Maxl ging auf Reisen
Die neue Ausbildungsordnung für Gesamtschulen (APO-iGS) Eine achte Klasse der Max-Brauer-Gesamtschule auf den Spuren von Wikingern, der Hanse und den "Vitalienbrüdern"

Tagebucheintrag vom 05.06. 2003

Wir liegen am Nordausgang des Kalmarsundes vor Anker.
Unsere Fotos werden nur einen kitschigen Sonnenuntergang wiedergeben können, so unglaublich schön ist er hier.
Die Jugendlichen nehmen das wahr, sie schauen, wir werden alle etwas stiller und fühlen uns ganz klein in diesem gewaltigen Panorama.
Aus einer türkisenen Wasserfläche ragen zahlreiche Granitinseln hervor, mal so klein, dass nur ein Sommerhaus Platz darauf findet, mal größer, Platz für kleine Ortschaften und Fischerhäfen. Über "Dingis", unsere Beiboote, erkunden wir ein menschenleeres Inselchen. Für die Länge einer Lagerfeuerromantik nehmen wir sie in unseren Besitz und setzen die Max Brauer-Flagge in Form eines T-Shirts.

Der Wind ist südlich weich, der skandinavische Sommer zaubert Glitzerpunkte in die Granitfelsen.
Wir sind im schwedischen Schärengarten. Eine Baumgruppe lässt den Blick auf die See passieren. Da liegen wir.
Zwei Traditionssegelschiffe mit ihren hellen Rümpfen in einer smaragdgrünen
Lagune.

Verrückt, Schatzinsel, John Silver,
Siebzehnhundertzwölf in der Südsee
.
Ein Teil der Schüler will baden, aber keiner mag der erste sein. Das Wasser ist hier oben noch ziemlich kalt. Andere schreiben oder lesen. Marco fischt nach seinem Fernglas. Er hat es dummerweise beim Einstiegsversuch ins Beiboot versenkt.

Wir befinden uns auf der Rückreise.
Seit der sechsten Klasse haben wir einen roten Faden: Im achten Jahrgang steigen wir für sechs Wochen aus. Ein fächerübergreifendes Projekt in der grenzenlos gewordenen, neuen Ostsee, dem baltischen Meer. Mecklenburg, Dänemark, Schweden, Polen ... Kochen, Wäsche waschen, Wetterberichte, Seekarte lesen können und die Grundregeln der Navigation beherrschen. In größeren Städten (Wismar, Stralsund, Visby etc.) "führten" uns eingearbeitete "Scouts"der Klasse 8A. Die Wikinger, die Hanse, das europäische Mittelalter im Baltikum. Zurück in Hamburg machten wir eine Präsentationsveranstaltung.
Die Eltern ? Begeistert! Wenig Skeptiker.
2 Schiffe, 26 Jugendliche, 2 Kapitäne, 6 "Mannschaften" und 2 Klassenlehrer.
Meine Kollegin Jutta Klingeberg ist die Mutigste von uns allen.
Unsere Schüler haben seit der sechsten Klasse wenigstens alle den Segelgrundschein – das gehörte zum "roten Faden" wie das Kochen lernen.
Jutta aber war noch nie auf einem Segelboot. Die feuchte Enge, die Seewasserklos und hiermit verbundene Verstopfungen der Seewasserventile...
Eigentlich ist im Jahrgang 8 ein Berufspraktikum an der Max Brauer Schule vorgesehen.
Und genau das machten wir:
Ein Berufs- und Lebenspraktikum.
Die Jahrgänge 7-9 sind kein Zuckerlecken. Generationen von Kolleginnen und Kollegen beißen sich durch schulmüde und pubertierende Schülergruppen. Coolheit, Klamotten, Rauchen und Kiffen – für viele alles wichtiger als Mathe und Englisch.
Für mich übrigens damals auch. Kenntnisse werden in einigen Fachbereichen in Einzelfällen sogar regressiv. Regelüberschreitungen und unverschämtes Verhalten – wir wollten nicht darauf warten. Bekannterweise gibt es Gegenstrategien. Sie liegen in der einfachen Idee, Schule außerhalb von Schule zu machen, denn Bildung ist an keinen festen Ort gebunden. Ist das banal? Ja! Raus, sich durchlüften, am liebsten drei Großprojekte zur Auswahl. Drei Monate ein Haus restaurieren, ein Schiff bauen, mit dem Rad Flusslandschaften erkunden oder eben das Meer vor unserer Haustür "erkennen".

Etwas blieb:
Sechs Wochen – zwei Schiffe,
Maxl geht auf Reisen
.

Tagebucheintrag vom 08.06.2003
Der Wind soll auf Ost drehen – gut für uns, denn Bornholm liegt südwestlich von uns. Allerdings soll der Wind heute Nacht bis 7 Windstärken auffrischen. Das ist fast Sturm.
Der Wind kommt noch aus Südwest, da aber wollen wir hin.
Mag sein, dass es für die Kinder dieses Mal schwieriger wird, aber eine Schwerwettersituation überstanden zu haben, kann als Lebenserfahrung von symbolischer Sinnkraft gewertet werden.

19:15 Uhr
Habe Freiwache. Gedanken ... Marcel hatte nichts mehr zu lesen – fand an Bord "Jenseits des Tweed" von Fontane: "Ist das gut, Herr Kossik ?" – "Es ist schwierig, aber..."
Das Funkgerät quakt dazwischen: "Stormvarning", Ost 8–9 Windstärken prognostizieren die schwedischen Meteorologen.
21:00 Uhr
Wind noch immer aus Südwest, Böenwalzen um 7 lassen das Schiff luvgierig werden, den Rest erledigt eine 2–2,5m hohe Welle, die unter dem Schiffskörper entlang gurgelt, das Schiff hebt, es aus dem Kurs werfen will und es wieder fallen lässt.
Höhenunterschied 2,50m, rauf und runter. Der einsame und monotone Kampf des Rudergängers mit der Kompassrose. Es ist stockdunkel. Nichts mehr mit skandinavischem Frühsommer: Sonnenuntergang im Westen, dann, gleich darauf, Sonnenaufgang im Osten, und, Symmetrie der Gestirne, Mondaufgang im Westen. Nichts mehr von diesen Nettigkeiten. Die helle Kompassleuchte blendet.
205 Grad können wir fahren, das Leuchtfeuer von Christiansö klar an Steuerbord halten! Kapitän Burkard Möller hat gut reden, der Lichtkegel des Leuchtturmfeuers ist selten zu sehen. Immer dann nämlich, wenn der nach oben steigende Bug unseres zweimastigen Schoners den Kegel nicht verdeckt. Blick auf den Kompass. Die Rose dreht und dreht, selten bleibt sie genau auf der 205 Grad Markierung.
Alle können "Rudergehen", also steuern. Keiner ist mehr unsicher auf den "Stelzen". Wir lösen uns im Halbstundenrhythmus am Ruder ab. So macht das Spaß.

22:25 Uhr
Das Großsegel muss runter, der Winddruck nimmt zu. All hands on deck!
Adrian und Elsa pennen erschöpft von der See im Vorschiff.
Überhaupt habe ich Jugendliche dieser Altersgruppe noch nie soviel schreiben, lesen und schlafen gesehen. Schlaf auf See ist mitunter aber auch ein erstes Anzeichen für Übelkeit.
Auf die ersten beiden Dinge sind Jutta und ich mächtig stolz.
Elsa und Adrian – ich rufe, keine Reaktion.
Ich schreie, Stille.
Verdammt, wo sind die?
Ich rase den Niedergang runter, wobei mein Hintern auf die letzten vier Sprossen knallt.
Das Steißbein meldet ans Hirn. In der Vorpiek angelangt, machen meine Füße Bekanntschaft mit einer dieser plattgedrückten Plastikflaschen. Ich rutsche aus und schlage der Länge nach hin. Im freien Fall muss ich eine prima Figur abgegeben haben, meine Fingerspitzen wollen nach der Niedergangsleiter greifen, berühren sie auch, aber dingeln die Länge der Sprossen von oben nach unten ab. Nun sind auch Elsa und Adrian wach.
Ist es richtig oder irre ich mich? – Im Westen ein kleines blaugraues Band, nicht mehr tief schwarz. Die im Osten zögerlich aufsteigende Sonne wird von den Wolkenbanken im Westen vorsichtig reflektiert. Kein Zweifel, der Dämmerungszeitpunkt nähert sich.

Ausgehend vom Jahrgang fünf haben wir feste Rituale. Für Außenstehende wirken sie mitunter anachronistisch. Arm heben heißt, alle heben den Arm und schweigen.

Das klappt nicht? Das klappt!

Außerdem gibt es Phasen, die wir "Schweigezeit" nennen. Reden und herumrennen ist verboten. Wir sind da klösterlich eng. In der "Schweigezeit" entstanden Zeitungsartikel und die zahlreichen Aufzeichnungen für die Bordtagebücher. Und es wurde nachgedacht:

Was erzähle und präsentiere "ich", wenn "ich" wieder zurück bin?

Ohne die "Schweigezeit" wären die Gruppen mit ihren verschiedenen Arbeitsaufträgen nie zur Ruhe gekommen. An Bord oder an Land – vieles drehte sich um das Schiff, das Kochen, das Wetter und die neuen Kurse. Nein, wir "machten" auch "Politik Mathe und Deutsch", wir "machten" eben nicht nur eine Projekt-SEGEL-reise. Die Verknüpfung von Erlebnispädagogik mit kognitiven Zielen war darum immer im Konflikt.

Traditionssegelschiffe bieten wenig "Luxus", sie fressen die Zeit, sind wunderschön und anstrengend. Kapitän und Schiffscrew haben zudem auch ihre Ansprüche und Forderungen. Manchmal mussten wir schon fast eifersüchtig "die Zeit nehmen" – gegen das Schiff. Nicht weiter, heute bleiben wir hier und arbeiten an Texten auch wenn der Wind günstig scheint.

Marcel und andere haben wir vor die Wahl gestellt: Wer raucht, kifft oder Alkohol trinkt, kommt nicht mit. Entweder Rauchen oder das Projekt. Beides kann es nicht geben.
Immer wieder wurden mehrere Schülerinnen und Schüler vor die Wahl gestellt.
Unsere Tutrunden sind auch heute noch Dreh- und Angelpunkt. Hierzu gehört auch der "heiße Stuhl", auf dem sich der eine oder die andere schon mal über ein Verhalten den anderen gegenüber rechtfertigen muss. Die Offenheit und mitunter auch Härte in den Auseinandersetzungen haben wir uns über die Jahre erarbeitet. Es gibt sie nicht automatisch. Das Ritual unserer Tutsitzungen – auch auf Klassen- und Projektreisen, wird eben so hoch von uns angesiedelt wie Mathe, Deutsch und Englisch.
Unsere Schüler und Schülerinnen wissen dieses und nutzen es.
Wir auch.
Ein dreiviertel Jahr vor dem Start kannten die meisten unserer Schülerinnen und Schüler die Schiffe. Sie haben sich an Werft- und Winterarbeiten beteiligt: Rostklopfen, schmirgeln, streichen. In einem Fall kreiste eine Aldibuddel, ein Alkohol-Fruchtsaftzuckerschlecker. Heißer Stuhl! Die Reise war gefährdet. Wir hätten 5 Schülerinnen "zu Hause" lassen müssen – zuviel! Wir wären nicht gefahren, ehrlich !
Heimweh gab es an Bord. Das ja. Eine Schülerin verließ uns: Heimweh und eine frische Liebe in Hamburg. Alle anderen hatten damit kein Problem. Niemand hat geraucht, kein Schüler trank oder kiffte. Der Preis, mit allen Eltern vereinbart und unterschrieben, war jedem bekannt: Segeln oder ... es kann keine Kompromisse geben.
Marcel war mit an Bord. Er wurde auf der José Martí zu einem der zuverlässigsten und konsequentesten Crewmitglieder...
Ohne "unsere" Eltern, hätten wir es wohl nicht geschafft. Ihr Vertrauen zu unserer Pädagogik, unseren Zielen und unserer Entschlossenheit führte zu einem freundschaftlichen Miteinander, Flohmärkten, Sparaktionen und Sponsorensuche. Noch nie haben wir in unserer Berufstätigkeit so viel freundliches Entgegenkommen erlebt. Niemals zuvor sind wir für unsere Arbeit derart honoriert worden.

"Eure" Kinder sind "irgendwie so anders", sagen Kolleginnen und Kollegen. Unsere Schüler grüßen und sagen "Auf Wiedersehen". Sie hören zu, scheinen insgesamt "ruhiger" zu sein. Ferdi wäscht zu Hause sogar auch mal ab und alle können etwas mehr als Kartoffeln heiß machen.
Wie lange hält so etwas an?
Was passiert auf Dauer, wenn uns das System Schule wieder hat?

Holger Kossik, Max-Brauer-Gesamtschule    ¨

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