Nicht alles anders – vieles besser?
Bemerkungen zum neuen Rahmenplan "Gesellschaft"

Im Zuge der Überarbeitung der bisher Lehrplan genannten Richtlinien für die Unterrichtsgestaltung ist in diesem Sommer auch der neue Rahmenplan "Gesellschaft" veröffentlicht und zum 1. August 2003 in Kraft getreten. Nach den ersten Monaten Auseinandersetzung mit diesem Plan soll hiermit eine erste Bestandsaufnahme versucht werden.

Durch den Regierungswechsel erfuhr das Fach "Politik" eine Umbenennung, Politik ließ wahrscheinlich zu große Assoziationen, es handele sich um eine reine politisch ausgerichtete Unterweisung, zu, wenn dieses natürlich weder dem Lehrplan noch der schulischen Realität entsprach. Inwiefern die Bezeichnung "Gesellschaft" glücklicher ist, mag aber bezweifelt werden, denn weder die umfangreichen Anteile von Herrschaftsgeschichte noch die physischen Geographie-Anteile sind hiermit treffend überschrieben. Im Nachbarbundesland Schleswig-Holstein wird das integrierte Fach aus Geographie, Geschichte und Sozialwissenschaften als "Weltkunde" bezeichnet, vielleicht wäre dieses eine mögliche ÜbernahmeIdee gewesen.

Der Rahmenplan wurde erstellt vom Fortbildungsverantwortlichen des Faches am Landesinsitut, Viktor Hert. Zwar habe ich mich zwischenzeitlich belehren lassen, dass in anderen Schulformen (und Zeiten?) diese Art der Erstellung vorgekommen sei, ich erlaube mir aber doch die kritische Anmerkung, ob insbesondere ein integriertes Fach mit seiner besonders ausgeprägten Auswahlproblematik dafür geeignet ist, in dieser Art und Weise als Gesamtschul-Präzedenzfall behandelt zu werden. Manche jetzt schon erkennbare Probleme hätten vermieden werden können, hätten einige Augenpaare mehr frühzeitig sichten können.

Die Ziele und didaktischen Grundsätze des Rahmenplanes orientieren sich naturgemäß an den entsprechenden Aussagen des vorgeschalteten "Erziehungs- und Bildungsauftrages" für die integrierte Gesamtschule, setzt aber fachspezifische Schwerpunkte:

Grundorientierung ist die Vermittlung von demokratischen Werten und die Teilhabe am demokratischen Leben. Hierfür werden werden zentrale Fähigkeiten vorausgesetzt, die im Unterricht angestrebt werden: Analyse, Reflexion, Konfliktaustragung, Toleranz und Solidarität stehen hier als Kompetenzen, die zusammen mit "Orientierungswissen" genannten Fakten in eine auf Urteilskraft basierende Handlungsfähigkeit einmünden sollen. Diese auch schon in den vorherigen Richtlinien zu findenden Ziele sollen auf Grundlage didaktischer Orientierungen behandelt werden, die ähnlich global und bekannt klingen:

Dieses ist alles natürlich bedenkenswert, aber doch ein wenig kursiv und relativ unverknüpft mit dem natürlich folgenden Fachinhalte-Katalog.

Dieser beendet das bisherige Nebeneinander von geographischen, sozialwissenschaftlichen und historischen Themen, die in der schulischen Realität zumeist als nacheinander abzuarbeitende Themen realisiert wurden und gruppiert die Inhalte um die Aspekte der Gegenwartsgesellschaft herum, denen Themen aus den Bereichen Raumbezug und/oder Zeitbezug sowie andere Fachthemen zugeordnet werden.

So wird zum Beispiel für die Jahrgangsstufen 5/6 das Thema "Lebenswelten" mit den Bezugs-Bereichen "Kinder in anderen Ländern" und "Kinder in früheren Zeiten" verknüpft, es besteht die Möglichkeit, es mit dem Geographie-Thema "Orientierung auf der Erde" zu verknüpfen.

So werden für die insgesamt zwölf Gegenwartsgesellschafts-Themen (jeweils vier pro Doppeljahrgangsstufe) fast durchgehend Bezugsthemen angegeben, zudem noch Querverweise für die jeweils sechs Geographie- und Geschichts-Themen (hier jeweils zwei für jede Doppeljahrgangsstufe). Dieser Ansatz, einen roten Faden anhand einer Gegenwartsgesellschaftsorientierung in das Schulfach hineinzubringen, setzt am Sammelsuriums-Problem des alten Faches Politik an und ist sinnvoll. Allerdings ist die schematische Zuordnung von Bezügen zu umfangreich und schadet der Gesamtidee durch ihren Unrealismus.

Wirft man jetzt noch einen Blick auf die einzelnen, insgesamt 24 Themen, so fällt ihre sehr umfangreiche Auflistung von relevanten Begriffen, Jahreszahlen und Personen auf, die kaum im Unterricht zu behandeln sind. Zudem sind die Themen sehr unausgewogen, in den Jahrgängen 9/10 steht einem Sozialstaats-Thema die gesamte erste Hälfte des 20. Jahrhundert gegenüber, das unter dem Überschrifts-Gegensatzpaar "Liberale Demokratie oder totalitäre Diktatur" (persönliche Assoziation: "Das Gute und das Böse in der Welt") behandelt wird. Hier ist der Autor ganz offensichtlich von seiner klaren Zahlen-Struktur eingeengt worden, die ihn zwang, nur zwei Geschichtsthemen in 9/10 vorzusehen, und dahingegen vier Gegenwartsgesellschaftsthemen zu verankern.

Im Sinne der aktuellen Diskussion finden sich im Rahmenplan drei ökonomische Themen, deren Umsetzung vernüftigerweise in Zusammenarbeit mit dem Fach Arbeitslehre geschehen soll, gerade aber in diesen durch das Arbeitszeitmodell geprägten Zeiten stehen die KollegInnen in der Frage der Realisierung aber ziemlich ratlos da, für die Umsetzung gibt es seitens der Behörde oder des Landesinstituts keine Hilfestellung.

Insgesamt ist der neue Rahmenplan ein begrüßenswerter, aber noch reformbedürftiger Ansatz, in dessen Überarbeitung bis zur endgültigen Einführung sich hoffentlich viele Kolleginnen und Kollegen einschalten werden.

André Bigalke
Fachvertreter Gesellschaft Ida Ehre Gesamtschule
   
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