerlehrlingen), Wegschaffen von Bauschutt, Justierung der Pumpe. etc

 

Wir führten einen Zensus (Umfrage unter den Bewohnern) durch, indem wir alle Haushaltsvorstände nach ihrem Leben befragten, ihrer Arbeit, Anzahl der Kinder, Ernährung etc. Uns wurde freundlich geantwortet; es schien, als störte niemanden unser Eindringen in seine Privatsphäre.

 

Natürlich lief nicht alles störungsfrei ab. Es gab genug Probleme, vor allem anfangs.

Wir kamen an und stellten fest, dass das Feld noch nicht gepflügt, der Brunnen noch nicht tief genug ausgegraben war und die falschen Solarmodule transportiert wurden.

Kurzerhand wurde ein Bauer beauftragt, das Feld zu pflügen. Er tat das erst, nachdem er die Hälfte des ausgehandelten Lohns erhalten hatte: 50 USD. Den Rest bekam er einen Tag später, als alles fertig war, einschließlich eggen.

Mit der Berufsschule für Maurer schlossen wir einen Vertrag ab, damit ihre Schüler und Lehrer fachmännisch den Brunnen ausmauern und die Fundamente für den Hochtank und das System legen konnten.

Während die Maurerschüler oben die Brunnenwände ausmauerten, schachteten die jungen, kräftigen Männer des Dorfes den Brunnen bis auf 10 m Tiefe aus. Ihre Werkzeuge waren Spitzhacke und Stemmeisen. Der Abraum wurde mit einem Eimer hochgezogen und von den Frauen abtransportiert. Das nachfließende Grundwasser ebenfalls mit dem Eimer abgeschöpft und nach oben gezogen.

 

Die Frauen und jungen Mädchen hauptsächlich waren es, die die Schläuche verlegten, morgens ab 8 bis in den Nachmittag, Sonne gratis. Für alle anstrengend, besonders für uns. Sonnenbrand war an der Tagesordnung. Die Cremes reichten nicht aus.

Schließlich fanden wir dir richtige Solaranlage und tauschten sie gegen die falsche aus. Dabei stellten wir fest, dass ein der Sonne nachlaufendes Aggregat kompliziert zusammenzubauen ist.

 

Wir waren jedoch nicht ohne fachkundige Unterstützung. Ein Leoner Ingenieursbüro leitete die technischen Arbeiten vor Ort und wartet die Anlage auch in den kommenden Jahren. Doch auch für die Fachkräfte war die erste Anlage Zentralamerikas, die sich selbst nach dem Sonnenstand ausrichtet, eine Herausforderung. Schließlich war es einer unserer Schüler, der herausfand, wie die Solarmodule auf dem Trägergerüst befestigt werden müssen. Die Installationsmanuale waren so schwer zu lesen, dass sie selbst den Fachleuten nicht auf Anhieb verständlich waren.

Trotz aller Probleme schafften wir es in internationaler Zusammenarbeit, die Anlage innerhalb von 14 Tagen zum Funktionieren zu bringen.

 

Morgens um 9 Uhr am letzten Freitag war alles fertig. Die Einweihung wurde mit Vertretern der Stadtverwaltung Leóns, Hamburger Projekten und dem nicaraguanischen Fernsehen gefeiert. Bunte Luftballons, 150 Hamburger (besser als McDonalds), etliche Erfrischungsgetränke und ein buntes Unterhaltungsprogramm von Kinderprojekten, erzeugten eine festliche und ausgelassene Stimmung. Die sprachkundigen Schüler der Hamburger Gruppe trauten sich, eine kurze Rede auf Spanisch zu halten, der Hamburger Projektleiter drückte seine Zufriedenheit wegen der guten Zusammenarbeit und der herzlichen Atmosphäre aus und die Dorfbewohner zeigten ihre Dankbarkeit.

Nach Vertragsunterzeichnung, dem Abspielen beider Nationalhymnen, von denen die deutsche mitten drin mehrfach abbrach, weil der CD – Player streikte, kam der Moment der Wahrheit: Fließt das Wasser oder nicht? Unter lautem Gejohle kam es dann und wurde dazu benutzt, die Umstehenden nass zu spritzen.

Ein großer Erfolg in nur 14 Tagen.

Jetzt kommt es auf die Nutzung an. Die Bewohner haben wenig Kenntnis von Anbau, Bewässerung, Pflege, Ernte und dem Verkauf von landwirtschaftlichen Produkten. Daher werden sie von der Clínica Movil, einer Nichtregierungsorganisation mit Agronomen und Ärzten, sozial betreut und ihnen wird beim Pflanzen und Bewirtschaften von Obst und Gemüse geholfen.

Das schließt neben der Selbstversorgung auch den Versuch ein, für den Markt zu produzieren und so eine neue Einkommensquelle zu erschließen. Aus Erfahrung mit ähnlichen Projekten wurde das Feld in mehrere große Parzellen aufgeteilt und von 7 Familien gemeinsam bewirtschaftet.

Kürzlich wurde das erste Saatgut ausgebracht. Unter der Anleitung der Agronomen, die auch in den nächsten 12 Monaten „Fortbildungen“ für die Bewirtschaftung im Dorf durchführen werden. Denn mit der Installation der Anlage ist es nicht getan. Wir wollen nicht nur die Technik bringen, sondern auch unseren Teil dazu beitragen, dass dieses Projekt andauert. Daher muss in den ersten Jahren von fachkundiger Seite dabei geholfen werden, die Anlage sinnvoll zu nutzen und  zu warten. Schließlich muss der Anbau von Wasser- und Honigmelonen, Gurken, Pipian (kürbisähnliches, säuerliches Gemüse) fachgerecht durchgeführt werden, damit auf dem Markt gutes Gemüse verkauft werden kann.

Wenn das verantwortungsvoll geschieht, können die Parzellen in den kommenden Jahren in das Eigentum ihrer Bewirtschafter übergehen. Es sollen vor allem die Frauen sein, die es bekommen, denn im Falle einer Trennung der Eltern sind sie es, die mit ihren Kindern wohnen bleiben, während der Mann wegzieht.

Wir Deutschen haben durch unsere Arbeit in Nicaragua allerhand gelernt: Nicht nur Schläuche legen und eine Solaranlage aufbauen, sondern auch eine ganz andere und für uns neue Welt mit ihren Menschen und Lebensweisen. Am stärksten beeindruckt hat uns die entwaffnende Herzlichkeit der Menschen, das Vertrauen der Kinder und die Fähigkeit der Menschen, in Situationen Abhilfe zu schaffen und zu improvisieren, wenn mal wieder nicht alles da ist oder Vereinbarungen nicht eingehalten wurden. „Tranquilo“ hieß das Zauberwort. Bleib ruhig, alles wird klappen. Das hat es dann auch.

Wir sind jetzt wieder in Hamburg und in unserem Alltag. Aber dieses Projekt wird nicht das letzte Projekt der Erich-Kästner- Schule in Nicaragua bleiben. Ab Sommer wird in der gymnasialen Oberstufe ein Kursus „Erneuerbare Energien“ angeboten, der sich über Technik und Physik hinaus auch mit Organisation und Finanzierung unseres Projektes sowie dem Land und seiner Menschen beschäftigt. Wir werden in diesem Kurs unsere zweite Reise für März 2006 vorbereiten, in der wir den Bewohnern von El Trapiche helfen, eine Brauch- und Trinkwasserversorgung für die einzelnen Haushalte zu installieren. Wieder in Zusammenarbeit mit ihnen, wieder auf Basis der Solarenergie, der umweltschonenden Energieversorgung und im Sonnengürtel der Erde.

Hamburg, d. 11. April 2005,

Vivienne Harbeck, Gerd Schumann

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