Wir hatten eine Lehrerin, die nicht mehr jung war, vielleicht vierzig oder fünfzig, eine graue, kalte, hagere Person, die immer vernünftige Schuhe mit flachen Absätzen und dicke Strümpfe trug. Sie unterrichtete Geschichte. Wenn wir ihre Schritte vor der Klasse hörten, saßen wir alle mucksmäuschenstill, selbst die Mädchen mit dem schlechten Umgangston. Weshalb? Sie schlug uns nie und drohte nicht mal damit, nein, es lag an ihrer verächtlichen, sarkastischen Art, ihrem ärgerlichen Ton. Sie stellte sich mit dem Lineal in der Hand hin, starrte die gewöhnlichen Mädchen an, eine nach der anderen, und sagte ihnen, sie seien nichts als Pöbel, der Abschaum, sie hielten sich für schlau, aber nur, weil sie nicht sehen könnten, wie dämlich sie auf jemanden wirkten, der gebildet war. Die kalten Augen wanderten langsam weiter durch die Klasse, als hätten sie alle Zeit der Welt, von einem Gesicht zum anderen. Dann legte die Lehrerin ihr Lineal absolut präzise ausgerichtet auf das Pult und fing mit dem Unterricht an.

Aus: Doris Lessing, Unter der Haut, Autobiographie, Bd 1, 1994

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