Aitmatov im Unterricht

 

Russisch an der Gesamtschule Fährbuernfleet

 

Abhängig vom Einzugsgebiet haben wir in unserer Schule in den Jahrgängen 5 bis 9 (weiter sind wir noch nicht hochgewachsen) einen Anteil russischer Muttersprachler von 25 – 30 %. Russisch ist eine auf dem Schulhof und im Unterricht allzeit präsente Sprache. Selbst Schülerinnen und Schüler anderer Muttersprachen haben bereits eine Reihe russischer Ausdrücke gelernt und wenden diese häufig an. Darüber hinaus ist Russisch neben Spanisch als zweite Fremdsprache und als Muttersprache ab Klasse 7 in unserem Wahlpflichtangebot verankert. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wird dieses Angebot überwiegend von Muttersprachlern angenommen. Angesichts der großen sprachpraktischen Chancen, die die hohe Präsenz von Muttersprachlern für den Fremdsprachenunterricht darstellt, machen wir jedoch auch für Russisch als Fremdsprache nachhaltig Werbung.

In den Jahrgängen 7 - 9 haben wir derzeit folgende Russischkurse:

 

Jahrgang Russischkurse

7 1 Kurs mit 23 Muttersprachlern und 2 Fremdsprachenlernerinnen.

8 1 Kurs mit 16 Muttersprachlern, die über gute Russischkenntnisse verfügen.

1 Kurs mit 12 Muttersprachlern, die überwiegend nur über mündliche Russischkenntnisse verfügen und 2 Fremdsprachenlernern.

9 1 Kurs I mit 18 Muttersprachlern mit guten bis sehr guten Russischkenntnissen.

1 Kurs II mit 15 Muttersprachlern mit geringeren Kenntnissen in ihrer Muttersprache.

Die Unterschiedlichkeit der Kurse und die inhomogenen Kurszusammensetzungen erfordern einen sehr differenzierten Unterricht mit teilweise auch verschiedener Zielsetzung. Die grundlegende Vorgehensweise soll im Folgenden kurz vorgestellt werden.

Die Kurszusammensetzung im Jahrgang 7 ist äußerst problematisch. Neben den 2 Fremdsprachlerinnen sind Muttersprachler mit einer ganzen Bandbreite von Sprachkenntnissen in dem Kurs. Eine große Anzahl der Schülerinnen und Schüler verfügt lediglich über mündliche Sprachkenntnisse, d.h. sie müssen gewissermaßen in ihrer Muttersprache (ein Großteil von ihnen spricht mit den Eltern noch Russisch) alphabetisiert werden. Eine kleinere Gruppe hat lediglich sehr lückenhafte schriftsprachliche Kenntnisse und 6 Schülerinnen und Schüler können weitgehend sicher sprechen und schreiben.

In diesem Kurs wird mit Lehrmaterialien für Russisch als Fremdsprache gearbeitet und in den ersten Wochen wurde das Alphabet eingeführt, wohlwissend, dass einige Schülerinnen und Schüler damit unterfordert waren. Durch binnendifferenzierende Aufgaben wurde versucht, einer demotivierenden Unterforderung entgegenzuwirken. Dieser Kurs wurde bisher mangels Lehrerstunden nicht geteilt, eine Teilung ist aber dringend notwendig.

Im Jahrgang 8 sind die Kurse von Beginn nach den Gesichtspunkten der äußeren Leistungsdifferenzierung eingeteilt worden. In der ersten Gruppe wird weitgehend muttersprachlicher Unterricht erteilt. Auf Grundlage eines Lehrbuches für Fortgeschrittene werden Texte gelesen und besprochen und die grammatikalische Progression orientiert sich nicht an der Fremdsprachendidaktik. In der zweiten Gruppe wird ähnlich wie im Jahrgang 7 weitgehend mit fremdsprachlichen Methoden und Materialien gearbeitet. Problematisch ist in diesem Jahrgang die notwendige Durchlässigkeit zwischen dem ersten und zweiten Kurs. Die sehr unterschiedlichen Kursniveaus machen einen Kurswechsel unmöglich. Die Nivellierung der Leistungsanforderungen muss bei Bedarf kursintern erfolgen.

Im Jahrgang 9 wird seit Beginn des Schuljahres nach den Richtlinien der äußeren Leistungsdifferenzierung in einem ersten und in einem zweiten Kurs gearbeitet. Die Einteilung der Schülerinnen und Schüler erfolgt nach muttersprachlichen Kenntnissen. In beiden Kursen orientieren sich Unterrichtsmethoden und Unterrichtsinhalte an muttersprachlichen Anforderungen. Das Niveau in dem ersten Kurs ist sehr hoch. So wird momentan der Roman "Der erste Lehrer" von Tschingis Aitmatov gelesen und besprochen. Derartige Inhalte werden im herkömmlichen fremdsprachlichen Unterricht lediglich in der Oberstufe behandelt.

Der muttersprachliche Unterricht hat für die betreffenden Schülerinnen und Schüler eine über die damit angestrebte Weiterentwicklung der Sprachkenntnisse hinausgehende Bedeutung. Die durch die Einrichtung des muttersprachlichen Unterrichts entgegengebrachte Anerkennung der mitgebrachten sprachlichen Fähigkeiten spielt eine große Rolle in der persönlichen Entwicklung der Schülerinnen und Schüler aus der ehemaligen Sowjetunion. In den Russischkursen sind mangelnde Deutschkenntnisse kein Hindernis für eine inhaltliche Auseinandersetzung mit verschiedenen Themen. Insofern kann der Russischunterricht das Selbstwertgefühl der Schülerinnen und Schüler stärken und sich somit positiv auf die Bewältigung der anderen schulischen Anforderungen auswirken. Dieses hat sich insbesondere in dem jetzigen Jahrgang 9 bemerkbar gemacht, in dem die Schülerinnen von Beginn an über gute bis sehr gute Sprachkenntnisse in ihrer Muttersprache verfügten. Um die Stärkung des Selbstwertgefühls zu unterstützen, wurde in dieser Gruppe sehr oft in Projekten gearbeitet, deren Ergebnisse schulintern, aber auch außerhalb der Schule präsentiert wurden. So haben wir mit dem Russischkurs dieses Jahrgangs an einem Plakatwettbewerb gegen das Rauchen teilgenommen und mit unseren russischen Plakaten auch einen Preis gewonnen. Darüber hinaus haben wir einige Projekte in der Zeitschrift "Mosty" (dt.: Brü-cken) für jugendliche Aussiedler veröffentlicht.

In den unteren Jahrgängen zeigt sich zunehmend die Tendenz, dass die Aussiedlerkinder zwar noch über gute mündliche Russischkenntnisse verfügen und häufig noch mit den Eltern Russisch sprechen, aber weitgehend die Schriftsprache vergessen oder gar nicht erst gelernt haben. Hier gilt es, die muttersprachlichen Kenntnisse durch die Alphabetisierung zu vervollkommnen und somit sprachliche Wurzeln weiterzuentwickeln. Auch dieses kann sich positiv auf die Leistungsfähigkeit in den anderen deutschsprachigen Fächern auswirken. Die geringeren schriftsprachlichen Kenntnisse bieten darüber hinaus eine gute Möglichkeit für die Integration von Muttersprachlern und Fremdsprachenlernern. Beide Gruppen werden zusammen alphabetisiert, wobei letzere von der Sprachpraxis der Muttersprachler profitieren und diese sich in mündlichen Übungen in der Rolle der Lehrenden wiederfinden. Allerdings erfordert eine solche Gruppenzusammensetzung eine nicht immer vorhandene soziale Kompetenz und eine einigermaßen ausgeglichene Anzahl von Muttersprachlern und Fremdsprachenlernern. In diesem Punkt können wir noch nicht zufrieden sein, da wir mit Russisch als Fremdsprache wie auch an anderen Schulen gegenüber der "spanischen Konkurrenz" momentan noch einen schweren Stand haben.

Der muttersprachliche Unterricht Russisch ist mittlerweile ein fester Bestandteil des Schulprogramms der Gesamtschule Fährbuernfleet. Die Vorteile dieses Angebotes für Schülerinnen und Schüler aus der ehemaligen Sowjetunion sind offensichtlich. Für die überwiegend als Fremdsprachenlehrer ausgebildeten Lehrkräfte stellt dieser Unterricht allerdings eine große Herausforderung dar. Ein teilweise bereits begonnener Erfahrungsaustausch mit anderen Schulen, an denen muttersprachlicher Unterricht erteilt wird, muss weiter ausgebaut werden, um einheitliche Unterrichtsmaterialien und Bewertungskriterien zu erarbeiten. Die konstruktive Verbindung von muttersprachlichem Unterricht und Fremdsprachenunterricht muss weiter vorangetrieben werden, um die angesprochenen Vorteile beider Seiten für einen effektiven Sprachunterricht und für ein integratives Schulleben besser zu nutzen. Allerdings dürfen derartige Vorhaben nicht an mangelnden Lehrerstunden scheitern, sonst entsteht bei allen Beteiligten große Unzufriedenheit und Enttäuschung.

Mathias Burghardt, Lehrer für Russisch und
Physik, Gesamtschule Fährbuernfleet.
Mabu68@aol.com

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