Irina PantaevaIn jener Woche war es kälter geworden, und auf den Gehsteigen und Plätzen häufte sich nasser Schnee. Meine Waden waren naß und eiskalt, und das brachte mich auf eine Idee. Als meine Eltern an jenem Abend von der Arbeit nach Hause kamen, fanden sie mich aufs Sofa gekauert, wo ich mir lange Röhren ohne Füßlinge strickte, die ich mir über die Beine ziehen wollte. Im Westen hießen sie Legwarmer. Ich hatte sie auf einem Foto in einer zerfledderten russischen Illustrierten in der Schulbücherei gesehen. Eine Woche blieb ich jeden Abend lange auf, arbeitete und wurde dabei immer aufgeregter. In leuchtenden Rot- und Blautönen nahmen sie Gestalt an. Weil sie warm und zweckmäßig waren, hoffte ich, die Schulleitung würde mir erlauben, sie zu meiner Uniform zu tragen.

Am nächsten Morgen stieg ich die Schulhaustreppe hinauf. Die Mädchen in meiner Klasse bewunderten meine Kreation. „Die sind ja hübsch“, hörte ich ein Mädchen sagen. ..........................

Noch ehe die erste Unterrichtsstunde des Vormittags begann, rief die Lehrerin meinen Namen und ließ mich vor die Klasse treten. Sie hieß mich, still zu stehen, und betrachtete, wie mir schien, minutenlang meine Beine, als hätte es ihr völlig die Sprache verschlagen. Ich sah zu Boden, hob nur einmal kurz den Blick und sah, wie meine Mitschüler uns beide erwartungsvoll anstarrten.

„Weißt du, wie du aussiehst?“ sagte sie endlich. Sie grinste in die Klasse und ermunterte sie, das Nachfolgende witzig zu finden: „Du siehst aus wie Pinoccio.“.........................................

„Pinoccio ist das Buch eines subversiven ausländischen Schriftstellers, das mit der Absicht geschrieben wurde, kleine Kinder zu verderben und sie zu Habgier und Kapitalismus zu verführen,“ fügte sie mit schneidendem Ernst hinzu. „Diese Dinger da lassen dich völlig albern aussehen. Du kommst nie wieder in etwas anderem als deiner Uniform hierher.“

 

Aus: Irina Pantaeva, Mein Weg auf die Laufstege der Welt, München 1999

 

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