Gibt es einen Ausweg aus der Falle?
Wer heute eine Gesamtschule betritt, spürt eine Gereiztheit und Hektik, die die Freude an der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern in den Hintergrund zu drängen droht. Viele haben Angst vor dauerhafter Erschöpfung. Die Politik hat eine ganze Berufsgruppe, die Lehrerinnen und Lehrer, spüren lassen, dass sie lediglich eine Nummer sind im Kalkül um Wähler- und Elterngunst, Versorgung von Schulen mit weniger Mitteln und Umstellung eines Schulsystems auf das Messen und Testen von Ergebnissen, kurz wirkungsorientierte Steuerung genannt.
Diese Politik trifft im Gesamtschulbereich auf eine KollegInnengruppe, die sich selbstständig und eigenwillig seit Jahrzehnten über die Maßen engagiert hat, und die jetzt außerordentlich getroffen ist von der kaltschnäuzigen Arroganz, mit der in der Öffentlichkeit Mehrarbeit als Reform, als mehr Transparenz, mehr Zeitgerechtigkeit und als größerer Gestaltungsspielraum von Schulen verkauft wird.
Die Entwicklung schmerzt doppelt, weil viele LehrerInnen und SchulleiterInnen im Gesamtschulbereich noch vor einiger Zeit Arbeitszeitmodellen nicht grundsätzlich ablehnend gegenüberstanden. Sie erhofften sich davon mehr Wertschätzung ihrer Arbeit und Arbeitserleichterung durch die detaillierte Erfassung und Bewertung gerade auch außerunterrichtlicher Tätigkeiten als Arbeitszeit. Das Gegenteil ist eingetreten. Heute finden sich die AnhängerInnen von Arbeitszeitmodellen fast nur noch in den Reihen von PolitikerInnen aller Farbschattierungen, in der Schulverwaltung und in einigen Schulleitungen. Ihr wenig überzeugender Rettungsversuch heißt: Trennung von Arbeitszeiterhöhung und Arbeitszeitmodell. Das augenblickliche Desaster wird in dieser Version ausschließlich der Arbeitszeiterhöhung angerechnet.
Der Beschluss vieler Gesamtschulkollegien bestimmte unterrichtliche und außerunterrichtliche Aktivitäten einzustellen, die ihnen lange als Kernstück oder Sahnehäubchen integrativer Pädagogik galten, ist der Verzweiflung über die Mehrarbeit und öffentliche Diskriminierung ihres Engagements geschuldet.
Gesamtschuleltern, die noch vor den Sommerferien ausgesprochen aktiv waren, sind enttäuscht vom Alleingang der PädagogInnen, die häufig ihre Konferenzbeschlüsse ohne Rücksprache mit ihnen gefasst haben. Sie verstehen die Entscheidung vieler Gesamtschulkollegien, Klassenreisen, zum Teil auch Projektwochen und Betriebspraktika zu boykottieren nicht und verhalten sich abwartend. Sie werden sauer, wenn LehrerInnen ihnen erklären, dass der Klassenreiseboykott dazu dient, dass sie, die Eltern, jetzt etwas tun. Sie reagieren mit Unverständnis, wenn LehrerInnen über ihre Arbeitsbelastung sprechen. Der LehrerInnenberuf gilt immerhin als sicher, und viele Eltern, die auf einem insgesamt niedrigeren Lohnlevel ebenfalls hart arbeiten und die zum Teil Arbeitslosigkeit aus der eigenen Familie kennen, tun sich schwer mit der eingeforderten Solidarität.
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Die Schülerinnen und Schüler an Gesamtschulen spielen im Augenblick keine eigenständige Rolle. Das ist bedauerlich, weil die diese in der Vergangenheit mehrfach bewiesen haben, dass sie zu einem politischen Faktor in der Auseinandersetzung um bildungspolitische Themen werden können.
Diese eher desolate Situation wird immer wieder durchbrochen von höchst erfreulichen punktuellen Verständigungsprozessen zwischen Eltern und PädagogInnen und von Aktionen wie der der Grundschuleltern auf dem Rathausmarkt, an der auch viele Eltern und SchülerInnen aus den Grundschulen der Gesamtschulen teilgenommen haben. Insgesamt wird aber deutlich, dass momentan ein Forum fehlt, wo Gesamtschulkollegien, Gesamtschuleltern, SchülerInnen, Schulleitungen und GesamtschulvertreterInnen aus dem Fortbildungs- und Verwaltungsbereich sich verständigen. Nach der 10,3%igen Kürzung der LehrerInnenstellen im Gesamtschulbereich hat ein solches Bündnis faktisch funktioniert - ohne runden Tisch und ohne aufwändige Verhandlungen. Das Arbeitszeitmodell verlangt dringend nach einer Neuauflage. Nur gemeinsam lässt sich dieses Arbeitszeitmodell wirkungsvoll bekämpfen.
Susanne
Gondermann ¨