«Mit dem Versagen des Jahrgangsklassensystems hängt eng zusammen die Tatsache, dass rund seit 1900 die Einrichtung von "Hilfsschulen" nötig wird.»
Mit dem in der Überschrift verwendeten Zitat von Peter Petersen (S. 254) ist bereits ein wesentlicher Gesichtspunkt des Themas angesprochen, von dem das vorzustellendes Buch handelt. Es geht nämlich um die sogenannte Jenaplan-Pädagogik.
Anhand dieser Aufsatzsammlung bekommt man zuerst eine knappe, aber verständliche Einführung in das Leben und Wirken von Peter Petersen. Dabei wird auch seine bis heute nicht eindeutig geklärte Rolle im Nationalsozialismus nicht ausgespart.
Den größeren Teil des Buches nehmen die Aufsätze zur Ausgestaltung der Jenaplan-Pädagogik und ihren Perspektiven heute ein. So werden die vier "Grundformen des Lernens" (Spiel, Gespräch, Arbeit, Feier) ausführlich dargestellt und in den pädagogischen Zusammenhang gestellt. Da in der Jenaplan-Pädagogik die von Petersen als Fetzenstundenplan bezeichnete Gestaltung des Schulvormittags abgelehnt wird, ergibt sich daraus die Forderung nach der Rhythmisierung des Schultages, möglichst in einer Ganztagsschule. Nur so kann ein sinnvoller "Wechsel von Arbeits-, Sozial-, Unterrichtsformen, von Inhalten, von Anstrengung und Entspannung, von offenen und geschlossenen Unterrichtssituationen" (S. 129) stattfinden und ein sinnvoller Wochenplan gestaltet werden.
Um auf die Überschrift zurückzukommen: Das pädagogisch überhaupt nicht zu begründende Jahrgangsprinzip wird in Jenaplan-Schulen durch altersgemischte Gruppen ersetzt. So lernen die Kinder und Jugendlichen viel mehr von einander als in den üblichen Jahrgangsklassen. Da jedes Jahr nur ein Teil der Schülerinnen und Schüler die Stammgruppe verlässt, ist es auch pädagogisch überhaupt kein Problem, wenn der eine oder die andere ein Jahr länger in dieser Stammgruppe verweilt oder ein Jahr früher in die nächste übergeht. Während heute ständig darüber diskutiert wird, ob das Abitur nun nach zwölf oder dreizehn Jahren abgelegt werden soll, ob D-Zug- oder Springerklassen einzurichten sind, bieten sich seit weit über einem halben Jahrhundert sinnvollere Alternativen einer wirklichen Schulreform.
Auch die Rolle der Lehrkräfte ist selbstverständlich eine andere; sie helfen den Schülerinnen und Schülern, sich Kompetenzen anzueignen und damit ihr Lernen selbst zu organisieren, also das Lernen zu lernen. Auch wenn in einigen Phasen bestimmte Fächer in so genannten Niveaugruppen unterrichtet werden, so wird doch mit der Fiktion homogener Lerngruppen aufgeräumt. Dies wird unter dem Begriff der im deutschsprachigen Raum noch weit gehend unbekannten "Inklusion" konsequent weiter gedacht und auf den Umgang mit "Behinderten" ausgeweitet. Es gilt eben, "die Schule kindgerecht zu machen und nicht – wie bisher – die Kinder schulgerecht" (S. 87).
Fast selbstverständlich ist es da, dass auf Ziffernzeugnisse verzichtet wird, denn Zensuren "sind zu den Maßstäben für das Können wie für die menschliche Persönlichkeit der Schüler geworden, ... an denen errechnet werden kann, wie ein Schüler steht, wer und was er ist, ..." (S. 132).
Wer nun glaubt, angesichts des hohen Anspruchs an Schule lässt sich ohne die totale Revolution im Alltag sowieso nichts ändern, sei getröstet: Die Autoren geben viele Hinweise auf mögliche "erste Schritte". Außerdem regt eine Vielzahl von Literaturhinweisen zum Weiterlesen an.
Dass es geht, hat sich bereits vielfach gezeigt, allerdings vor allem im Ausland: Während etwa in den Niederlanden ungefähr 200 Schulen angelehnt an den Jenaplan arbeiten, sind es in Deutschland bisher erst relativ wenige. Immerhin gibt es in Hamburg drei Grundschulen, die Unterricht jahrgangsübergreifend gestalten.
Und wer sich zuerst einmal einen kurzen Überblick über die verschiedenen Aspekte der Jenaplan-Pädagogik verschaffen will, bekommt auf Seite 264 einen hervorragenden Überblick.
Angesichts des insgesamt hohen Informationsgehalts lassen sich einige Längen in der Darstellung sowie Satzfehler verzeihen.
Ach, übrigens: Wer weiß denn schon noch, dass Peter Petersen sein Konzept zwar wesentlich in Jena erarbeitet hat, dass er aber vorher die Lichtwark-Schule in Winterhude leitete?
Eichelberger, Harald / Wilhelm, Marianne: Der Jenaplan heute - eine Pädagogik für die Schule von morgen; STUDIENVERLAG Innsbruck-Wien-München 2000; 289 S., 51 DM
Andreas Baumgarten